Overbacher Schüler schreiben Flüchtlingsgeschichte(n)

Von der Macht des Wortes
Von Dorothée Schenk [04.11.2015, 23.08 Uhr]

Aus „dem“ anonymen Flüchtling ein vertrautes „Du“ zu machen, das war die Grundidee der Barmener Oberstufenschüler von Haus Overbach. In persönlichen Begegnungen gaben ihnen die Menschen ein Stück Lebensgeschichte preis. Entstanden ist daraus eine Sammlung von Schicksalen unter dem Titel „Aus Fremden werden Vertraute“.

13 Autorinnen und Autoren mit ihren Mentoren des Projekts „Aus Fremden werden Vertraute“.

13 Autorinnen und Autoren mit ihren Mentoren des Projekts „Aus Fremden werden Vertraute“.

Hören Flüchtlinge das Wort „Interview“ durchzuckt es sie. Dann geht es um die Existenz – bleiben oder gehen, Sicherheit oder Abschiebung in ein Land, dem sie entkommen wollen. Gespräche…, die sind möglich und so wurde schnell klar, wie viel Macht einzelne Worte haben. Worte setzten Erinnerungen frei, vor denen sich die Geflohenen selbst oft schützen wollen. Gemütslagen, die die 16- bis 18-Jährigen an ihrem Gegenüber deutlich ablesen konnten.

Gut vorbereitet hat Marco Maria Emunds, Lehrer für Geschichte und Religion am Gymnasium Haus Overbach, die 13-köpfige Autorengruppe. Eine der Leitlinien war etwa, „dass wir erst etwas von uns erzählen. Es sollte ja kein einseitiges Gespräch sein“, erklärt Nina Kämmerling. Ganz klare Order war außerdem: Im Zweifelsfall keine Nachfragen stellen, um die Flüchtlinge nicht in Bedrängnis zu bringen. Viel Angst schwingt in den Begegnungen mit. Anonymität ist darum oberstes Gebot. Buchstabe – Punkt, das muss als Name genügen; und Fotos gibt es natürlich auch nicht.

„Wir haben uns vorher über die Zustände des Landes informiert, aus dem unsere Gesprächspartner kamen“, erzählt Albert Plum, der mit Timon Speier die Geschichte eines Kosovaren niederschrieb, dem vor fast 25 Jahren die Flucht gelang, durch Fernsehsendungen Deutsch lernte und heute eine Stelle im Jülicher Forschungszentrum hat. Besonders bewegt hat Albert, wie offen ihm der Mann erzählte, was er erlebte und wie Ernsthaftigkeit und Lachen einander dabei abwechselten.

Natürlich sprechen längst nicht alle Deutsch. Freunde der Flüchtlinge übersetzten dann das Erzählte, was die Kommunikation manchmal umständlich machte und erschwerte, erzählt David Merz, der mit einem Syrer über seine Erlebnisse sprach. „Auch wenn ich seine Worte nicht verstanden habe, ist das Gesagte durch den Gesichtsausdruck und seine Gestik gut `rübergekommen.“ Mehr als einmal, so schreibt David in seinem Beitrag, hat er nicht gewusst, was er antworten oder fragen sollte. Und so hat der 18-jährige auch deutlich gefiltert, denn das Schreckliche, das er aus zweiter Hand erfahren hat, kann er nicht in Worte fassen.

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Klare Ansage

Klare Ansage

Aus ihrer Unsicherheit vor dem Treffen macht Christina Ludwig keinen Hehl. „Ich wusste nicht, was mich erwartet. Und: Was darf man fragen? Auf manche Erlebnisse möchte man nicht noch einmal eingehen.“ Ein Ehepaar aus Ägypten hat sie getroffen. Christen, die ihres Glaubens wegen ihre Heimat verließen, nachdem man ihnen ihr eigenes Geschäft niedergebrannt hatte und die Kirche, in der ihr Vater der Pfarrer war.

Aktueller denn sind die 13 Schülerinnen und Schüler mit ihrer Veröffentlichung: Angesichts der für Sonntag angekündigten Demonstration, die sich gegen in Linnich untergebrachte Asylbewerber richtet, und der ab 15. November in der Jülicher Erstaufnahmeeinrichtung auf der Merscher Höhe erwarteten 1000 Menschen, hofft Lehrer Emunds, dass durch die Geschichte eine größere Akzeptanz und Toleranz entstehen könne.

Einen wichtigen Beitrag zur Verständigung für beide Seiten sieht darin auch Doris Vogel, Leiterin des Sozialamtes und damit erste Ansprechpartnerin für Flüchtlinge. Sie hat gemeinsam mit Andrea Klein, Flüchtlings-Sozialarbeiterin, das Projekt begleitet und die Gesprächspartner zusammengebracht. Eine der beiden war stets bei den Treffen dabei, die meist auf „neutralem Boden“ im Café Gemeinsam stattfanden. „Es ist wichtig, die Flüchtlingsgeschichten einmal aus einer anderen Perspektive zu erzählen.“ Sie wünscht sich, dass die Beiträge auch auf der geplanten Internet-Seite „Jülich hilft“ zu lesen sein werden und diesen sechs ausgewählten weitere folgen: „Es wäre gut, wenn die Geschichten weitergeschrieben würden“, richtete sie lächelnd die Aufforderung an Koordinator Emunds.

Wenn die ersten 90 der 250 Exemplare verkauft sind, dann sind die Druckkosten erbracht, die das Gymnasium Haus Overbach vorfinanziert hat. Die Einnahmen jedes weiteren verkauften Heftes fließen vollständig in die Flüchtlingshilfe in Jülich.
Im Sekretariat des Gymnasiums Haus Overbach in Barmen und der Buchhandlung Fischer, Kölnstraße 9, in Jülich sind die Hefte zu je 5 € das Stück. Erstmals werden die Hefte am Sonntag, 8. November, bei der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht in Jülich im Dietrich-Bonhoeffer-Haus angeboten. Hier werden Schülerinnen nach dem offiziellen Akt am Mahnmal auf dem Propst-Bechte-Platz zwei der sieben Geschichten vortragen.

Gegendemonstration "Linnich bleibt bunt und sauber"


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