Jülicher Zeitung, Samstag, 27.2.2010, S.4
Kommentar: Zeit für Revolution
Von Thorsten Karbach [28.02.2010, 15.44 Uhr]
Jülicher Zeitung, Samstag, 27.2.2010, S.4 NRW braucht ein neues Schulsystem. Jetzt.
Es ist keine Überraschung. Schon wieder werden landesweit rund 14 000 Kinder trotz Anmeldung keinen Platz an einer Gesamtschule finden. Weil es nicht ausreichend Plätze in dieser Schulform gibt. Das ist keine neue Entwicklung, das ist ein Zustand, der seit Jahren vorherrscht, von der Landesregierung ignoriert oder stillschweigend übersehen wird. ??
Es ist aber nicht nur eine gesellschaftliche Entwicklung, die hier ignoriert wird, es ist auch der Willen von Eltern – von Wählern. Die fordern neue Gesamtschulen. Doch würde es auch nicht helfen, an dieser Stelle – es ist ja Wahlkampf – bloß neue Gesamtschulen zu versprechen. Was das Land braucht, ist ein neues Schulsystem. Eine Schulrevolution.??Die muss dort beginnen, wo Schule beginnt: in der Grundschule.
Lehrer und Eltern sind sich weitestgehend einig, dass die Grundschulzeit sechs Jahre dauern sollte. Kinder könnten so behüteter lernen. Sie könnten sich in einem bekannten Umfeld besser entwickeln. Sie müssten nicht schon nach vier Jahren den Schulwechsel meistern, sich in einer neuen Klasse und mit neuen Lehrern zurechtfinden. Aller pädagogischen und fürsorglichen Einigkeit zum Trotz dauert die Grundschulzeit in Nordrhein-Westfalen immer noch – kurz und knapp – vier Jahre. ?Nach sechs Jahren Grundschule wäre dann die Zeit reif für die Sekundarschule.
Für eine Schule, die alle Kinder gemeinsam und doch individuell beschult, bis nach der zehnten Klasse die Frage gestellt wird, ob das Abitur angegangen wird, oder nicht. Der Druck der frühzeitigen Selektion fiele weg, schwächere Kinder könnten von starken profitieren. Trotzdem könnte eine Sekundarschule so differenziert arbeiten, dass besonders gute Schüler in speziellen Fördergruppen an ihren Stärken arbeiten können. Die Konzepte dazu sind in anderen Ländern erprobt, die Sekundarschule wäre kein Testballon mehr. Sie muss die Zukunft sein. ??
Außerdem fiele mit ihr leichter, eine weitere Elternforderung aufzugreifen – die Integration von Kindern mit Behinderung in die Regelschule, der gemeinsame Unterricht aller Kinder.??Die Sekundarschule greift viele gute Ideen der Gesamtschule auf. Aber eben nicht nur. Sie nimmt auch die Stärken von Haupt- und Realschulen auf und die Erfahrungen der Gymnasien. Und wenn alle Stärken zusammenfließen, dann entsteht eine starke neue Schulform und die wäre die Antwort auf viele Probleme, die das mehrgliedrige Schulsystem nicht lösen kann. Der Wunsch nach Veränderung darf nicht bei der Forderung neuer Gesamtschulen enden. Wir brauchen den Umbau des antiquierten Schulsystems. Und zwar jetzt.
t.karbach@zeitungsverlag-aachen.de
Zurück zum Artikel
Dies ist mir was wert: | Artikel veschicken >> | Leserbrief zu diesem Artikel >>
Newsletter
Schlagzeilen per RSS![]()
© Copyright