„Interview“ mit Hans Christian Andersen

Mit dem Reichtum der Sprache der Armut entflohen
Von Dorothée Schenk [28.10.2005, 20.01 Uhr]

Ein Dichter, dessen Phantasie sein erster Reichtum war. Hans Christian Andersen stammt aus armen Verhältnissen, wusste aber bald, aus seiner Wortgewalt Kapital zu schlagen. Vor 2. April vor 200 Jahren wurde er im dänischen Odense geboren. Deutschland feiert in Aufführungen und Lesungen den Schriftsteller, der vor allem durch seine märchenhaften Dichtungen schon zum Lebzeiten bekannt und beliebt geworden ist. Zur Nacht der Bibliotheken am Freitag, 28. Oktober, steht der Dichter selbst (gegeben von Reinard Welzel) im Interview mit Dorothée Schenk Rede und Antwort.

Hans Christian Andersen, lebensecht gegeben von Reinhard Welzel, stellt sich im Interview Dorothée Schenk (Das JüLicht).

Hans Christian Andersen, lebensecht gegeben von Reinhard Welzel, stellt sich im Interview Dorothée Schenk (Das JüLicht).

Herzlichen Glückwunsch, Herr Andersen, Sie feiern in diesem Jahr einen „runden Geburtstag“. Märchenhafte 200 Jahre wären Sie im April alt geworden. Sie haben sich gut gehalten und für Ihren heutigen Besuch in der Jülicher Stadtbücherei richtig chic gemacht. Trugen Dichter von damals solche Kleidung?

Hans Christian Andersen: Vielen Dank für die freundlichen Worte. Aber in Deutschland bin ich ja schon immer besonders freundlich aufgenommen worden. Daher war es auch stets mein bevorzugtes Reiseziel! Wusste Sie, dass ich 47 Reisen nach Deutschland unternommen habe? Aber ich schweife ab… ein Märchenerzähler kommt gerne mal ins Plaudern… Nein, eine Dichterkleidung ist es nicht; eher die des gehobenen Bürgertums im Biedermeier.

Dann stammen Sie aus wohlhabendem Elternhaus?

Hans Christian Andersen (lacht): Nein, mein Vater war Flickschuster und meine Mutter Wäscherin. Meine Kindheit und Jugendjahre habe ich meist im Armenhaus meiner Heimatstadt Odense zugebracht. Hier habe ich mir von alten Frauen Volksmärchen erzählen lassen. Sehr inspirierend, kann ich Ihnen versichern.

Wir wissen aber, dass Sie – verzeihen Sie mir dieser Taktlosigkeit – bei Ihrem Tod mit 70 Jahren ein angesehener und reicher Mann waren. Wie man heute sagt: Vom Tellerwäscher zu Millionär… wie kam es dazu?

Hans Christian Andersen: Ich bin entdeckt worden, so war das. Als ich in Kopenhagen…

Kopenhagen? Ich dachte, Ihre Heimatstadt hieß Odense?

Hans Christian Andersen: Aus meiner Heimatstadt bin ich mit 14 Jahren geflohen. Ich konnte die Armut und Enge nicht ertragen. Das einzige, was mich in meiner Kindheit aus der Dumpfheit rettete, waren die Bücher meines Vaters. 1001 Nacht… leidenschaftlich las ich in ihnen. Sie entführten mich in eine andere Welt. Aber irgendwann musste ich selbst in die Welt hinaus. Zwar gab es in Odense das einzige Theater Dänemarks außerhalb der Hauptstadt, aber auch das reichte mir nicht. Haben Sie gewusst, dass ich schon als Kind Puppentheater-Stücke geschrieben habe? Und sogar die Puppen selbst entworfen und gebaut habe? Na ja, wie dem auch sei. Mit 14 Jahren, kurz nach meiner Konfirmation, bin ich nach Kopenhagen aufgebrochen. Ans Theater wollte ich. Stellen Sie sich vor, mein ganzes Hab und Gut trug ich am Leibe und mein ganzer Reichtum waren 13 Reichstaler in der Tasche.

Und, wie war es am Theater in Kopenhagen?

Hans Christian Andersen: Sie haben mich nicht genommen, die Banausen!

Aber haben Sie nicht eben gesagt, Sie sind dort entdeckt worden?

