Seit 57 Jahren gilt „In guten wie in schlechten Tagen“ für Inge und Willi Schmidt

„...dass ich nicht ins Leere falle“
Von Dorothée Schenk [11.10.2015, 16.32 Uhr]

„Meistens schläft er um diese Zeit, und um 11.30 Uhr kommt der Pflegedienst.“ Ihre schützende Hand hält Inge Schmidt über Ehemann Willi, mit dem sie seit 57 Jahren verheiratet ist. Vor vier Jahren wurde Demenz diagnostiziert. Inzwischen ist ihr Mann Pflegefall.

Blättern im Familienalbum: Zur Goldhochzeit hat die Familie Inge und Willi Schmidt das Album geschenkt.

Blättern im Familienalbum: Zur Goldhochzeit hat die Familie Inge und Willi Schmidt das Album geschenkt.

Genau erinnert sich Inge Schmidt an den Tag, an dem ihr Mann den Wagen in die Garage setzte, ihr den Autoschlüssel in die Hand drückte und sagte: „Das war’s.“ Das Paar war von einem Ausflug aus der Eifel nach Jülich zurückgekommen, eine Sonntagsausfahrt mit dem neuen Auto, das ihm so viel Freude gemacht hatte. Seit diesem Tag hat er es nicht mehr angesehen. Der Schock, den diese Aussage auslöste, ist der 78-Jährigen heute noch anzusehen.

Dabei hatte sie schon längst vor ihrem Mann seine Wesensveränderung bemerkt. Schließlich sind die beiden fast ein Leben lang zusammen: In der katholischen Volksschule hatten sie sich kennengelernt. „Man wusste, das ist Schmidde-Willi“, erzählt sie lächelnd. Richtig kennengelernt haben sich die Beiden aber erst im Tanzkurs, an den sich nach drei Jahren eine einjährige Verlobungszeit und die Hochzeit in der Klosterkirche von Haus Overbach in Barmen anschloss.

Er war Maler und Lackierer an der KFA, sie arbeitete lange Jahre als Pfarrsekretärin beim damaligen Propst Heinrich Bongard in Jülich. Drei Kinder bekam das Paar und bis heute vier Enkelkinder. Eine ganz normale Familie also bis zum Tag der Diagnose. Familie ist und bleibt der Angelpunkt. Sie ist Inge Schmidt eine große Unterstützung: Tochter Doris hat einen Kurs in Demenzbegleitung beim Caritasverband Düren-Jülich absolviert: „Sie kann ich immer anrufen, wenn ich Probleme habe.“ Die Enkel kommen zu Besuch oder helfen dort, wo der Seniorin die Kraft fehlt – bis vor einiger Zeit etwa, um den Opa auf die eigenen Füße zu stellen. Weil sie den Weg nicht mehr zur Messe in der Kirche schafft, bringt ihr Schwager einmal im Monat die Kommunion für sie und ihren Mann nach Hause. „Der Glaube bestärkt mich, dass ich nicht ins Leere falle“, sagt die gläubige und praktizierende Katholikin.

Damit lebt Familie Schmidt das, was in der XIV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode unter dem Thema „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ im Oktober theoretisch behandeln wird. Hier heißt es im vom Vatikan vorbereitenden Dokument, genannt Lineamenta, etwa: „Der volle Einsatz, den eine christliche Ehe erfordert, kann ein starkes Mittel gegen die Versuchung eines egoistischen Individualismus sein.“ Vermutlich existieren diese Begriffe nicht einmal im Wortschatz von Inge Schmidt.

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Geprägt durch ein langes gemeinsames Leben: Inge und Willi Schmidt

Geprägt durch ein langes gemeinsames Leben: Inge und Willi Schmidt

Nie in Erwägung gezogen hat sie, ihren Ehemann Willi in ein Pflegeheim zur Betreuung zu geben. „Ich bin für nichts fies, was meinen Mann betrifft. Wir sind seit 61 Jahren zusammen“, sagt sie. Mit dieser Entscheidung stößt sie bei einigen Gleichaltrigen auf Unverständnis. Aber: „Im Heim stirbt er“, ist Inge Schmidt überzeugt und: „Er ist glücklich.“ Woher sie das weiß? Ehe er vor drei Jahren seine Wörter verloren hat, wie Willi Schmidt es damals selbst formulierte, war einer seiner letzten Sätze: „Ich bin ein glücklicher, zufriedener Mensch.“

Schnell spürt der Besucher, wie groß die Nähe, Vertrautheit und Intimität des Ehepaares auch heute noch ist. Die liebevollen Gesten von Inge Schmidt, der erwiderte Blick von Ehemann Willi. Ihr Bett steht weiterhin im gemeinsamen Schlafzimmer auf Armeslänge vom Pflegebett ihres Mannes entfernt. „Ich bin ja froh, dass er noch da ist“, sagt Inge Schmidt, und die Freude ist ihr anzusehen. Sie erzählt, wie sie gemeinsam die letzten Winterspiele im Fernsehen angeschaut haben und sie sich über das Abmühen der Sportler lustig machte und meinte: „Das haben wir zwei nicht mehr nötig.“ Gelacht hätten sie beide darüber. Inzwischen ist Ehemann Willi auch das Fernsehen zu viel. Jetzt legt seine Frau ihm klassische Musik auf, die er so liebt.
Musik, das ist ein starkes Bindeglied des Paares. Lächelnd erinnert sie sich, wie gerne sie beide getanzt haben, „keinen Tango, aber Foxtrott und Walzer“. Und gerne auch einmal im Alltag einfach so im Wohnzimmer. Dabei strahlen ihre Augen.

Woher nimmt sie bei den Belastungen ihre Energie und Lebensfreude? „Es nützt ja nichts, wenn ich mich gehen lasse“, sagt sie ernst, aber lächelnd. Die gemeinsamen Erlebnisse, sie sind es, die sie oft durch den Alltag bringen. Immer gern gereist ist das Paar. Mit dem Campingwagen sind sie viel in Italien gewesen, allein dreimal in Rom, aber beispielsweise auch an den Schlössern der Loire. Wenn Inge Schmidt in Zeitschriften blättert und auf die Reiseberichte stößt, „dann freue ich mich immer und denke, da bist Du auch gewesen.“ Außerdem sind die Wände beredtes Zeugnis über die Leidenschaft von Willi Schmidt: Fotografie hatte es ihm angetan. Über 5000 Bilder hat er aufgenommen, die als Dias im Familienarchiv schlummern. „Und ich habe immer die vielen Objektive und Taschen getragen“, erzählt die Seniorin lachend.

Diese Erinnerungen helfen Inge Schmidt bei ihrem anspruchsvollen Tagesablauf, den sie anfangs noch alleine bewältigt hat: Hilfestellung beim Ankleiden, der Körperpflege, später Ausfahrten im Rollstuhl. Und ganz anspruchsvoll: die Rasur. Lachend erzählt Inge Schmidt von ihren zögerlichen ersten Versuchen. Inzwischen unterstützt ein Pflegedienst sie dreimal täglich. Zweimal in der Woche kommt vormittags eine Betreuerin, „damit ich auch mal zum Arzt oder Friseur gehen kann“. Und beim Besuch in der Innenstadt sucht und findet sie dann Ruhe in „ihrer“ Propsteikirche, die sie Gott sei Dank immer offen vorfindet. „Das ist ja eigentlich mein Zuhause – da bin ich mit groß geworden“, sagt sie und nimmt die Milch für den Kaffee aus dem Kühlschrank. Daran hängt ein Magnet mit der Aufschrift „Glauben verbindet.“



Info-Abend zur "Diagnose Demenz"


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