Interview mit der Schauspielerin Ellen Schwiers

Fabelhaftes Engagement in Jülich
Von Dorothée Schenk [26.10.2005, 16.14 Uhr]

Es gibt Theaterspiel in Jülich und das soll auf der Bühne der Kultur bleiben. Um mehr finanzielle Sicherheit zu erhalten, ist der Theaterbeirat auf der Suche nach Sponsoren – und das mit Ideenreichtum. Eine Benefizgala bringt am Samstag, 29. Oktober, unter dem Motto: „Liebe…zum Theater – mit allen Sinnen genießen“ im PZ der Zitadelle Jülich Interessierte an einen Tisch. Kulinarisches und Augenschmaus wird geboten. Als Mentorin der Veranstaltung fungiert die Schauspielerin Ellen Schwiers. Warum, erläutert sie im Interview.

Eine Grande Dame des Theaters Ellen Schwiers.

Eine Grande Dame des Theaters Ellen Schwiers.

Sie können leider nicht an der Benefiz-Veranstaltung für das Jülicher Theater teilnehmen, unterstützen das Projekt aber, warum?

Ellen Schwiers: Natürlich unterstütze ich das es, soweit ich das kann. Ich finde es gut, wenn sich die Menschen für das Theater engagieren. Als ich einmal im Harz spielte, erfuhr ich zu meinem Entsetzen, das wir die letzte Vorstellung geben. Als ich anschließend im Gasthaus essen war, traf ich das ganze Theaterpublikum, fast alles ältere Menschen, und fragte, „Was sagen Sie denn dazu, dass es keine Theater mehr geben wird?“. Da hieß es, „es ist schon schade, denn im Winter können wir ja nicht ins Theater woandershin fahren, das ist zu gefährlich“… Sie sind dumpf wie die Kühe, das verstehe ich nicht, dass die Menschen nicht aufstehen und sagen „wir lassen uns das nicht bieten“. Darum finde ich das Engagement in Jülich so fabelhaft. Es ist im Grundgesetz verankert, dass man einen Anspruch auf Kultur hat.

Mit „Das Ensemble“ sind Sie ein gern gesehener Gast in der Stadthalle – welche Erfahrungen haben Sie mit dem Theaterspiel in Jülich gemacht?

Ellen Schwiers: Die allerbesten. Es fällt mir gar nichts anderes ein. Das Publikum ist aufgeschlossen, aber das ist im Rheinland eigentlich so. Da gibt es die spontanen Reaktionen. Was mir gut in Erinnerung geblieben ist, ist die Unterstützung des Theaterbeirates. Jülich ist ein liebenswerter Ort für uns.

Warum ist es für ein Mittelzentrum, wie Jülich, wichtig, ein Theaterprogramm anzubieten?

Ellen Schwiers: Es für jede Stadt wichtig, die ein Theaterprogramm hat, es zu erhalten. Wir kommen i eine Kulturwüste, wenn wir so weiter machen. Wir haben ja Vorbilder… sehen wir nach Amerika. Dann wird keiner mehr ein Buch lesen, ein Museum besuchen oder ein Theater. Das ist etwas besonderes, ich weiß nicht, warum wir das der Amerikanisierung opfern sollen. Entstanden ist unsere Theatertradition im Föderalismus entstehen. Damals unterhielt jeder Fürst ein eigenes kleines Ensemble. So entstand das Repertoire-Theater. Selbst mein Vater hatte noch ein Repertoire: Man studierte 12 Rollen und bot seine Dienste den Theatern an. Davon konnte man leben, weil es sicher war, dass man ein Engagement bekam. Das Regietheater, wie wir es heute kennen, gibt es ja noch gar nicht so lange.

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Proben zu Martha Jellneck mit Ellen Schwiers.

Proben zu Martha Jellneck mit Ellen Schwiers.

