Rede anlässlich der 1. Verleihung der Josep-Kuhl-Medaille, 2. Teil
Von Prof. Dr. Günter Bers  [23.03.2009, 20.25 Uhr]

Joseph Kuhl war Heimatforscher und Rektor des Pro-Gymnasium. Quelle: Gymnasium Zitadelle

Joseph Kuhl war Heimatforscher und Rektor des Pro-Gymnasium. Quelle: Gymnasium Zitadelle

Die Verdienste von Joseph Kuhl
Ein Mann, der als erster dieses Engagement für die Stadt Jülich geleistet hat, ist der frühere Rektor des Jülicher Pro-Gymnasiums (seit 1862), Dr. Joseph Kuhl, wegen seiner Verdienste 1886 zum Professor ernannt. In einer jahrzehntelangen Arbeit hat er die Geschichte der Stadt Jülich, von der bis zu diesem Zeitpunkt nur wenig Verlässliches bekannt war, erforscht und sie in vier umfangreichen Druckbänden veröffentlicht. Wenn man bedenkt, dass er dies zu einer Zeit gemacht hat, in der es weder Schreibmaschine oder elektrisches Licht, weder Diktaphon noch Computer gab, auch keine nennenswerten Vorarbeiten, sondern dass er seine Erkenntnisse mühsam aus zehntausenden, in einer damals nicht mehr üblichen Schrift verfassten handschriftlichen Dokumenten herausgefiltert hat, so wird man ihm Bewunderung nicht versagen können.

Mit Recht hat ihn die Stadt Jülich im Jahre 1897 zum Ehrenbürger ernannt, und unsere Gesellschaft hat sich bei ihrer Gründung 1989 seinen Namen zugelegt. Die Beschäftigung mit der Geschichte und die Sicherung ihrer dinglichen Grundlagen ist nun eine Aufgabe, die sich jeder Generation neu stellt, und es kostet nicht geringe Mühe, die institutionellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, zu erhalten und in die Zukunft fortzuführen. Hier hatte die Stadt Jülich, trotz der Vorarbeiten Kuhls und anderer verdienstvoller Männer – ich erinnere hier nur an den Verleger Adolf Fischer – doch ein gewisses Defizit aufzuweisen, nicht zuletzt bedingt durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der 1920er und 1930er Jahre und der Zerstörung der Stadt Jülich durch die Kriegsereignisse 1944/45 und den dann notwendigen Wiederaufbau, der zunächst alle Kräfte bündeln musste, um das schiere Überleben zu ermöglichen.

Was in Jülich bis in die jüngere Vergangenheit fehlte, waren geeignete Gebäude für die genannten Institutionen Bibliothek, Museum und Archiv sowie das Vorhandensein personeller, hauptamtlicher Ressourcen zur Realisierung der damit verbundenen Aufgaben, denn ab einer bestimmten Größenordnung ist das Betreiben solcher Aufgaben nicht mehr mit dem Einsatz ehrenamtlicher Helfer möglich.

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Nicht einfach war es, so Prof. Bers, einen Künstler für die Gestaltung und eine Werkstatt für die Ausführung der Medaille zu finden - beides ist offenbar bestens geglückt.

Nicht einfach war es, so Prof. Bers, einen Künstler für die Gestaltung und eine Werkstatt für die Ausführung der Medaille zu finden - beides ist offenbar bestens geglückt.

