Interview: Guido von Büren zur Historie der "Jülicher Hochzeit"

Ein rauschendes Fest mitten im Krieg
Von Helga Hermanns [08.06.2006, 21.52 Uhr]

Im Juni 1585 wurde die Vermählung des Jülicher Jungherzogs Johann Wilhelm I. mit Markgräfin Jacobe von Baden geschlossen. Die "Jülicher Hochzeit" wird 420 Jahre nach dem historischen Festakt zum 8. Zitadellenfest wiederbelebt. Die Hintergründe erläutert im Interview mit Helga Hermanns der Geschäftsführer des Jülicher Geschichtsvereins, Guido von Büren, der auch zum Organisationsteam des Zitadellenfestes gehört. Die Ehe von Johann Wilhelm I und Jacobe stand unter keinem guten Stern. Da waren einmal die politisch-religiösen Umstände. Zudem erwies sich der Jungherzog als regierungsunfähig, nachdem sich seine Geisteskrankheit immer stärker bemerkbar machte. Die Zeiten damals waren unruhig.

Guido von Büren.  Foto: Helga Herrmanns

Guido von Büren. Foto: Helga Herrmanns

Die Ehe von Johann Wilhelm I und Jacobe stand unter keinem guten Stern. Da waren einmal die politisch-religiösen Umstände. Zudem erwies sich der Jungherzog als regierungsunfähig, nachdem sich seine Geisteskrankheit immer stärker bemerkbar machte. Die Zeiten damals waren unruhig.

Wie kann man sich Leben in der Renaissance vorstellen?

Guido von Büren: Das hängt natürlich davon ab, welchen Stand man in der Gesellschaft innehatte. Man muss sich immer vor Augen halten: Das Leben bestand aus 365 Alltagen. Und es ging in erster Linie darum, das Leben irgendwie zu bewältigen. Aus der Perspektive von heute muss man nicht hochnäsig auf die Zeit zurückblicken. Jede Zeit für sich ist innovativ gewesen, sonst gäbe es die Menschheit heute nicht mehr. Sicherlich waren aber die Existenznöte einfach viel größer. Wenn Sie sich vorstellen, dass Pestepidemien, Hungersnöte, Krieg und dergleichen mehr natürlich viel stärker auf die Gesellschaft einwirkten als das heute der Fall ist.

Weiß man, wie die Menschen damals in Jülich ihr Geld verdient haben?

Guido von Büren: Jülich hat den Charakter einer Ackerbürgerstadt gehabt, d.h. die Landwirtschaft, das Handwerk und der Handel bestimmten etwa zu gleichen Teilen das Wirtschaftsleben. Insgesamt gesehen hat Jülich eine sehr konsumorientierte Wirtschaft gehabt, weil wir ja hier an einer wichtigen Fernverbindungslinie von Köln in die Niederlande liegen. Und deshalb sehr viele Reisende hier durchkamen. Deshalb haben die Jülicher ganz gutes Zubrot gehabt durch den Verkauf von Bier, Lebensmitteln und dergleichen. Aber man muss sagen, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung immer so am Rande des Existenzminimums gelebt haben. Das heißt, Stadtverwaltung im 16. Jahr•hundert war in der Regel Armenfürsorge. Jülich hat so etwa 1500 Einwohner gehabt.

In dieser unsicheren Zeit war Herzog Wilhelms Sohn auf Brautschau. Seine Wahl fiel auf Jacobe von Baden und damit auf eine Frau aus streng katholischem Haus. War das nicht provokant?

Guido von Büren: Herzog Wilhelm V. war eigentlich gegen die Hochzeit, weil er genau das gesehen hat, dass wenn Johann Wilhelm als Erbfolger eine streng katholisch erzogeneFrau bekommt, dass dann innerhalb des Hofes ein Übergewicht der katholischen Seite entsteht. Dass Wilhelm V. das mit Argwohn beobachtet hat, hängt damit zusammen, dass er einer Generation von Reichsfürsten angehörte, die sehr stark irenisch geprägt waren, also im weitesten Sinne auf Ausgleich bedacht. Das war die Generation der Fürsten, der es 1555 gelungen ist, im Augsburger Religionsfrieden einen Status Quo zu definieren, der eben das Reich befriedet hat.

Warum hat Johann Wilhelm eine andere Position vertreten?

