18. März 2009

Rede anlässlich der 1. Verleihung der Joseph-Kuhl-Medaille
Von Prof. Dr. Günter Bers [23.03.2009, 20.19 Uhr]

Kulturhaus am Hexenturm versammelt Museum, Archiv und Bibiothek. Quelle: Stadt Jülich

Kulturhaus am Hexenturm versammelt Museum, Archiv und Bibiothek. Quelle: Stadt Jülich

Der Mensch bedarf zur Gestaltung der eigenen Existenz der Erinnerung, auch wenn dies einer Mehrheit erst mit zunehmendem Alter deutlich und erkennbar wird. Doch schon Kinder können Erfahrungen und Erlebnisse internalisieren und sie bei Bedarf, wenn auch sicher vielfach unbewusst, abrufen.

Diese Möglichkeit und Fähigkeit der Erinnerung ist „Geschichte“ und betrifft zunächst vielfach nur den individuellen oder auch familiären Bereich, weitet sich dann aber aus auf Kollektive, denen man angehört oder verbunden gewesen ist, wie Schulklassen, Arbeitsstätten, religiöse Zusammenschlüsse, Vereine oder Reisegruppen. Diese Rückblicke sind zunächst auf das Individuum bezogen. Da aber dieses so gut wie immer Teil einer Gemeinschaft ist, gibt es zahlreiche, mehr oder weniger parallel laufende Gedächtnisstränge, die zusammen gesehen dann die Erinnerung einer Kommune, einer Region, eines Stammes oder eines Volkes ausmachen. Diese Erinnerungen können wertvolle Erfahrungen für die je eigene Gruppe signalisieren.

Vom Nutzen des Sammelns
Als ein bekanntes Beispiel hierzu diene die menschliche Sprache. Sie wird zunächst eher unbewusst gelernt, aber das Gedächtnis speichert die Bedeutung der einzelnen Laute und ihrer Verbindungen, um sie dann im Laufe der Zeit als Kommunikationsmedium gebrauchen zu können. So sind z. B. unsere Vor- und Familiennamen, die Bezeichnungen für Orte, Flüsse, Gebirge bereits sprachliche Verdichtungen, die für den Kundigen schon eine Menge an Informationen über den oder die Träger eines Namens preisgeben. Auf lange Sicht gesehen bedarf jede Gemeinschaft der Pflege, aber auch der Herausarbeitung der kollektiven Rückschau, wobei die Gewichtung der einzelnen Gesichtspunkte naturgemäß unterschiedlich ausfallen kann.

War es in weit zurückliegenden Zeiten der Mythos, etwa der gemeinsamen Abstammung, uns bekannt als die Herkunft von Adam und Eva, so hat die Entwicklung der letztvergangenen Jahrhunderte nun eine jederzeit nachvollziehbare Erinnerung erforderlich gemacht, die zu ihrer Nutzung auch auf feste, zur Kontinuität angelegte Institutionen angewiesen ist, die dem landläufigen Sprachgebrauch folgend als Bibliothek, Museum und Archiv bezeichnet werden.

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Die eine Institution sammelt alle gedruckt vorliegenden Quellen zur Geschichte etwa einer Kommune. Dies können ganz triviale Objekte sein, wie etwa ein Telefonbuch, das der normale Nutzer oder die Nutzerin sofort nach Veralten fortwirft. Dies können Reklamezettel für Waschmittel oder politische Wahlen sein. Auch sie spiegeln einen wenn auch winzigen Anteil der je aktuellen Gegenwart.

Die anderen sammeln Gegenstände, angefangen von bei Ausgrabungen zutage tretenden Objekten bis zu künstlerisch hochwertigen Exponaten vergangener Stilrichtungen. Das Archiv bewahrt schließlich handschriftliche oder sonstwie verschriftlichte, jedenfalls nicht gedruckt vorliegende Texte. Dabei kann es natürlich auch Mischformen geben. Allen diesen drei Gedächtnissammlungen ist eigen, dass sie, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen sollen, von ausgebildetem und sachkundigem Fachpersonal betreut werden müssen, dessen Spezialkenntnisse in einem oft lang andauernden Prozess zu erwerben waren. Leider ist die Pflege von Geschichte nicht unabhängig von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Seit der Antike gibt es Beispiele dafür, dass die Geschichtswissenschaft von den Mächtigen oft zu manipulativen Zwecken missbraucht wird. Dies reicht von der Tilgung von Herrschernamen im Ägypten der Pharaonen, etwa auf Denkmälern oder in Pyramiden, durch einen der Nachfolger bis hin zum Missbrauch der Ahnenforschung zur Herrschaftsstabilisierung einer politischen Partei in noch nicht allzu ferner Vergangenheit.

Das erste größere Kollektiv, die erste größere Gemeinschaft, die der Mensch erlebt, jedenfalls in unseren Regionen, ist die Gemeinde eines Dorfes oder einer Stadt, in der dieser vorwiegend lebt. Die Pflege der kommunalen Geschichte ist deshalb ein besonderes Anliegen, erfordert allerdings auch ein ganzes Bündel von Fähigkeiten und Begabungen nebst einer häufig emotionalen Bindung an den jeweiligen Ort. In der Regel ist diese Hinwendung zur örtlichen Geschichte mit dem aktuellen oder dem früheren Lebensraum verbunden.


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