Interview: Schuldnerberaterin Stefanie Richter über ihre Arbeit

Haushaltsführung als Schulfach?
Von Dorothée Schenk [17.06.2005, 22.41 Uhr]

Bundesweit ist die Aktionswoche der Schuldnerberatungen unter dem Motto „Der Mensch hinter den Schulden“ ausgerufen worden. Sie geht am 17. Juni zuende. Aus dem Beratungsalltag in Jülich erzählt Schuldnerberaterin Stefanie Richter. Ihr „Amtssitz“ ist in der Schirmerstraße 1a, wo sie im letzten Jahr mit ihrer Kollegin rund 550 Fälle zu bearbeiten hatte.

Stefanie Richter berät Schuldner in Jülich.

Stefanie Richter berät Schuldner in Jülich.

Wieviele Haushalte in Jülich sind verschuldet?

Stefanie Richter: Etwa 8,1 Prozent aller bundesdeutschen Haushalte sind überschuldet. Bezogen auf den Kreis Düren bedeutet dies, dass ca. 10.000 Haushalte betroffen sind. Verschuldet sind in Deutschland weitaus mehr Menschen. Per Definition versteht man unter Überschuldung, wenn nach Abzug aller Lebenshaltungskosten den Verbindlichkeiten aus Krediten, etc. nicht mehr (in vollem Umfang) nachgekommen werden kann. Jülich wird – was Bildungs- und Beschäftigungsstand angeht – in etwa der Stadt Bonn gleich gesetzt, insofern liegt Jülich wahrscheinlich im Durchschnitt. In einem „Arbeitslosigkeits“-Brennpunkt wie beispielsweise Gelsenkirchen sind weit mehr Menschen überschuldet.

Wann ist der Leidensdruck so groß, dass die überschuldete Menschen Rat suchen?

Stefanie Richter: Mittlerweile kommen viele aus eigenem Antrieb. Zur Schuldnerberatung zu gehen, ist nicht mehr so „anrüchig“, wie es noch vor einigen Jahren war. Ungefähr die Hälfte der Klienten wird aber von Bekannten verwiesen oder auch von Ämtern und sogar den Banken. Unsere Arbeit ist bekannter und dadurch transparenter geworden. Viele Menschen kommen aber leider erst recht spät, wenn schon die Lohnpfändung vorliegt oder das Konto gesperrt ist. Viele Schuldner versuchen lange Zeit, allein aus den Schulden herauszukommen. Leider probieren sie dies auch manchmal über den „Schweizer Kredit“, also Kredithaie, bei denen sie ohne Schufa-Auskunft Geld bekommen.

Ist Überschuldung ein Thema, das Jugendliche in Jülich betrifft?

Stefanie Richter: Die unter 25-jährigen schlagen sich in unserer Statistik nicht nieder. Wir vermuten aber, dass sie tatsächlich durchaus mehr betroffen sind. Ihre Eltern bezahlen oft für die Schulden ihrer Kinder. Das weiß ich auch aus Gesprächen mit Klienten.

Wie hat sich Hartz IV auf die Arbeit in der Schuldnerberatung ausgewirkt?

Stefanie Richter: Wir merken bei unseren Klienten, dass sie definitiv weniger Geld haben. Wenn es Familien betrifft wird jetzt in so genannten Bedarfsgemeinschaften gerechnet. Das heißt, dass viele jetzt mit einem Einkommen, dem Arbeitslosengeld II auskommen müssen, wo früher zum Beispiel die Ehefrau noch ihre eigene Arbeitslosenhilfe als zusätzlich hatte. Es ist es sehr viel schwieriger, vom Sozialamt einmalige Beihilfen oder Darlehen zu bekommen, etwa wenn eine Stromkostennachforderung fällig ist. Hinzu kommt, dass die Bearbeitungszeit für Widersprüche lang ist, sodass einige Menschen lange Zeit im Ungewissen darüber gelassen werden was ihre Sozialleistungsansprüche angeht.

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Der Bedarf an Schuldenberatungen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Der Bedarf an Schuldenberatungen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Aber - auch die Mitarbeiter bei Arbeits- und Sozialamt müssen sich ja erst mit der neuen Gesetzeslage auseinandersetzen. Eine ganz klare Konsequenz aus Hartz IV für die Jülicher Beratungsstelle ist, dass die Klienten, die über job-com zu uns geschickt werden, innerhalb von zwei Wochen einen Termin bekommen müssen. Sie haben einen Vorzug vor den anderen, die zum Teil ein halbes Jahr auf ihr Erstgespräch warten.


Ein halbes Jahr Wartezeit. . . ?

