Die „reine Lehre

Ein rotes Band gegen Störenfriede
Von Dorothée Schenk [10.06.2005, 19.40 Uhr]

Gemeinsam Lernen im Alter von fünf bis neun Jahren kann in der Flexiblen Schuleingangsphase durchaus Realität werden.

Gemeinsam Lernen im Alter von fünf bis neun Jahren kann in der Flexiblen Schuleingangsphase durchaus Realität werden.

Reichlich Neuerungen kommen auf die Eltern der Erst- und Zweitklässler im Schuljahr 2005/06 zu. Offene Ganztagsgrundschule, Flexible Eingangsstufe und und Wegfall des sonderpädagogischen Förderbedarfs sind nur einige Sticworte. In einer Informationsveranstaltung führte die Katholische Grundschule Jülich (KGS) Mütter und Väter der angehenden I-Dötzchen in das Kommende ein. Wichtig war hier vor allem die Flexible Eingangsstufe – kurz FLEX–, in der jahrgangsübergreifender Unterricht der 1. und 2. Klassen praktiziert wird.

Am jahrgangsübergreifenden Unterricht kommt keine Grundschule mehr vorbei, unterstrich Fred Reinartz. Bis Ende Januar 2005 waren alle Grundschulen verpflichtet, beim Schulrat ihre Konzepte vorzulegen. Durch viele Fortbildungen habe man sich auf diese neue Unterrichtsform vorbereitet, berichtet Reinartz. Die Erprobungsphase an der KGS beziffert der Schulleiter mit vier Jahren. Dann sollen Schwachpunkte untersucht und Positives und Negatives abgewogen werden.

Seit zwei Jahren, so erläutert Frau Schall, bereite sich die KGS auf die FLEX vor. Acht Kolleginnen haben sich freiwillig entschieden, die jahrgangsübergreifenden Klassen zu unterrichten. In Teamsitzungen haben sie über Inhalte und Form von Unterricht diskutiert, sowie die Möglichkeit zur Diagnose und Leistungsbewertung. In einer Gruppenstärke von 22 bis 25 Kindern werden die Klassen bestückt. Eine Klassenlehrerin wird ihnen zugeteilt. „Das heißt für die Kinder, dass sie in vertrauter Umgebung leben und lernen.“ In der Beziehung eins zu eins können die Lehrerin das Kind auch leichter einschätzen. Zum Jahrgangswechsel in Klasse 3 bereitet die Klassenlehrerin für jedes Kind eine Lernbiografie vor, um die neue Lehrerin möglich gut zu informieren.

Im Auditorium kam die Frage nach der Größe der Lerngruppen, Altersspanne und Problemen mit Migrantenkindern auf. „Ich spüre“, so Reinartz, „dass Sie Bauchweh haben. Auch bei uns ist ein leichtes Magendrücken geblieben.“ Natürlich sieht er auch die Schwierigkeiten. Das vielzitierte Vorbild Skandinavien hätte in jeder Lerngruppe maximal 18 Kinder, die von zwei Pädagogen betreut würden und Unterstützung von einem Soziologen, Logopäden und Therapeuten hätten.

Werbung

Durchaus nicht unkritisch aber hoffnungsvoll begleitet KGS-Schulleiter Reinartz die neue Unterrichtsform.

Durchaus nicht unkritisch aber hoffnungsvoll begleitet KGS-Schulleiter Reinartz die neue Unterrichtsform.

Kunst und Musik fnden im Klassenverband statt. Der so genannte Gern-Untericht, dazu gehören Mathe und Deutsch, wird per Arbeitsplan individuell für jedes Kind für jede Woche neu gestaltet. Das Kind kann die Reihenfolge der Lernblätter, die täglich ins Korrekturfach der Lehrerin wandern, selbst bestimmen. Es wird unterschieden in Muss-Soll- und Zusatzaufgaben. „Die Lehrerin wird zum Lernberaterin“, fasst es Frau Schall markig. Sie werde sich den Kindern in kleinen Gruppen oder der Einzelbetreuung widmen. „Sobald die Kinder die Systematik verstanden haben, können sie sich das 1 x 1 selbst beibringen.“ Der Vorteil sie weiterhin beim jahrgangsübergreifenden Untericht, dass die Lehrerin nicht mehr alles erklären müssen, sondern die Größeren den Kleineren erklären könnten.

Hier warf Kindergärtnerin Hartmann aus Kirchberg ein, dass sie in der altergemischten Gruppe, in der Kinder zwischen vier Monaten und sechs Jahren betreut würden, beste Erfahrungen gemacht habe – es lebe sich praktisch wie in einer Großfamilie. Dieses soziale Lernen sei wichtig, vor allem in einer Zeit, in der es immer mehr 1-Kind-Familien gebe. In Gruppen von vier bis fünf Kindern würden sie sich gegenseitig erziehen.

