Schwester Vanessa hat 8,5 Minuten Zeit für jeden Besuch

Mit Engelsflügeln im Pflegeeinsatz
Von Dorothée Schenk [13.05.2013, 15.25 Uhr]

„Hallo-o, hier ist Schwester Vanessa – guten Abend!“ Einen fröhlichen Gruß, einen freundlichen Blick und eine liebevolle Geste bringt die 23-jährige Altenpflegerin zu ihren „Kunden“ mit. So viel Zeit muss sein. Dabei ist gerade „Zeit“ bei Vanessa Scherer vom Ambulanten Pflegedienst des Caritasverbandes Düren-Jülich knapp.

Lachen ist die beste Pflege

Lachen ist die beste Pflege

28 Hausbesuche hat sie bei diesem Spätdienst auf der Liste stehen. Statistisch gesehen sind das in der regulären Dienstzeit zwischen 16 und 20 Uhr etwa 8,5 Minuten pro „Kunde“ – inklusive Fahrtzeit. Das lässt die engagierte Dienstleisterin die Menschen nie spüren. Die Uhr tickt nur im Kopf. So lange die gelernte Kinderkrankenschwester Vanessa in den vier Wänden der Senioren ist, scheint sie entspannt und alle Muße der Welt zu haben. Dass es manchmal auch 23 Uhr werden kann, gehört zum Alltag. „Das tolle an der Pflege ist: Es ist immer wieder neu. Man weiß nie, was einen erwartet.“ Aus den Worten spricht echte Begeisterung.

„Tanzen Sie mit mir“, fordert sie die Bettlägerige auf, der sie an diesem Abend auf den Toilettenstuhl hilft. Rechter Fuß, linker Fuß, Wiegeschritt. Die alte Frau, deren Mann seit einer Beinamputation an den Rollstuhl gefesselt ist, wirkt erschöpft. Schon das Hinsetzen zur Stabilisierung des Kreislaufs ist ein Kraftakt. „Beine durchdrücken und auf drei.“ Bis die Patientin wieder aufs Bettlager gebracht wird, füllt Vanessa Scherer die Dokumente aus und beantwortet die Fragen des Mannes: „Machen Sie auch Frühstück?“ Eine Frage, die Otto Normalbürger irritiert, begegnet die Schwester mit erfahrener Gelassenheit. Sie weiß, dass nicht sie selbst, sondern die Service-Leistungen der Caritas gemeint sind.

Zum Fachwissen über medizinische Versorgung und Medikamente gehören in der dreijährigen Berufsausbildung viel Psychologie und Soziologie als Unterrichtstoff. Nicht auf dem Lehrplan steht das hohe Maß an Eigenverantwortung, Flexibilität in Hand und Hirn sowie Kreativität, die unabdingbar für die ambulante Altenpflege sind.

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Immer unterwegs: Schwester Vanessa vom Ambulanten Pflegedienst der Caritas

Immer unterwegs: Schwester Vanessa vom Ambulanten Pflegedienst der Caritas

Im Laufschritt zum weißen Auto zurück, an dem das Fähnchen „Hilfe! Mehr Zeit für Pflege“ weht. Ein Hinweis auf die Kampagne, die von den Wohlfahrtsverbänden in ganz NRW initiiert ist, um darauf hinzuweisen, dass Leistungsvergütungen ab 9,12 Euro etwa für das Ausziehen von Kompressionsstümpfen – natürlich inklusive des Anziehens von frischen Strümpfen – in der Leistungsgruppe 1 nach SGB V im Krankenkassenvertrag pro Besuch einfach nicht ausreichen (siehe Kasten). An diesem Abend leistet Schwester Vanessa viermal diesen 9,12-Euro-Dienst. Das heißt: „reinfliegen“, Strümpfe wechseln und weiter. Bedauernd zuckt die Altenpflegerin die Schultern. Gerne würde sie bei manchen Kunden mehr Zeit haben für ein persönliches Gespräch. „Ich höre gerne die Lebensgeschichten der älteren Menschen und ich erzähle ihnen von meinen Erlebnissen.“ Das ist wie frischer Luftzug im Haus, ein Fenster zur Welt, eine Beteiligung am Leben.

Die Wangen sind gerötet und stehen in freundlichem Einklang zum zart-rosa Kittel und den markant pinkfarbenen Schuhe. Atempausen legt Schwester Vanessa während der Fahrt ein. „Dann habe ich Zeit, runterzukommen, nachzudenken und mich auf den nächsten Kunden vorzubereiten.“ Pro Tag 65 Kilometer ist die Altenpflegerin unterwegs zwischen Jülich, Welldorf, Koslar und sogar bis nach Siersdorf und Schleiden. Bei Doppelschichten werden es auch schon mal 100 Kilometer. „Beim Ambulanten Dienst lernst Du Autofahren“, lacht die Altenpflegerin. Zweimal ist sie schon wegen zu schnellen Fahrens angehalten worden, sagt sie. Auch heute ist der Zeitplan nicht akkurat einzuhalten: Auf dem Weg zu den fixen Anlaufstellen klingelt immer wieder das Telefon, darunter zwei Absagen. Unverhofft sind Menschen ins Krankenhaus gekommen. Schwester Vanessa verschafft das unverhofft Luft, denn bei einem Arzt muss zusätzlich eine Verordnung abgeholt werden, die eine demente Patientin noch unterschreiben soll.

Routiniert greift Schwester Vanessa in die Spenderbox mit den sterilen Einweghandschuhen. Sie weiß, dass beim nächsten Termin Intimpflege ansteht. Zu dieser Kundin kommt sie zum ersten Mal. Die Navigations-App im Smartphone hat ihr den Weg gewiesen. Der Mann steht schon in der Türe, er hat gewartet. „Wer sind Sie?“ fragt er freundlich aber reserviert. Schwester Vanessa stellt sich vor und gewinnt mit einem Lächeln Vertrauen und Anteilnahme. Während sie die Frau wäscht, umzieht und Medikamente vorbereitet, kommen die drei ins Plaudern. Wo sie herkomme, will der Mann wissen. „Aus Eschweiler.“ „Wie kommen Sie denn da hierher?“, fragt er staunend. Die Altenpflegerin grinst, zwinkert und sagt: „Mit Engelsflügeln…“

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