Durch diese vielen kleinen Theater entstand in der Bevölkerung ein Verständnis fürs Theater. Es war ein Ereignis, ein Happening, da ging man hin. So entstand das Bildungsbürgertum, eben die Deutschen als Volk der Dichter und Denker. Natürlich ging der Fürst ins Theater um sich bejubeln zu lassen, aber der Fürst von Koblenz beispielsweise hat sein Theater dem Volk gewidmet. „Lachen verbessert die Sitten“, sagte er und hat damit die Kultur zum Teil der Regierungsphilosophie gemacht. Das ist einmalig in Europa. Wenn wir das aufgeben, geben wir die Grundlage unserer Kultur auf. Das Theater vor der Haustür wird geliebt.

Wie sehen Sie die Verbindung von Sponsoring und Theater: Eher als „Wahlverwandtschaft“ oder als „Gefährliche Liebschaft“?

Ellen Schwiers: Das hat es beides gegeben. Sponsoren, die versuchen, Einfluss auf den Spielplan zu nehmen. Das muss man von vorne herein klar machen, dass das nichts miteinander zu tu hat. Man kann ja Sitze versteigern und ein Schildchen dran machen…Auf der anderen Seite muss eine Möglichkeit finden, Sponsoring attraktiv zu machen, ohne Spender zu denunzieren, solche, die keine Öffentlichkeit wollen.

Jülich ist im Haushaltssicherungskonzept. Nur die Privatisierung durch den Theaterbeirat konnte das Angebot aufrechterhalten. Ist eine solche „Ehrenrettung“ Gefahr oder Vorteil? Stichwort: Stückauswahl nur nach Erfolgsgarantie.

Ellen Schwiers: Jülich hat einen Etat von 5000 Euro für Theater, Kindertheater, zwei Symphoniekonzerte, zwei Lesungen, Kleinkunst… das ist unglaublich. Die Stadtväter sollten sich schämen. Die Gefahr ist dann natürlich, dass die Stücke nur nach Erfolgsgarantie ausgesucht werden. Wenn das passiert triumphiert das Banale. Die Leute müssen auch die Möglichkeit haben, die dunkle Seite kennen zu lernen. Ich finde, dass das zur Erziehung beiträgt. Daher ist der Gedanken des Abonnements entstanden. Bei den Wahl-Abos gibt es das Problem, dass die schwierigen Stücke oft leer bleiben. Aber für die Programmauswahl hat man ja einen Kulturdezernenten. Bei uns ist missachtet worden, dass Kultur Arbeit ist. Man hat eine Verantwortung. Ich habe Respekt vor allen, die sich um ihren Spielplan Gedanken machen.

Das Jülicher Modell ist von Saison zu Saison eine Zitterpartie – ist dies die Vision des Theaters der Zukunft? Kennen Sie Beispiele, wo sich ein derartiges Konzept getragen hat?

Ellen Schwiers: Es gibt Kulturvereine die bestehen nur aus Ehrenamtlichern, etwa in Brilon oder Eckernförde. Eckernförde beispielsweise verfügt über einen Etat von 75.000 Euro, darin sind öffentliche Zuwendungen von 16.000 Euro enthalten.

Muss „Theater“ ein Subventionsunternehmen sein? Welche Möglichkeiten zur Finanzierung bieten sich an?

Ellen Schwiers: Wieso eigentlich nicht? Es wird doch alles subventioniert. Die Bauern werden subventioniert, warum nicht das Theater. Der Mensch lebt nicht vom Brot alleine. Sonst „vertierten“ wir wirklich und verdienen es nicht mehr, uns Mensch zu nennen. Ich habe es im Wahlkampf so vermisst, dass irgendeine Partei von Kultur spricht, immer wird nur von der Wirtschaft gesprochen. Meiner Meinung nach haben sie dafür die Quittung gekommen. Man muss den Staat und die Städte wieder an ihren Kulturauftrag erinnern.

Lesen Sie mehr zum Thema: Für Kultur in Jülich Sponsoren an einen Tisch bringen

Mehr über Ellen Schwiers und Das Ensemble


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