Buchvorstellung von Hermann Holz’ „Verlorene Jugendjahre“

Welldorf: Wenn jedes Wort Bedeutung hat
Von Dorothée Schenk [03.12.2007, 17.18 Uhr]

Geschichte in Gesichtern: Hermann Holz als Soldat, als Kriegsgefangener und 2007 als Buchautor.

Geschichte in Gesichtern: Hermann Holz als Soldat, als Kriegsgefangener und 2007 als Buchautor.

„Die Jungen wissen von gar nichts!“, sagt eine alte Welldorferin im Brustton der Überzeugung an ihre Tischnachbarin. Ein Gespräch vor der Buchvorstellung „Verlorene Jugendjahre“. Darin geht es um die Erinnerungen von Hermann Holz. Der Ur-Welldorfer hat im Alter von 84 Jahren, angeregt und angetrieben von Historiker und Autor Michael Hecker, seine Geschichte vom Leben im 2. Weltkrieg, der Gefangenschaft und der Heimkehr erzählt.

Vollbesetzt war der Saal bei „Schnitzler“, in dem sich auch die Kinder und Enkel des Erinnerung-Gebers eingefunden hatten. Nur für sie hatte Hermann Holz ursprünglich seine Geschichte zu Papier bringen wollen, bis ihm Michael Hecker erklärte, dass sie es wert sei, allen Menschen erzählt zu werden. „Daraus ziehe ich den Schluss, dass auch ein älterer Mensch von jüngeren lernen kann.“ Aus 80 Seiten beschriebener Zettel wurde ein Buchkonzept, das jetzt 104 Seiten umfasst. Persönliche Erlebnisse, die mit Tagebuchaufzeichnungen und Fotodokumenten unterfüttert sind, und die Historiker Hecker in Archiven und Bibliotheken in Kleinarbeit „mit der Wirklichkeit abgeglichen hat“, wie Senior Holz berichtet.

Wichtig ist das Buch, wie Hecker in den einführenden Worten erläuterte, weil es neben den bekannten Berichten über Schlachten und Kriegswirren in einem Einzelschicksal das Leben einer ganzen Generation vorstellt: Die Unfreiheit, Furcht, die Allgegenwart des Todes und ein Leben im Dienst – unvorstellbar für die heutige Jugend. „Unvorstellbar, wie reich wir sind“, formulierte es der 35-Jährige und eine Mahnung gegen den Wahnsinn der Nazi-Zeit. „Seht Euch die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft kritisch an“, forderte auch Hermann Holz und warnte von denen, „die am lautesten Versprechungen machen“.

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"In Erinnerung" - signiert Hermann Holz sein Buch "Verlorene Jugendjahre".

"In Erinnerung" - signiert Hermann Holz sein Buch "Verlorene Jugendjahre".

Das Leiden am Krieg begann für den 17-jährigen Hermann Holz, als er zum Reicharbeitsdienst verpflichtet wurde und fortan aus der Familie und seinem Leben gezogen wurde: Acht Jahre lang dauerte es, bis er nach Grundausbildung, Fronteinsatz und Kriegsgefangenschaft wieder nach Hause kam. Dabei sind es viele kleine Erlebnisse, die die Tragweite des damaligen Lebens erkennbar machen: In der Gefangenschaft trug Hermann Holz sein Handtuch („ein einfacher Fetzen Stoff“) wie ein Hemd am Körper, da es ihm sonst gestohlen worden wäre. Auf seinem Tagebuch von 1943 notiert er: „falls ich fallen sollte, bitte das Buch an meine Eltern, oder an einen, der auf der letzten Seite vermerkten, Menschen schicken“. Dabei war selbst das Führen eines Tagebuches bereits verboten, weil es bei einer Gefangennahme dem Gegner Informationen geben könnte. Aus demselben Grund durfte er aus der Kriegsgefangenschaft nur Postkarten mit abgezählten 25 Wörtern verschicken. Da bekommt jede Formulierung doppelt Bedeutung. Manche Kriegserlebnisse sind aber zu schrecklich, um erzählt zu werden. Albträume plagen nach eigenem Bekunden den 84-Jährigen bis heute.

Hermann Holz war der letzte Welldorfer, der 1950 zurückkehrte. Dabei war ihm diese Heimkehr nie gewiss: Im Arbeitslager in Russland verrichtete er vielerlei Arbeiten vom Maurer bis zum Friedhofsgräber, mit einem Überlebenswillen, der dem Historiker Michael Hecker viel Respekt abnötigte. Kennen gelernt hatten sich der Senior und sein „junger“ Mentor beim Buchprojekt „Welldorf an der Heimatfront“ 2004/05. Hermann Holz war einer der 100 Zeitzeugen, die Michael Hecker interviewt hatte. Bereits damals erkannte der junge Welldorfer, wie sehr die Geschichte in dem Kriegs-Überlebenden noch gärte. Wie wichtig es wäre, sie aufzuschreiben und so aufzuarbeiten.

Wenn die Nachfolgegeneration das historische Gedächtnis eines Ortes wird, ist dies sicher eine Besonderheit: Michael Hecker ist dies bereits zum zweiten Mal gelungen.

Das Buch „Verlorene Jugendjahre“ ist im Selbstverlag in einer Auflage von 300 Stück bedruckt worden. Zum Preis von 15 Euro ist es in der Jülicher Buchhandlung Fischer, Kölnstraße 9, zu kaufen sowie in Welldorf bei Geflügel Holz, Jülicher Straße 54, und beim Landwirtschaftlichen Direktvermarkter Schüller, Jülicher Straße 17.


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