Interview mit Diplom-Sozialarbeiterin Sylvia Karger-Kämmerling, Mitorganisatorin des Aktionstages „Wohnen im Alter“

„Alternatives Wohnen“ als Wunsch fürs Alter
Von Dorothée Schenk [23.09.2005, 17.43 Uhr]

ISaR ist im Fluss. Die Bewegung „Interessengemeinschaft Seniorenarbeit Raum Düren/Jülich“, die aus 140 Mitgliedereinrichtungen besteht, ruft am Samstag zum Aktionstag „Wohnen im Alter“ auf den Propstei-Kirchplatz rund um die Mariensäule. Viel vorgenommen haben sich die Initiatoren, die zwischen 10 und 15 Uhr neben Informationen über „alternative Wohnformen“, Vorträge und Podiumsdiskussion über die Lebenssituation von Senioren, und schlicht praktische Hinweise für die Bewältigung des Alltags geben wollen. Die Organisation in Jülich trägt für den Caritasverband der Region Sylvia Karger-Kämmerling. Die Diplom Sozialarbeiterin erläuterte die Hintergründe des Aktionstages. ,01

In der Stiftsherrnestraße 7 öffnet Sylvia Karger-Kämmerling die Türen bei Fragen zu „Wohnen im Alter"

In der Stiftsherrnestraße 7 öffnet Sylvia Karger-Kämmerling die Türen bei Fragen zu „Wohnen im Alter"

Derzeit ist „Wohnen im Alter“ durch Bauvorhaben, die sich in Planung oder bereits Umsetzung befinden, ein aktuelles Thema in Jülich. Wie kommt es zu einem kreisweiten „Aktionstag“?

Sylvia Karger-Kämmerling: Es gibt ein großes Informationsdefizit. Aus dieser Erkenntnis heraus hat „ISaR“ im Sommer 2004 in Düren den „Markt der Möglichkeiten“ initiiert. Wir wollen einmal im Jahr eine Infoveranstaltung anbieten, um unsere Arbeit bekannter zu machen. Der Aktionstag ist das Pendant in Jülich. Diesmal haben wir den Schwerpunkt „Wohnen im Alter“ gewählt. Als wir vor drei Jahren die Projektgruppe starteten, gab es in der Region wenige Alternativen zum Altenheim. Hier hat sich viel geändert. In Jülich entsteht am Wallgraben derzeit die Seniorenwohnanlage des Bauvereins, es gibt bereits das Altenheim mit Wohngemeinschaften in Gereonsweiler und Teilstationäre Einrichtungen in Düren und Kreuzau.

Wie deckt das Angebot an Wohn-Möglichkeiten für Senioren die Nachfrage?

Karger-Kämmerling: Vor allem Altenheime werden im Kreis Düren derzeit reichlich gebaut – was ich kritisch finde. Schon im Sommer 2004 waren 40 Plätze im Kreis Düren nicht belegt. Altenheime sind nicht die Wohnform, die Senioren bevorzugen. Auf der Dürener Zukunftskonferenz im Juli 2004 wurde eine Erhebung mit dem Titel „Teilhabe im Alter“ durch die Caritas gestartet. Befragt haben wir 300 Menschen ab 55 Jahren. Nur 4 bis 5 Prozent von diesen wollen in ein Altenheim ziehen. Das Erstaunliche war, dass fast ein Fünftel der Befragten sich noch gar keine Gedanken zum Thema „Wohnen“ gemacht hatten. Rund die Hälfte würde aber auch bei Pflegebedürftigkeit zu Hause bleiben. Für altersgerechte Wohngemeinschaften entschieden sich 16 Prozent der Befragten und 22 Prozent für betreutes Wohnen.

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Freut sich auf den Aktionstag  Sylvia Karger-Kämmerling.

Freut sich auf den Aktionstag Sylvia Karger-Kämmerling.

Wie ist es im Kreis Düren um diese „alternativen Wohnformen“ bestellt?

Karger-Kämmerling: Die Nachfrage nach den Alternativen ist wesentlich höher als das Angebot – wie die Wartelisten beim Bauverein zeigen. Die Altenheime werden sich umstellen müssen. Im Hildegardisstift in Jülich gibt es jetzt schon Überlegungen, sich auf Demenz zu spezialisieren. Das ist ein Thema, das uns nach meiner Ansicht, in Zukunft überrollen wird. Mit dem Leo-Martini-Haus in direkter Nachbarschaft zum und in Zusammenarbeit mit dem Altenheim St. Hildegard gibt es hier schon die Möglichkeit auf selbstbestimmtes Wohnen – so lange es eben geht. Ab 2006 baut die Caritas außerdem eine Teilstationäre Einrichtung ebenfalls in Nachbarschaft zum Hildegardisstift. Die Senioren kommen von morgens bis nachmittags in die Einrichtung. Wie oft, das wird individuell abgestimmt. Die pflegerischen Dienste von Friseur bis Fußpflege sind gewährleistet. Die Abende und Nächte verbringen die alten Menschen in ihrem Heim oder bei der Familie. Derzeit verhandelt die Caritas mit dem Landesministerium über Zuschüsse, damit ab dem Frühjahr gebaut werden kann.

Ist das „weg“ vom Altenheim ein „hin“ zur Selbstbestimmung oder in die Isolation?

Karger-Kämmerling: Meist ist die Entscheidung, in ein Altenheim zu gehen, keine freiwillige. Oft ist eine Krankheit oder ein Sturz der Auslöser. Die Familien entscheiden dann oft und der Weg führt vom Krankenhaus direkt ins Altenheim, so dass die Menschen nicht einmal die Möglichkeit haben, sich zu verabschieden. Auf der anderen Seite steht die Gefahr der Einsamkeit und sozialen Verarmung. Vor allem Familien sind es, die den Kontakt zur Außenwelt herstellen: 21 Prozent aller Befragten der zitierten Studie „Teilhabe im Alter“ erhalten täglich Besuch von Familienmitgliedern, über ein Drittel telefoniert täglich. Dagegen hat ein Viertel der Befragten noch nie oder nur einmal im Jahr etwas mit Nachbarn, Freunden oder Bekannten unternommen und über 10 Prozent telefonieren oder besuchen sich nie. Das Ziel des Aktionstages ist es auch, dass sich die Menschen sich früh genug Gedanken machen, wie sie im Alter leben wollen. Das betrifft nicht nur das Wohnen, dazu gehört alles, was die Selbstbestimmung betrifft, etwa auch eine Patientenverfügung.

Wie wollen Sie selbst im Alter leben?

Karger-Kämmerling: Ich würde auf dem Land bleiben – natürlich nicht gern alleine, natürlich würde ich gerne mit meinem Mann alt werden und natürlich würde ich nicht gerne in der dritten Etage wohnen, sondern möglichst barrierefrei. Am liebsten wäre mir so wenig Unterstützung wie nötig und so viel Selbständigkeit wie möglich.

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