Stefanie Richter: Das ist unsere Achillesferse. Bundesweit sind viele Schuldnerberatungsfinanzierungen weggebrochen. Unser Personalstand wurde zum Glück beibehalten. Die Überschuldung bzw. der Beratungsbedarf nimmt aber zu. Wir haben eigentlich schon jetzt nicht genügend Mitarbeiter - daher leider auch die lange Wartezeit. In Jülich arbeiten Britta Pieta und ich als Schuldnerberaterinnen, das sind insgesamt anderthalb Stellen. Einmal in der Woche haben wir eine offene Sprechstunde: Dienstags von 9 bis 11 Uhr in der Beratungsstelle in der Schirmerstraße 1a in Jülich.
Am besten melden sich die Klienten ab kurz vor neun Uhr an, sie erhalten dann einen Gesprächstermin und können in der Zwischenzeit gegebenenfalls noch so lange etwas anderes erledigen. Die offene Sprechstunde steht derzeit nur den neu anfragenden Menschen und in „Krisen- bzw. Notfällen“ zur Verfügung, etwa wenn ein Arbeitgeber wegen einer Lohnpfändung mit Kündigung droht. Bei diesem ersten Kontakt in der offenen Sprechstunde bekommen sie dann Material, etwa Musterbriefe, Merkblätter, so dass die sechs- bis siebenmonatige Wartezeit einigermaßen überbrückt werden kann. Selbstverständlich können die Ratsuchenden auch zwischendurch bei uns anrufen.

Wie geht eine Entschuldung vonstatten?

Stefanie Richter: Erstmal wird „Kassensturz“ gemacht. Die Klienten müssen mit offenen Karten spielen, etwa wenn sie zwar zwei Autos besitzen, aber nur eines brauchen muss ich darauf aufmerksam machen, dass eines abgeschafft werden muss. In dem Moment bin ich notwendigerweise „die Böse“. Einige brechen die Beratung dann erst mal ab, erleben meine Ansprüche als „zu massiv“. Da ist es manchmal durchaus wie bei Drogenabhängigen, die mehre Anläufe oder Therapien benötigen, um ihre Situation in den Griff zu bekommen. Viele kommen dann später wieder.

Das Ziel ist, möglichst schnell die finanzielle Situation durch existenzsichernde Maßnahmen zu entspannen, wie Beantragung von Wohngeld, oder Ratenzahlungsreduzierung. Ist das laufende monatliche Einkommen gesichert, haben die Leute „den Kopf frei“, die langfristige Entschuldung anzugehen. Auch ist die Frage zu klären: Wo liegt die Überschuldungsursache, das Verschulden des Klienten, vielleicht seine Fehlplanung. Es sind nicht immer vordergründig die Schulden das Problem. Manchmal kann ich etwa anhand der Gläubigerlisten sagen, wie es in einer Ehe steht. Wenn sehr viele Versandhausschulden gemacht wurden, liegt z.B. oft ein Kommunikationsproblem innerhalb der Ehe vor. Es gibt Paare, die sich über ihre finanzielle Situation das erste Mal seit langem hier in der Beratungsstelle auseinandersetzen oder auch richtig streiten.

Kommt es zu Überschuldung durch Lockangebote à la „Spar Dich reich“ oder eher durch mangelnde Anpassung der Lebensumstände, etwa nach dem Verlust des Arbeitsplatzes wenn der Geldbeutel auf einmal schmäler ist?

Stefanie Richter: So einfach ist die Formel nicht, da kommt mehreres zusammen. Defizitäres Wirtschaften etwa. Viele können nicht mehr haushalten, es wird ihnen nicht beigebracht. Jetzt wird schon der Ruf nach einem Schulfach in dieser Richtung laut. Oft passiert es so, dass Familien gegründet werden, dann kommen Kinder und es werden Dinge auf Kredit angeschafft. Wenn dann zu knapp kalkuliert wird und einer der Partner seinen Job verliert oder es zur Scheidung kommt – dann kommt man leicht von der Verschuldung in die Überschuldung.

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Die Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes des Kirchenkreises Jülich hat ihren Sitz in der Schirmerstraße 1, Tel. 02461-97560. Kontakt ist auch via Email möglich über diakonie@diakonie-juelich.de

Zur Statistik von Jülich

Im Rahmen der Aktionswoche werden von Schuldnerberatungsstellen bundesweit Gespräche mit Betroffenen geführt. Geplant ist eine Dokumentation aller eingegangenen Interviews. Erste Interviews stehen im Netz unter www.der-mensch-hinter-den-schulden.de.


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