Bürgerforum der CDU-Nord

Nordviertel: Ein heißes Pflaster aber statistisch unauffällig
Von Dorothée Schenk [23.11.2007, 19.02 Uhr]

Vor allem undiszipliniertes Ballspiel auf der Kopernikusstraße und dem angrenzenden Wiesenstück ist für die Anwohner ein Stein des Anstoßes.

Vor allem undiszipliniertes Ballspiel auf der Kopernikusstraße und dem angrenzenden Wiesenstück ist für die Anwohner ein Stein des Anstoßes.

Richtig Dampf ablassen konnten die Anwohner der Kopernikusstraße bei der Frage nach dem Leben im Nordviertel. Laut wurde der Unmut über die 30- bis 40-köpfige Kinderschar, die verbotenerweise auf der Wiese zur Nordstraße hin Fußball spielt und auch nicht vor den Garagentoren von Einfamilienhausbesitzern Halt macht. Jugendliche zögen bandengleich über Garagendächer und an den Vorgärten vorbei – lärmend und mit unverschämtem Auftreten. Dass zu Halloween Eier fliegen, Scheiben – laut Anwohner „mit Vorsatz“ – eingeworfen werden und Raketen zu Silvester in Briefschlitzen landen, gehörte ebenfalls zum Anklagekanon der etwa 15 betroffenen Hausbesitzer. Das war ein heißer Einstieg in das Bürgerforum zum Thema „Leben im Nordviertel“ zu dem die CDU-Nord mit dem Ortsvorsteher Helmuth Hoen in die Kleingartenanlage der Nordpolder eingeladen hatte.

Obwohl zum Sitzungsbeginn Hoen das Nordviertel eindeutig räumlich von der Nordseite der Zitadelle über die Neusser Straße bis zum Neubauviertel Victor-Gollancz-Straße eingrenzte war sofort klar: Der Brennpunkt ist die Kopernikusstraße. So mussten noch reichlich Stühle gerückt werden, um allen Interessierten Platz zu machen.

Offenbar in Erwartung einer emotional geladenen Diskussion hatten sich die Gastgeber ein üppig bestücktes Podium mitgebracht: Die Polizei trat in Dreifachbesetzung mit dem Leiter der Jülicher Dienststelle, Uwe Drechsler, dem Beamten im „Vedel“, Lutz Heinrichs, und dem Jugendstraßenpolizisten Norbert Hermanns an. Der Leiter der Ordnungsamtes Günther Kuhn sowie sein Vize Pinell waren erschienen, gleichfalls Katarina Esser, Leiterin der Stabsstelle für Gesundheit und Soziales der Stadt Jülich, Angelika Schmitz vom Jugendamt des Kreises Düren sowie Berti Gierling vom Sozialdienst Katholischer Frauen. Streetworkerin Karin Heinrichs ließ sich urlaubsbedingt entschuldigen. Geballte Kompetenz, die aber für die sehr persönlichen Probleme der Anwohner wenig Lösungen bieten konnten.

Den Vorwurf der Tatenlosigkeit ließen allerdings weder Polizei noch Ordnungsamt auf sich sitzen: Verstärkt werde Streife gefahren und die Beschwerden seien seither auch zurück gegangen. Keine Auffälligkeiten zeigt die Statistik gegenüber anderen Jülicher Wohnvierteln, betonte Dienststellenleiters Drechsler. Drei Mitarbeiter beschäftigt die Polizei nach seiner Aussage für die Annahme und Bearbeitung von Beschwerden und auch Ordnungsamtsleiter Kuhn rückt regelmäßig aus.

Kein Trost, wenn sich aus der an sich schon nervenaufreibenden Situation auch noch finanzielle Verluste ergeben. Luise Thöne berichtete, dass sie ihren Gartenzaun, eine eingeschlagene Scheibe sowie ihr Flachdach ersetzten musste. Ein Schaden von mehreren tausend Euro, für den die Eltern der Kinder mangels Vermögen nicht zur Kasse gebeten werden können, also aus der Tasche der Geschädigten bezahlt werden.

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Klar ist: Das Kopernikusstraßenfest hat nicht wirklich zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen den Zugezogenen und Alteingesessenen geführt.

