Jüdische Friedhöfe im Jülicher Land

Verwaiste Gräber auf freiem Feld
Von Dorothée Schenk [17.11.1999, 15.19 Uhr]

75 Grabstätte sind noch auf dem Jüdischen Friedhof in Jülich zu finden.

75 Grabstätte sind noch auf dem Jüdischen Friedhof in Jülich zu finden.

Eisig weht der Wind über die Felder. Mindestens 100 Schritte vor der menschlichen Siedlung müssen die jüdischen Friedhöfe nach der Schrift angelegt werden - so wie in Boslar. In den meisten Fällen sind die Toten von den Lebenden aber längst eingeholt worden. Sechs Friedhöfe der einstigen jüdischen Gemeinden im Jülicher Land gibt es noch.

Der „bewohnteste“ ist sicher der in Jülich an der Aachener Straße mit 75 Grabstätten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er begründet. Rund 200 Mitglieder hatte die jüdische Gemeinde zu diesem Zeitpunkt, rund 300 weitere Gläubige lebten in den umliegenden Dörfern von Aldenhoven bis Linnich.Es war die Zeit, in der viele jüdische Deutsche sich schon an die christlichen Sitten angepaßt hatten. Die Vorschrift besagt nämlich nicht nur, dass die Gräber außerhalb der Stadt liegen und den Toten zur wörtlich "ewigen Ruhe" dienen müssen, sondern auch, das im Tod alle gleich sind, also auch die Grabsteine einfach sein sollten.Auffällig ist, das viele Gräber eingefasst sind und durch prunkvolle Grabsteine die Stellung des Toten dokumentieren. So wie bei der Jülicher Familie Andreas Hertz. Hertz war nicht nur Arzt sondern von 1903-07 auch Jülicher Stadtrat.

Meist schmückt ein jüdisches Grab ein Psalm in hebräischer Schrift.In Jülich findet sich dieser Brauch nur noch bei wenigen. Zumindest der Blick auf die Felder ist beim Jüdischen Friedhof an der Schützenstraße in Linnich erhalten geblieben. Er teilt sich in einen älteren Teil, in dem nur noch wenige Steine erhalten blieben und einen neueren Teil. Hier steht das einzige Nachkriegsgrab eines Juden aus dem Jülicher Land. Exotisch nimmt es sich unter den anderen Gräbern schon deshalb aus, weil es eindeutig der christlichen Kultur entspringt: Bernhard Baum war mit einer Christin verheiratet, die ihn aber 1952 auf "seinem" Friedhof bestatten ließ.

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Auf dem Jüdischen Friedhof in Müntz richtete Lehrer Paulissen mit seinen Schülern die Grabstätten wieder her.

Auf dem Jüdischen Friedhof in Müntz richtete Lehrer Paulissen mit seinen Schülern die Grabstätten wieder her.

Wer genau hinsieht, dem begegnen auf den jüdischen Friedhöfen im Jülicher Land immer wieder zwei Symbole: Eine Kanne und segnende Hände. Erstere weist auf ein Abstammung von Jakob hin und tritt beim Familiennamen Levi - oder einem sehr ähnlich-klingenden - auf. Familien namens Cohen, Kahn oder verwandt klingenden Namen sind Nachfahren Aarons und führen die Hände als Namenssymbol.

Eine im Verhältnis große jüdische Gemeinde lebte in Boslar: 15 Prozent der Boslarer bekannten sich zum Judentum. So ist auch der große Friedhof, der fast ein halbes Fußballfeld umfaßt, zu erklären.Er liegt als einziger auich heute noch außerhalb des Dorfes. Er ist nahezu verwaist. Nur fünf Steine sind geblieben. Die jüdischen Friedhof in Boslar, Müntz und Rödingen haben ab 1984 der Titzer Hauptschul-Lehrer Paulissen mit seinen Schülern wieder hergerichtet. Auf dem Müntzer Friedhof an der Josefstraße, der wohl der größte in der Umgebung ist, entdeckten sie acht, z.T. zerstörte Steine, die mittlerweile wieder aufgestellt sind.26 Grabplätze sind seither hier entstanden.

Auf dem kleineren Friedhof in Rödingen an der Einsteinstraße sind immerhin 15 Grabsteine erhalten - da die Gemeinde eine eigenen Synagoge hatte, ist allerdings sicher, dass hier viel mehr Grabstätten gestanden haben. Heute leben und sterben keine jüdischen Bürger mehr in und um Jülich. Die nächsten Gemeinden finden sich in Aachen und Mönchengladbach.

Lesen Sie mehr im Interview mit Monika Grübel Der >>lange Atem<<, um Interesse zu wecken

Zur Geschichte der Rödinger Synagoge lesen Sie Menschlichkeit und Würde in den Vordergrund stellen

Infos zum Denkmaltag in Rödingen


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