Ehepaar Range berichtet von den Philippinen

Einsatz für Leben und Lernen auf der Straße
Von Helga und Jochen Range [15.09.2012, 18.02 Uhr]

Erneut besuchte das Jülicher Ehepaar Helga und Jochen Range die Projekte der „Aktion Wasserbüffel“ in den Philippinen. Seit 18 Jahren kümmert sich die Jülicher "Abteilung" der Philippinen-Koordinationsgruppe der Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai) vor allem um die Zukunft von Schulkindern in diesem asiatischen Land. Wie viele dieser Projekte finanziert sich der Verein über Spenden. Einen Teil dazu beigetragen hat in diesem Jahr die Realschule Jülich, die vom Sponsored Walk rund 2000 Euro spenden konnte. Ein Anlass, Ehepaar Range von seinem Projekt erzählen zu lassen. Hier ist ihr Bericht von der wichtigsten Station ihrer Reise, der „Schule auf der Straße“ in Cebu City.

Der schulischen und medizinischen Versorgung der philippischen Kindern gilt die Fürsorge der "Aktion Wasserbüffel"

Der schulischen und medizinischen Versorgung der philippischen Kindern gilt die Fürsorge der "Aktion Wasserbüffel"

Aktion Wasserbüffel hat die „Schule auf der Straße“ im Jahr 2009 begonnen. Sie hat sich zu einem Leuchtturmprojekt in der Millionenstadt Cebu City entwickelt. So nehmen Ärzte der örtlichen Hochschule unentgeltlich regelmäßige Untersuchungen der Kinder vor. Sie nennen dieses Projekt „Medizin auf der Straße“. Das Konzept unserer Schule ist: Straßenkinder werden da, wo sie leben und schlafen, am Rande der Straße, in Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet. Es werden ih¬nen auch Werte wie gegenseitige Rücksicht vermittelt, da sie auf der Straße verwahrlost waren. Weil sie schmutzig vom Leben auf der Straße sind, lernen sie, sich vor dem Unterricht zu waschen. Nach dem Unterricht erhalten sie ein vollwertiges Essen.
Kati, die Leiterin der Schule, und die Lehrerinnen begrüßen uns auf dem neuen Schulgelände mit einem Willkommensfest.

Dann zeigen uns die Kinder alles, was sie in der Schule gelernt haben. Wir sind begeistert von den großen Fortschritten. Viele Kinder waren noch vor einem Jahr scheu und verstört. Jetzt sind sie fröhlich und selbstbewusst. Die älteren Jungen glänzen mit sportlichen Vorführungen, die jedem Zirkus Ehre gemacht hätten, neben tänzerischen Einlagen wimmelt es nur so von Salti und Luftrollen. Allen merkt man die große Begeisterung an.

Beim fröhlichen Willkommensfest fällt uns ein kleiner Junge auf, der gar nicht fröhlich ist. Es ist Martin, wie wir von Kati erfahren. Er hat noch keine Weste mit dem Logo der Aktion Wasserbüffel an, nur ein graubraunes T-Shirt. Er könnte drei Jahre alt sein. Aber wie wir später erfahren, ist er etwa fünf Jahre alt. Genau weiß man das nicht, seine Mutter hat nämlich vergessen, wann er geboren ist. Das Drama von heute: Alle Kinder unserer Schule haben am Tag zuvor eine gelbe Marke mit einer Nummer erhalten. Diese Marke berechtigt dazu, am Tage des Festes einen Beutel mit Essen für die Familie zu erhalten. Das ist für die Familien, die auf der Straße leben, eine begehrte Unterstützung. Martin aber hatte die Marke verloren. Deshalb hatte die Mutter ihn angeschrieen und geschlagen. Selbstverständlich bekam Martin trotzdem seinen Beutel mit Essen, aber das löst das Problem nicht.

Wir erfahren von Kati, dass die Mutter ihn regelmäßig mit Schlägen und Schimpfen zum Betteln zwingt. Kati hat mehrfach der Mutter gedroht, sie wegen Kindesmisshandlung anzuzeigen. Aber aussichtsreich ist das nicht. Welche Behörde in den Philippinen kümmert sich schon um das Wohlergehen von Straßenkindern. Wir sprechen mit Butch, dem Leiter unseres Kinderdorfes Batang Pinangga. Er wird versuchen, Martin in Batang Pinangga unterzubringen. Dort erfahren verlassene und misshandelte Kinder eine liebevolle Betreuung. Zunächst muss man die Mutter überzeugen, oder man muss ihr einen Ausgleich dafür zahlen, dass Martin nicht mehr für die Familie bettelt.

Wie sehr das Leben auf der Straße die Kinder prägt, wird durch ein anderes Ereignis in Martins Leben ersichtlich. Als die Mutter für mehrere Tage einfach verschwunden war, hatte Kati Martin bei einer befreundeten Ordensfrau untergebracht, die sich in einem kleinen privaten Heim um Straßenkinder kümmert. Martin hatte endlich einmal ein richtiges Bett. Als in der Nacht ein heftiger tropischer Regen auf das Dach prasselte, wurde Martin wach und wollte im Halbschlaf sofort Schutz vor dem Regen suchen, wie er es auf der Straße hätte tun müssen.

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Helga und Jochen Range beim Besuch in Bohol.

Helga und Jochen Range beim Besuch in Bohol.