Guido von Büren: Er und die Räte seiner Zeit gehörten einer anderen Generation an. Sie waren der Ansicht, diesen „Burgfrieden“ aufkündigen zu müssen, um ihre Position stärker zu vertreten. Sie wurden dabei entsprechend vom Papst, dem spanischen König und dem Kaiserhaus unterstützt, die katholisch waren und es nicht gut fanden, dass immer mehr Reichsfürsten sich der protestantischen Seite zuwandten. Man muss sich vorstellen, dasszu Zeiten der Hochzeit 1585 ein Übergewicht der protestantischen Seite gegenüber der katholischen Seite existierte. Und dadurch bei den Katholiken der Wunsch aufkam, dagegen etwas zu tun. Und Jacobe war dafür ein geeignetes Werkzeug.

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Die Jülicher Hochzeit wird auf dem 8. Zitadellenfest nachgefeiert.

Die Jülicher Hochzeit wird auf dem 8. Zitadellenfest nachgefeiert.

Adelshochzeiten wie die von Johann Wilhelm hatten sicher auch machtpolitische Hintergründe?

Guido von Büren: Man sieht das an der jüngsten Tochter Wilhelms V., Sibylle von Kleve. Die hatte eigentlich gehofft, Karl von Arenberg heiraten zu können, und das ging nicht, weil der nicht standesgemäß war. Das fiel genau in die Zeit der Jülicher Hochzeit. Und Sibylle hatte gehofft, den Hof verlassen zu können. Denn in dem Moment, wo eine andere starke Frau bei Hofe erscheint, verschieben sich auch die Machtverhältnisse innerhalb des Hofes, was zum Beispiel die Geldzuwendungen angeht, was die Dienerschaft angeht. Und Sibylle hat sich als fünftes Rad am Wagen gefühlt. Weil natürlich Jakobe ihren Bereich nach ihren Wünschen hergerichtet hat und Sibylle außen vor blieb.

Die Bevölkerung lebte damals zum größten Teil in bitterer Armut. Und sie mussten erleben, wie am Hofe zehn Tage lang eine glamouröse und überaus verschwenderische Hochzeit gefeiert wurde. Wurde das auf Kosten der Bevölkerung finanziert?

Guido von Büren: Man hat das Ganze auf Pump finanziert, so wie der Staat das heute macht. Es gab natürlich die Möglichkeit, in Köln Finanziers zu finden. Adel ist immer kreditwürdig gewesen. Man hat natürlich Sicherheiten hinterlegen müssen, meistens hat man den Hausschatz verpfändet, um solche Feste zu finanzieren. Tatsache ist, dass der ohnehin verschuldete Hof sich mit dieser Hochzeit überschuldet hat.

Kann man ungefähr sagen, was die Hochzeit gekostet hat?

Guido von Büren: Das habe ich noch nicht ausgerechnet. Aber das wird sicher an den Landeshaushalt von NRW heranreichen. In den Dimensionen. Und es hat auch den Niedergang des Fürstenhauses beschleunigt. Aber in der Zeit hat man das nicht als etwas Anstößiges empfunden, und wir dürfen auch nicht moralisch darüber urteilen. Denn in der Zeit waren das selbstverständliche herrschaftliche Zeichensysteme, die einzuhalten waren. Und Hermann von Weinsberg, ein Bürger aus Köln, hat später kommentiert, die Hochzeit sei so abgelaufen, wie es sich für einen solch mächtigen Fürsten geziemt.

Das Volk stand also hinter dem Fürstenhaus?

Guido von Büren: Es wird sicherlich Murren gegeben haben, aber das haben sich die Bürger sicher nicht getraut, laut zu sagen. Und man hat natürlich auch nur indirekt etwas von dem Fest mitbekommen. Solche Feiern wie Hochzeiten waren etwas, was man für den Adel machte. Es fand in Düsseldorf statt hinter verschlossenen Mauern. Durch das Buch von Graminäus ist das zu einer öffentlichen Veranstaltung geworden. Die hierarchische Ordnung des Hofes wurde durch eine solche Feier nach außen gezeigt und damit gefestigt.

Welche Rolle spielt die Historie beim Zitadellenfest?

Guido von Büren: Wir wollen den historischen Hintergrund aufrollen. Und die Spielszenen werden diesen Gegensatz auch deutlich herausarbeiten. Es gibt eine Hauptbühne mit denHauptszenen. Mit flankierenden Spielszenen werden die Ängste und Nöte der Zeit thematisiert. Wie Hexenverfolgung und dergleichen. So dass für den Besucher ein abgerundetes Bild entsteht. Die ganze Inszenierung ist sehr revuehaft angedacht, soll einerseits leicht verständlich sein, aber auch zum Nachdenken anregen.

Es ist ja nicht der Sinn, der Propaganda des 16 Jahrhunderts aufzusitzen und zu denken: Was für ein tolles Fest! Es ist schon das Ziel, das kritisch zu hinterfragen.

Lesen Sie Die Jülicher Hochzeit als prächtiges Historienspektakel

Mehr unter www.zitadellenfest-juelich.de


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