Aus dem Auditorium wurden Zweifel laut, ob die Kluft zwischen guten und schlechten Schülern nicht größer werde. Auch die Unterstützung der Größeren wurde eher kritisch betrachtet: Statt Hilfestellung könne es durchaus zu Machtmissbrauch kommen. Der Idealfall, dass die Kinder sich den Stoff selbst erklärten, werde nicht im ersten Monat funktionieren, wurde eingeräumt. Zwei Stunden am Tag wird außerdem „nur“ nach Arbeitsplan gelernt, die übrigen zwei Stunden sind „konventionell“. Was passiere, wenn in der Arbeitsplan-Phase die Kinder auf sie einstürmten wurde Frau Schall gefragt: Dieses Problem hat sie schon gelöst, sie trägt dann ein rotes Band, das besagt „bitte nicht stören“… „Man muss es einfach gesehen haben“, unterstrich die Pädagogin. Schulleiter Fred Reinartz lud die Eltern ein, sich selbst ein Bild zu machen und einfach mal in den Klassen vorbeizuschauen. „Ein kurzer Anruf vorher genügt.“

„Bevor sich die Flexible Eingangsstufe etabliert und eingespielt hat vergeht ein Zeitraum von acht bis zehn Jahren“, prognostiziert Schulleiter Reinartz. Dazu meinte eine Mutter: „Dann sind unsere Kinder einfach zu früh geboren." Wenig tröstlich eben für manches Elternteil, das sein Kind als schulpolitisches Versuchskaninchen sieht.

Mehr über Schulpflicht, Kann-Kinder und das Kieler Einschulungsverfahren


Dies ist mir was wert:    |   Artikel veschicken >>  |  Leserbrief zu diesem Artikel >>

NewsletterSchlagzeilen per RSS

© Copyright 2017 Presse- und KulturBüro Schenk + Schenk | Datenschutz

Das Brenzlicht

Mehr Zivilcourage
Es gehört Zivilcourage dazu, Kritik zu üben an einer Preisverleihung, die Zivilcourage auszeichnet und sich gegen das Vergessen der Greueltaten der Nazis positioniert. Toleranz – so die Namensergänzung der veranstaltenden Jülicher Gesellschaft – gehört dazu, um auszuhalten, wenn von vier zu Ehrenden drei als Nebenprodukt behandelt werden und der einzige, durchaus nicht unumstrittene Ausgezeichnete vom Laudator eine Würdigung erfährt, die nicht nur einige Menschen befremden dürfte.  [01.03.2017, 07.54 Uhr]  >>

Alle Brenzlichter >>

Stadtteile

Kita „Die kleinen Strolche“: Jubiläumsfeier eine Woche lang
„Was wollen wir trinken sieben Tage lang?“, heißt ein ziemlich bekanntes Fest- und Feierlied. Da so ein 50-jähriges Jubiläum bei der Kita „Die kleinen Strolche“ in erster Linie ein Fest für die Kinder ist, hat sich das Team der Einrichtung überlegt, mit den Kindern, die sie im Moment besuchen, kräftig und sieben Tage lang zu feiern. Es geht los mit dem Dasda Theater, das am Donnerstag, 27. April, das Stück Petterson und Findus im Dietrich-Bonhoeffer-Haus, Düsseldorfer Straße 30, für die Kita-Kinder aufführen wird.  [26.04.2017, 13.58 Uhr]  >>
Im Heckfeld Geschmack am Glauben finden
Einen Ruhepol im Alltag finden. Innehalten, dem eigenen Getriebensein im Leben regelmäßig einen Ort des Atemholens zu geben, dazu dienen Exerzitien im Alltag. Seit fast 20 Jahren wird in St. Rochus Jülich diese Tradition in der Fastenzeit gepflegt. [09.04.2017, 14.12 Uhr]  >>

Rundum

Kreatives Lösungsmodell im Aldenhovener KIM-Prozess [09.04.2017, 14.00 Uhr]  >>
Düren: Den Umgang mit Demenz lernen [09.04.2017, 13.51 Uhr]  >>

Vereine

Lebendiges Geschichtsgedächtnis [09.04.2017, 14.51 Uhr]  >>
Bestehen unter des Meisters Augen [09.04.2017, 13.19 Uhr]  >>

Immer auf dem Laufenden



Newsletter >>

JüLicht auf Ihrer Site

Sie können unsere aktuellen Schlagzeilen auf Ihrer Website präsentieren - hier steht, wie >>.

Kontakt

Welches Anliegen Sie auch immer bewegt, über unser Kontaktformular >> können Sie mit uns in Verbindung treten.

Werbung