Nicht alle Straßenkinder sind so unglücklich wie Martin. Viele Mütter und Väter, die ja selbst auf der Straße leben, kümmern sich liebevoll um ihre Kinder, sie sind auch auf dem Willkommensfest dabei und haben bei den Vorbereitungen und beim Kochen des Essens geholfen.

Nicht nur Martin muss betteln, um wenigstens einmal am Tag etwas zu essen. Viele der Straßenkinder teilen dieses Schicksal. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir die Schule statt an zwei bis drei Tagen in der Woche auf fünf Tage ausdehnen. Das ist besonders für die kleineren Kinder wichtig. Sie könnten mehr lernen, müssten nicht betteln, weil sie dann auch fünfmal Essen bekämen. Denn das ist das Prinzip unserer Schule: Alle Kinder erhalten nach der Schule ein vollwertiges Essen. Es ist aber nicht leicht, für die Fünftageschule bezahlbare Lehrkräfte zu finden. Bisher unterrichten Collegeabsolventen, die ein Stipendium von einer Stiftung aus USA erhielten, fast ohne Bezahlung. Sie sind die Kinder von politischen Gefangenen und fühlen sich verpflichtet, noch ärmeren Kindern zu helfen. Von uns erhalten sie Fahrgeld, Essen und von Zeit zu Zeit eine Prämie für ihre engagierte Arbeit. Aber wir wollen versuchen, die tägliche Schule wenigstens für die kleineren Kinder einzurichten. Gerade jetzt im August schrieb uns unsere Partnerin Kati, dass sie ein Seminar für neue Lehrerinnen durchführen wird. Der Start der Fünftageschule soll im September sein.

Erfreulich ist, dass mittlerweile zwölf der Straßenkinder nach zwei Jahren so weit sind, dass sie eine staatliche Schule besuchen und somit auch staatlich anerkannte Zeugnisse erhalten werden. Die Kosten der Schulausrüstung und das Fahrgeld werden von Aktion Wasserbüffel und von der Kirchen¬gemeinde der Redemptoristen aufgebracht, auf deren Grundstück am Rande der Hauptstraße die „Schule auf der Straße“ stattfindet. Das eine Problem ist, dass die Kinder keine Papiere wie etwa Geburtsurkunde oder Taufschein haben. Das löst der Pfarrer der Redemptoristengemeinde pragmatisch. Er tauft die Kinder, und schon haben sie einen Taufschein.

Das zweite Problem ist die Einstufung in die richtige Klasse. Da sie vorher keinen Nachweis über einen Schulbesuch hatten, müssten sie in der ersten Klasse beginnen. Sie haben aber in unserer Schule auf der Straße mit ihrer Lernbegeisterung so viel gelernt, dass sie vielleicht schon die dritte oder vierte Klasse besuchen könnten. Unsere Schule aber hat keine offizielle staatliche Anerkennung und unsere Lehrerinnen haben keine Berechtigung, Einstufungstests durchzuführen. Wir beschließen, das zu ändern. Kati bittet Roy Guarin, den Leiter des städtischen Amtes für alternative Schulformen, uns zu einem Gespräch zu empfangen. Zunächst ist er misstrauisch und ablehnend. Als er aber unser Engagement und das unserer Lehrer merkt und als wir ihm erzählen, dass unsere Förderer und Spender in Deutschland wenig Verständnis dafür hätten, wenn die Förderung unserer Schüler an bürokratischen Hemmnissen scheitern würde, taut er auf und zeigt sich sehr hilfsbereit.

Unsere Schule muss einige Bedingungen erfüllen, die aber für uns kein Problem sind. Unsere Lehrerinnen müssen einen Fortbildungskurs von 30 Stunden besuchen, den er einrichten wird. Die Teilnehmergebühren werden auf die Hälfte reduziert. Die Tests der Schüler werden mit den staatlichen Testbögen durchgeführt. Wir scheiden mit einem guten Gefühl. In der Tat hat er seine Versprechen gehalten und der Fortbildungskurs wird in Kürze stattfinden.


Die weiteren Stationen unserer Reise sind unser Kinderdorf Batang Pinangga auf der Insel Cebu und ein Projekt mit der Ärztin Grace Molina auf der Insel Bohol zur Vorsorgeuntersuchungen von Schulkindern in ländlichen Gebieten. Grace bildet geeignete Mütter zu Gesundheitshelferinnen aus. Alle Projekte sind vernetzt. Im Kinderdorf Batang Pinangga werden Straßenkinder aufgenommen, die verstoßen und verlassen sind oder Probleme haben wie Martin. In Bohol haben wir gelernt, wie wichtig die Schulung der Eltern bei einfachsten Gesundheitsproblemen ist. Dieses Programm haben wir jetzt für die Mütter der Straßenkinder begonnen. Dann passiert hoffentlich nicht mehr, dass ein Kind an Dengue-Fieber stirbt, wie Anfang dieses Jahres ein Junge unserer Schule. Hätte die Mutter die Krankheit rechtzeitig erkannt hat und ihn zu einem Arzt gebracht, wäre er wahrscheinlich nicht gestorben.

Mehr Informationen unter www.aktion-wasserbueffel.de

Spendenkonto Nr. 5854468, Sparkasse Düren, BLZ 39550110

Lesen Sie hierzu: (L)Aufgabe gelöst: Realschüler spenden über 4000 Euro


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