Stiftung der Joseph-Kuhl-Medaille
Der heutige Tag ist in der Geschichte unserer Joseph-Kuhl-Gesellschaft zweifellos ein besonderer; denn zum ersten Mal wird der von uns initiierte Ehrenpreis, die Joseph-Kuhl-Medaille, verliehen. Sie wurde von uns gestiftet anlässlich unseres zwanzigjährigen Bestehens und zur Erinnerung an den genannten bedeutenden Ideenträger unserer Stadtgeschichte, dessen Namen auch die inzwischen über 80 Titel zählenden Schriften unserer Gesellschaft ziert. Damit sollen Persönlichkeiten geehrt werden, die sich in spezieller Weise um die Erforschung der Geschichte nicht nur der Stadt und des Herzogtums Jülich selbst, sondern im weiteren Sinne auch der Geschichte des Rheinlandes verdient gemacht haben oder die eine solche Erforschung ermöglicht haben. Seit ihrem Bestehen weiß sich die Joseph-Kuhl-Gesellschaft diesem Auftrag verpflichtet, und wie die kontinuierliche Dichte der von ihr betreuten und veröffentlichten Publikationen beweist, ist die Erhellung der Jülicher Regional-und Ortsgeschichte ein schier unerschöpfliches Feld mit einer ganz eigenen Dynamik. Es kann daher nicht überraschen, dass dieser Gegenstand immer wieder zu neuen Ansätzen, Perspektiven und Erörterungen anspornt und herausfordert; von der Dissertation, die sich der Erschließung eines neuen Aspektes widmet, bis hin zur Miszelle, die einen kleinen, aber durchaus nicht unwichtigen Seitenaspekt einer bereits bekannten Problematik thematisiert. Wir als vereinsrechtlich organisierte Gesellschaft können uns daher glücklich schätzen, in unseren Reihen sowohl dem spezialisierten Fachgelehrten als auch dem historisch interessierten Laien im ursprünglichen wie weiteren Wortsinn eine geistige Heimat zu bieten.

Der Begriff „Heimat“ ist ja, so möchte ich sagen, ein durchaus vielschichtiger Begriff; er bezeichnet unsere individuellen und auch gemeinschaftlichen Vorstellungen über unsere Vergangenheit ebenso wie unsere Verortung in der Gegenwart und gibt uns oft auch die Richtung für die Zukunft vor. Gerade im Zeitalter einer anonymisierten Globalisierung haben wir eine Renaissance des Heimatbegriffes zu verzeichnen; denn der Mensch ist in komplexe kulturelle und soziale Bezüge verwoben und sucht sich seiner selbst zu vergewissern. In dieser Dimension wird der Heimatbegriff bezüglich der Herkunft zur kulturellen Identität schlechthin. Diese Frage ist ein geradezu konstiuierendes Element unseres emsigen Forscherfleißes und Richtschnur unseres Handelns; und so möchte die Joseph-Kuhl-Gesellschaft mit der Stiftung dieser Medaille auch einen Beitrag zur Stärkung und vermehrten öffentlichen Anerkennung der Historie unseres Gemeinwesens leisten, das sie zu ihrer Arbeit inspiriert.

Wie ich schon bei anderen Anlässen Gelegenheit hatte festzustellen, bildet die mikrokosmische Geschichte Jülichs in geradezu beispielhafter Weise auch die größeren Geschehnisse im historischen Makrokosmos ab, wodurch diese in vielfacher Hinsicht besser nachvollziehbar werden. Diese „Welt im Kleinen“ (mundus in gutta) in ihren geschichtlichen Dimensionen aufzuzeigen und ihr mannigfaltiges Beziehungsgeflecht abzubilden, ist von jeher Anspruch unserer Vereinigung gewesen. Ihr Maßstab ist das Lebenswerk Joseph Kuhls selbst, der Geschichtsschreibung nicht nur als Selbstzweck, sondern immer auch als vermittelnden Beitrag des Historikers zur Bildung und Stärkung des öffentlichen Bewusstseins begriff. In den Geisteswissenschaften wird in den letzten Jahren zunehmend das Konzept des „kulturellen Gedächtnisses“ diskutiert; man wird sicher sagen können, dass sich in der Geschichte gerade auch des Jülicher Gemeinwesens diese Begrifflichkeit modellhaft konkretisiert. Die nun gestiftete und ausgelobte Ehrenmedaille soll, wie bereits erwähnt, an Persönlichkeiten verliehen werden, die diese Überlegungen in ihrer Tätigkeit besonders zu würdigen wussten, solche konzeptionelle Optionen aufgegriffen und mit Überzeugung geholfen haben, diese zu realisieren. Daher ist es mir eine große Freude und besondere Ehre, heute zwei sehr verdiente Herren im Namen der Joseph-Kuhl-Gesellschaft mit dieser Medaille für ihr Werk auszeichnen zu dürfen.

Mit Bedacht haben wir für die erstmalige Verleihung zwei Repräsentanten dieser Ideen ausgesucht, symbolisieren sie doch die Doppelpoligkeit unserer Arbeit. Zum einen geht es um die Geschichte unserer Stadt Jülich, zum anderen aber auch um das weite Jülicher Land, das aus der städtischen Perspektive gesehen manchmal etwas fern zu rücken scheint.

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