Verein besteht seit zwei Jahren

90 Kunden pro Öffnungstag an der "Jülicher Tafel"
Von Emily Willkomm-Laufs [16.11.2008, 20.36 Uhr]

In den vergangenen zwei Jahren ist die Jülicher Tafel zum festen Bestandteil geworden. Der Verein ist fast zu einem mittelständischen Betrieb geworden. Beschäftigt werden dort inzwischen rund 100 ehrenamtliche Helfern. Vorstandsmitglied Emiliy Willkomm-Laufs berichtet aus dem Alltag der „Jülicher Tafel“.

Über 80 ehrenamtliche Helfer sind täglich im „Geschirr“ ehe die ersten Kunden kommen. Die Waren werden regelmäßig von den verschiedenen Discountern, Bäckereien und Landwirten abgeholt. Kommt ein vollgeladenes Transportfahrzeug wird der Wagen direkt entladen, das Obst, Gemüse und Brot sortiert und verkaufsfertig in den Laden eingeräumt. Natürlich müssen Obst und Gemüse vorsortiert werden: In für Menschen Essbares, in Tierfutter und Biomüll. Kühlpflichtige Lebensmittel werden direkt,in die Kühltheke oder ins Kühllager gebracht.

„Einen Teil der Waren stellen wir nach und nach in den Laden, damit nicht nur die ersten Kunden das Beste bekommen“, sagt Ingrid Kagermeier vom Vorstand, die mittwochs den Laden organisiert. Es erfordert logistische Erfahrung, denn am Abend muss alle verderbliche Ware weg sein. Dienstags und donnerstags werden alle weiteren Aufgaben wie Grundreinigung, allgemeiner Bürodienst und alles Weitere erledigt. Die freiwilligen Ein-Euro-Jobber und der Vorstand stehen dann für alle weiteren Arbeiten zur Verfügung. „Wenn die Lebensmittelbank oder irgendjemand anruft, muss sofort mit einem Kühlfahrzeug losgefahren werden können. Dann kommt auch mal eine ganze Wagenladung Käse oder Yoghurt“, sagt der Vorstandsvorsitzende Klaus Mayer.

Das Angebot ist oft jeden Tag anders. Zum Standard gehören aber täglich Salat und Brot. „Am schönsten ist, wenn Privatspender haltbare Lebensmittel wie Mehl, Zucker, Nudeln, H-Milch, Reis oder Konserven vorbeibringen. Das ist, als ob man selber beschenkt wird“, sagt eine ehrenamtliche Helferin.

Um Missbrauch zu vermeiden kann nur einkaufen, wer einen Kundenausweis besitzt. Dieser wird zu den Bürozeiten montags, mittwochs oder donnerstags zwischen 10 und 12 Uhr ausgegeben. Ausgestellt werden Kundenausweise für Menschen, die ein geringes Einkommen, eine niedrige Rente bzw. Sozialleistungen z B. nach Hartz IV bekommen. Entsprechende Nachweise müssen vorgelegt werden und werden während der Bürozeiten diskret geprüft.

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Den Kundenausweis gibt es in verschiedenen Farben. Ein gleicher Kalender mit diesen Farben hängt an der Wand und ist auch im Internet (www.juelicher-tafel.de). Theoretisch kann jeder Kunde an jedem 2. Öffnungstag einkaufen. Mittwochs und neuerdings auch montags werden auch ältere Bedürftige beliefert. Diese erhalten dann einmal die Woche eine Kiste, mit allem was auch im Laden vorhanden ist.

Damit nicht 100 Kunden gleichzeitig an der Theke stehen und keine frühzeitigen Warteschlangen entstehen, werden kurz vor 16 Uhr an die anwesenden Kunden die ersten Losnummern ausgeteilt. Um Doppeleinkäufe zu vermeiden wird jede Losnummer und jede Mitgliedsnummer notiert. Es wird immer nur eine begrenzte Zahl an Menschen in den Laden gelassen, damit auch jeder bedient werden kann. So ist ein ungestörter Einkauf und die Ruhe zum Auswählen aus dem Angebot möglich. Vor Ladenschluss darf dann auch jeder Bedürftige einkaufen gehen, auch wenn er an diesem Tag nicht dran ist.

Jeden Tag gibt es neue Anmeldungen. Immer mehr Familienväter melden sich an, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, aber immer noch unter den Sozialleistungen liegen. Wir zählen inzwischen 800 Bedarfsgemeinschaften. Diese Zahl kann man im Durchschnitt mit drei Personen multiplizieren. Pro Öffnungstag kommen ca. 90 Kunden. Viele genieren sich immer noch zum Sozialamt zu gehen, auch wenn sie kaum etwas zu essen haben. Andere haben sich ein Ausweis abgeholt, sind aber nie gekommen. Zum Monatsende, wenn das Geld knapper wird, kommen dann mehr Kunden.

Die Passanten und Anwohner beschweren sich schon mal über rüpelhaftes Verhalten unserer Kunden. „Die rauchen und kommen in dicken Autos vorgefahren, prüft doch mal, ob die wirklich bedürftig sind“ oder „Die gehen hier kistenweise raus“ wird man auch schon mal angesprochen. Dazu ist zu sagen: Im Büro werden sehr gewissenhaft alle behördlichen Unterlagen geprüft. Der Ausweis hat dementsprechend seine Gültigkeit. Das Credo des Vereinsvorstandes: „Wir werden nicht unsere Kunden ausspionieren, wem das jeweilige Auto gehört. Oft kommen unsere Kunden aus den umliegenden Dörfern bis nach Linnich, warum sollte nicht jemand ihnen ein Auto leihen oder das Auto ist aus besseren Tagen?“

Viel schlimmer aber ist die verschämte Armut: Da leuchten Kinderaugen, wenn man den Kleinen eine Banane anbietet. Die Eltern freuen sich, ihre Kinder satt zu bekommen. Bei mancher Rentnerin fragt man sich, wie diese mit ihrer niedrigen Rente jemals zu Recht kam.

Mittlerweile hat sich das Betätigungsfeld der Tafel ausgeweitet. Viele Bürger bringen zur Tafel gut erhaltene Sachspenden. Am schwarzen Brett werden Möbel angeschlagen, die in der Regel zu verschenken sind. Bücher werden in ein offenes Bücherregal gestellt.

Da die Lagerkapazitäten nicht ausreichen, hat sich zur Verteilung der Sachspenden an Bedürftige ein runder Tisch gebildet: Hierzu zählen neben der Jülicher Tafel „das Kleiderlädchen der sozialdemokratischen Frauen e.V.“, der Verein „Soziale Arbeit für Mensch und Tier e.V.“, die AWO Jülich, der Verein „Kleine Hände“ und der neugegründete fairKauf der Caritas in Jülich.


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