Chance verspielt
Von Arne Schenk [01.03.2013, 13.23 Uhr]

Einem Pleitier auch noch Geld in den Rachen zu werfen, ist dumm, sagt der gute Menschenverstand. Deshalb könne es auch nicht angehen, dass die Stadt Jülich der hoch verschuldeten Alemannia aus Aachen den kleinen Finger reicht.

Und damit die Stadt gar nicht erst in den Verdacht kommt, Überlegungen und Analysen anzustellen, ob Gespräche über Training und Spiel der Kaiserstadt-Kicker im Karl-Knipprath-Stadion in Gang kommen, wird das Ganze direkt im ersten Angang, dem Ausschuss für Jugend, Familie, Soziales und Sport abgeschmettert.

Da bekanntlich jeder Zuschauer auch gleich Fußballexperte ist, darf jedes Mitglied auch seinen Senf zugeben. „Woher soll Alemannia Aachen 1 Euro haben, um im Karl-Knipprath-Stadion zu bauen?“ Von Missbrauch zur Erpressung ist die Rede, so dass selbst ein „Die sollen Kohle auf den Tisch legen, ansonsten gibt es gar nichts!“ gar keine Chance auf Realisierung hat.

Als ob der reiche Vetter aus der Herzogstadt niemanden an den vielen Konzepten zur Geldanhäufung in der Schublade teilhaben lassen wolle.

Das Bauchgefühl ist ohnehin höher anzusiedeln als eine sachliche und sachgerechte Auseinandersetzung. Wozu sich erst lange mit einem Thema beschäftigen, das vielleicht gar nichts bringt? Dass sich die Insolvenzberatung der Alemannia zuvor Stunden lang vor Ort in Jülich in Gesprächen mit Vertretern der Stadt und Jülich 10/97 mit dem Thema beschäftigt hat, verursacht auch keinen Nachdenk-Effekt. Sich zu bewegen, ist nicht die Stärke der Jülicher Politik.

Da nimmt man lieber den Mund voll und gibt eine Anekdote zum Besten. Sich in das Heer von Claqueuren und Bedenkenträgern einzureihen, ist Ausdruck des Zeitgeistes, wie dies auf den Kreuzzügen in den Blogs von Facebook und Konsorten längst zu lesen ist. Zwischen Anbetung und Verdammnis bleibt kaum Raum für eine ernsthafte argumentative Auseinandersetzung.

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Kein Wunder ist es da im übrigen, dass im gleichen Ausschuss auch die Vertreter der Drogenberatung, die demnächst völlig ohne Zuschuss der Stadt sein soll, keine Redeerlaubnis erhalten. Ein merkwürdiges Demokratieverständnis. Dass ein Ehrenamt – auch das politische – einen Auftrag enthält, auf diese Idee scheint niemand zu kommen.

Bezeichnend ist es da, dass der einzige Plan, um an Finanzen zu kommen, zu sein scheint, anderen die Mittel zu kürzen mit dem Auftrag, sich selbst um die Einwerbung von Geldern zu bemühen. Wie sie das machen soll, liegt doch bitteschön bei den Institutionen selber, egal ob Stadtbücherei oder Musikschule. Kommt dann jemand mit einem Konzept vorbei – unabhängig davon, wie realistisch es ist – wird dieses gar nicht erst geprüft.

Eher sorgt sich jeder um die eigenen Befindlichkeiten. Alemannia-Fans sind alles Rüpel, die „unsere“ schöne Jülich-10-Anlage demolieren könnten. (Sollten die Stadtväter dies nicht sogar hoffen, um kostengünstig zu einem Abriss zu gelangen?) Da werden ernsthaft die Vorlieben für Köln, Mönchengladbach oder was-auch-immer ins Feld geführt, um als Argument zu dienen. Ach ja, und natürlich, dass der Verein Jülich 10/97 zuerst kontaktiert wurde, obwohl die Stadt ja der Eigentümer ist. (Obwohl jede Untervermietung zunächst erst einmal über den Mieter läuft.)

An Stelle zukünftigen Schaden zu vermeiden, hat die Stadt sich selbst freiwillig in den „Worst-Case“ gestürzt. Ohne eigenes Zutun und ohne einen Cent in die Hand nehmen zu müssen war Jülich zwei, drei Tage lang im Blickpunkt der nationalen Medien zwischen Sky, Focus, Stern, Süddeutscher Zeitung und Handelsblatt – ein Traum jeder lokalen Stadt-Marketing-Abteilung. Doch dieser ist nun für immer ausgeträumt, die Chance verspielt. Dafür haben Menschen gesorgt, die sich nicht an Utopien beteiligen wollen, aber außer Sparen keine wirklichen Konzepte vorlegen, um in der Realität zu überwintern. Als ob ein Aussitzen von Problemen in Ausschüssen jemals eine Lösung gewesen wäre.

Lesen Sie hierzu: Jülichs Politiker zeigen Alemannia die rote Karte


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