Klar ist: Das Kopernikusstraßenfest hat nicht wirklich zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen den Zugezogenen und Alteingesessenen geführt.

Ganz andere Erfahrungen hat Dirk Eickenhorst gemacht: Keine Probleme habe er weder im Alltag noch bei Feiern im Umgang mit seiner Nachbarschaft in der Kopernikusstraße 16. Anton Königstein, der sich an diesem Abend zum Sprecher der Besitzer von Einfamilienhäusern im Einzugsbereich machte, entgegnete, dass ja auch vor allem Hauseigner im Visier der Angriffe seien. Ein Werteverfall des Eigentums beklagte er außerdem. Es gab ebenso Stimmen, die Angst vor Spaziergängen in der Dunkelheit formulierten, wie solche, die erklärten, sich frei und ohne Frucht auch bis nachts im Viertel zu bewegen.

Dabei betonen alle Betroffenen, dass sie weder Ausländer- noch Kinderfeindlich seien. Andererseits monierten die Radfahrer unter den Anwohnern , dass auf zwei Rädern kein Durchkommen sei bei der Kindermenge, die bevorzugt auf der Straße spiele und keinen Platz mache. Rücksichtslos und schlecht erzogen seien sie. Die Namenlosigkeit und damit die mangelnde Kontaktmöglichkeit zu den Eltern und Familien formulierte Gertrud Völler als das größte Problem.

Kinderlärm und Fußballspiel, so referierte Bezirkspolizist Heinrichs, sind laut Justiziar „tagsüber zu erdulden“. Den Vorschlag, die Wiese zu sperren und den Kinder und Jugendlichen alternative Bolzplätze an der Petternicher Straße anzubieten, ließen Jugendpolizisten Hermanns sagen: „Kinder gehören genauso zu uns, wie alte Menschen. Wir können sie nicht an den Rand drücken.“ JU-Vorsitzender Marco Johnen vermutet zu wenig Freizeitmöglichkeiten als Ursache der Probleme, lediglich der Bolzplatz hinter der Röntgenstraße stehe zur Verfügung und liege zudem „außerhalb“.

Von „Angriff“ und „Front“ war viel die Rede im Diskussionsverlauf. „Wir sind doch nicht im Krieg“, wehrte sich Harald Bleser, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur, Soziales und Integration der Stadt Jülich. Ein „doch“-Gemurmel wabberte durch den Raum. In dieser Situation meldete sich Celiane Michulitz zu Wort. Sie leitet seit über 30 Jahren den Kindergarten St. Franz von Sales und beklagt nun die wachsende Zahl ausländischer Kinder in den Gruppen, „die so gut wie kein Deutsch sprechen“. Lutz Heinrichs warf ein, dass er das beim Wortschatztraining aber nicht bemerkt habe, „Dann waren die Kinder ja auch schon zwei Jahre bei mir“, so die Kindergartenleiterin. „Dann haben Sie doch gute Arbeit geleistet!“ spielte Polizist Heinrichs zurück.

„Ich bekomme keinen Fuß mehr auf die Erde“, unterstrich Celiane Michulitz und dabei versuche sie „als katholischer Kindergarten unsere Kultur und unseren Geist beizubehalten“. In den Wortgottesdiensten in der Kirche ginge es zuweilen zu wie auf dem Jahrmarkt. Wörtlich sagte Celiane Michulitz: „Ich lasse mir meine Einrichtung nicht kaputt machen.“

Mit einem dicken Kloß im Hals aus Betroffenheit vor der Wortwahl in der Diskussionsrunde und der geballten Ablehnung meldete sich darauf Berti Gierling zu Wort: „Ich habe Gott sei Dank ein anderes Bild von den Kindern.“ 31 Kinder zwischen 6 und 14 Jahren betreut der SkF in der Spiel- und Lernstube im Nordviertel. Die Kinder seien lernbegierig und brächten viel Positives mit. „Mehr Wohlwollen im Umgang mit den Menschen würde hier schon helfen, meinte sie.


Lesen Sie hierzu: "Kriegszustand" in der Kopernikusstraße?

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