Hans Christian Andersen:: Ja – als Sänger! Bevor ich Schauspieler werden wollte, war mein großer Traum als Kind, Sänger zu werden. Schon in Odense war ich für meine schöne Stimme bekannt. Man nannte mich „die kleine fünische Nachtigall“… Bei Theatergesangmeister Giuseppe Siboni habe ich in Kopenhagen gelernt und die Gesangsschule des Theaters absolviert. Musik hat immer zu meinem Leben gehört. Ich habe sogar acht Libretti, also Operndrehbücher, geschrieben, wussten Sie das? Später habe ich gerne mit meinen „Paradepferden“ zur Unterhaltung meiner Freunde beigetragen: „Te voglio bene“ war mein Lieblingslied…

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War allgegenwärtig an diesem Abend: Der Dichter Hans Christian Andersen.

War allgegenwärtig an diesem Abend: Der Dichter Hans Christian Andersen.

Aber Sie sind ja nicht Sänger geblieben…

Hans Christian Andersen: Nein, nein. Ein Dichter bin ich geworden, ein Schriftsteller – nicht nur ein Märchenerzähler, wie so viele meinen. Stellen Sie sich vor, da wollte der König von Dänemark mir ein Denkmal in Kopenhagen zum 70. Geburtstag errichten, auf dem ich als Märchenonkel inmitten von Kindern sitzend gezeigt werden sollte. Empörend! Reiseberichte, habe ich geschrieben, Theaterstücke und Romane. Sicher kennen Sie „Der Improvisator“? Nicht? Ein Künstlerroman, spielt in Italien. Darin habe ich auch die Blaue Grotte von Neapel beschrieben, die war damals gerade entdeckt worden. Aber immerhin muss man unserem Dänen-König Friedrich VI. zugute halten, dass er, als er mich im Theater hörte, mein Talent erkannte. Er hat mir, der ich bis dahin nie eine Schule besuchen konnte, die Lateinschule bezahlt und später auch mein Studium. In dieser Zeit habe ich übrigens mein erstes Gedicht geschrieben „Das sterbende Kind“. (Verträumt) Ach, ein kleines Meisterwerk… hat viel Furore gemacht!

„Das sterbende Kind“… Wie tragisch und traurig. 168 Märchen haben Sie geschrieben und viele sind geprägt von Düsternis und Armut, man nehme nur „Das Kind im Grabe“, „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“…

Hans Christian Andersen: Vielleicht liegt es an meiner skandinavischen Natur… vielleicht aber auch daran, dass mein Leben von einer gewissen Tragik war. Zwei Menschen in meinem langen, 70 Jahre währenden Leben habe ich meine Liebe angetragen. Beide Male blieb sie unerwidert – auch wenn uns eine lebenslange Freundschaft verband. Sehen Sie, Riborg, die Schwester meines Studienfreundes Christian Voigt… sie war die Frau meines Lebens. Ihren Abschiedsbrief trage ich noch immer in einem kleinen Ledersäckchen auf meinem Herzen… ihr widmete ich „Die kleine Meerjungfrau“.
Tee: Sie haben nie geheiratet?

Hans Christian Andersen: Nein. Mein Leben war unstet. Gerne und viel bin ich gereist – übrigens immer mit Rettungsseil! Man weiß ja nie, ob es mal brennt… so ein Spleen von mir. So war ich in Italien, England, Spanien und der Türkei, aber am liebsten, das sagte ich schon, reiste ich nach Deutschland. Hier hatte ich, heute würde man sagen, eine Fangemeinde und Freunde. Adalbert von Chamisso war einer von ihnen. Er übersetzte übrigens einige meiner Gedichte, die später Robert Schumann vertonte.

Und wieder die Musik… Gemalt haben Sie aber nie, oder?

Hans Christian Andersen: (lacht) Na ja, eher gezeichnet. Gerne habe ich meine Eindrücke von Reisen festgehalten. Mit aller Bescheidenheit möchte ich sagen, dass ich eine ausgesprochene Fingerfertigkeit für Scherenschnitte hatte. Gerne habe ich mich außerdem von anderen portraitieren lassen. Ich war fasziniert von der neuen Technik, die damals, als ich so Mitte 30 war aufkam: Die Fotografie. Eine begeisternde neue Errungenschaft. Ich bin, so will es die Geschichte, die am meisten fotografierte Persönlichkeit – zumindest in meiner Zeit…

Das ist mein Stichwort. Auch heute wollen wir Sie natürlich gerne zum Fototermin bitten. Der Kollege wartet schon. Vielen Dank aber erst einmal für das ausführliche und informative Gespräch.

Der Bilderbogen zur Märchennacht Galerie 1

Galerie 2

Zum Artikel: Märchendichter Andersen bei der Jülicher Märchennacht

Zum ArtikelMit Schmusetier durch die Büchereinacht


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