Haus Hesselmann ist für viele Jülicher ein Stück „Familiengeschichte“

Von rauschenden Festen und dem leisen Niedergang
Von Dorothée Schenk [25.01.2006, 14.24 Uhr]

Damals gab es Neujahrswünsche aus dem Haus Hesselmann auf gedruckten Karten.

Damals gab es Neujahrswünsche aus dem Haus Hesselmann auf gedruckten Karten.

Das hatte Stil: Ohne Anzug mit Krawatte oder Fliege kamen die Herren ins Haus Hesselmann nicht herein. So war es in den Anfängen, wie sich Josef Hesselmann junior schmunzelnd erinnert. An jedem Wochenende wurde der Tanzboden im Saal geöffnet und die Kapelle von Gustav Thiedecke spielte auf. Sonntagnachmittags wurde das Hause Hesselmann außerdem zum Konzertsaal. „Nach dem Krieg gab es ja nicht viel. Für Jülicher gab es nur den Weg über die Rurbrücke“, erzählt der Gründer-Sohn, der in dem Familienunternehmen seine Ausbildung als Koch und Hotelfachmann absolvierte. Eine goldene Zeit, in der die Kellner im Frack die Gäste bedienten.

Die Tage, in denen nach dem Krieg im „Sälchen“ der erste Supermarkt von Jülich, der Konsum, sein Geschäft geöffnet hatte, waren da längst passé. Das pure Vergnügen hatte Einzug gehalten am Haus an der Rur. Hier wurde aber nicht nur an den Wochenenden über das Parkett geschoben, ob Sportler, Verbände, Vereine, Jubilare, Kommunionkinder oder Karnevalisten – alle trafen sich zu Feierlichkeiten im Haus Hesselmann. Das beschränkte sich nicht ausschließlich auf die Ortsansässigen. „Wir hatten einen hervorragenden Kontakt zu den Kölner Karnevalisten“, plaudert Josef Hesselmann aus dem Nähkästchen. Die Kegelbahnen im Keller wurden zur närrischen Zeit umgebaut und nachdem Auftritt vor ausverkauftem Saal im Erdgeschoss zogen die Karnevalisten zum zweiten Auftritt in den Keller. Ob „Bembel“ Heinz Schenk, der oft als Conférencier im Jülicher Traditionshaus fungierte, Willy Millowitsch oder Lotti Krekel – die Größten waren im Haus Hesselmann zu Hause. Zu den Hochzeiten kamen 900 „Narren“ zu den Karnevalsbällen. Vier Theken wurden aufgestellt, dazu gab es eine Bar und drei Kapellen spielten zum Tanz auf.

Die Kegelbahnen waren überhaupt ein beliebter Treffpunkt, dessen Ausstattung sich Hausherr Hesselmann einiges kosten ließ: Er engagierte ein Jülicher Original, den Maler Dohmen, und ließ ihn mittelalterliche Motive der Stadt Jülich auf den Putz pinseln. Hier warfen dann Vereine wie die „Pliesterlatten", „Schnack erav“, „Brett ereen“ oder „Ohne sie“, in dem auch Probst Breuer mitkegelte, auf alle Neune.

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Josef Hesselmann vor einem Stück Familiengeschichte. Hier erhielt der heutige Immobilienmakler seine Ausbildung als Koch - und bildete weiter Köche aus.

Josef Hesselmann vor einem Stück Familiengeschichte. Hier erhielt der heutige Immobilienmakler seine Ausbildung als Koch - und bildete weiter Köche aus.

Es gab aber auch andere Nutzungen. Mit glänzenden Augen erinnert sich Josef Hesselmann an die Zeit, als die Mannschaftsbesprechungen der Allemannia Aachen und des 1. FC Köln dort stattfanden. Aufmerksam lauschte der Knirps der Planung zu den Spielzügen, die bei Hühnerbrühe mit Reis besprochen auf einer Tafel aufgezeichnet wurden. Nach den Spielen kehrten die Fußballer zurück – „lecker essen“. Serviert wurden dann Eisbein oder Haxen. „Die Vereine mussten ja zu Auswärtsspielen bei uns vorbei. Eine Autobahn gab es noch nicht.“

Zwischen 8000 bis 10.000 Fahrzeuge fuhren in den 50er Jahren täglich über die Rurbrücke und damit an Haus Hesselmann vorbei – das erste „Drive in“ war hier bereits erfunden. Bezahlt machte sich dies vor allem auch zu dieser Zeit, weil die Menschen auf dem Weltausstellung nach Brüssel an der Rur Station machten. „Während Jülich noch schlief hatten wir schon 500 bis 600 Kännchen Kaffee durch“, so Hesselmann. Praktisch rund um die Uhr wurde gearbeitet. 12 bis 13 Stunden Schicht waren keine Seltenheit, Tarifregelungen unbekannt. Danach fielen die mitarbeitenden Familienmitglieder in der oberen Etage, wo die Wohnräume lagen, nur noch ins Bett. Ein kleines Wirtschaftswunder, dessen „Vater“, Bundeskanzler Ludwig Erhardt übrigens auch mit Landesvater Wilhlem Johnen zu Gast im Haus Hesselmann war.

Aber auch an „gewöhnlichen Tagen“ gab es kaum Lehrlauf. Links von der Rur war Zollgrenzbezirk und die Zöllner lauerten auf missbräuchlichen hochprozentigen Alkoholausschank. „Da gab es bei uns schwarzgebrannten Schnapps in Tässchen serviert“, erinnert sich Hesselmann schmunzelnd. Da kam es durchaus zur einen oder anderen Kontrolle. Ein Stammgast war auch Geschäftsmann Josef Neulen. Allabendlich kam er mit seinem Hund über die Brücke zum Glas Bier. Er saß stets am Tisch vis-à-vis der Theke im ersten Gastraum. Spektakulär, erzählt Josef Hesselmann, war es, als der Hund eines abends unter dem Tisch vorschoss und einer Dame in die Wade biss. „Damals war man ja noch nicht so versichert wie heute.“

Als die Jahre ins Land gingen belebte sich auch die Innenstadt wieder und die Jülicher gingen zu Martin se Will auf die Großen Rurstraße, zu de Möde Will in die Stadtschenke oder zu Wöhles am Markt. Dennoch galt: Gefeiert wird im Haus Hesselmann. Bis zu fünf Hochzeiten gleichzeitig sorgten für Umsatz. Jedes Brautpaar, so berichtet der „Junior“, empfing Vater Josef Hesselmann mit einer Rede und Blumenstrauß an der Eingangstür.

Dem Ende zu ging die Ära Hesselmann in den 70er Jahren. Mit der Eröffnung der Autobahn 1975 (?) fuhr so mancher Gast an Jülich vorbei. Über die Pläne von Josef Hesselmann junior, das Haus umzugestalten, eventuell die Stadthalle und ein Hotel anzubauen konnte er sich nicht mit dem Vater nicht einigen. So wurde Haus Hesselmann 1978 ab die Eheleute Senftleben verkauft. Der Erbe übernahm „Die Alte Post“, die er aber 1988 verließ. Seither ist der gelernte Gastronom als Immobilienmakler in Jülich tätig.


Zum Artikel Aufbau - Anbau - Abriss. Eine kleine Baugeschichte

Zum Artikel Haus Hesselmann in Jülich vor dem Abriss

Zum Bilderbogen Goldene Zeiten im Haus Hesselmann, Teil 1

und Teil 2

Zur Bildergalerie 1 Impressionen und „Erinner-michs“.

Zur Bildergalerie 2 Impressionen und „Erinner-michs“


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