Kostümsitzung

Rosa Hollywood und "Ulkige" Lokalpolitik
Von Dorothée Schenk [13.02.2007, 12.13 Uhr]

Der Elferrat feierte mit einem Riesenprogramm…

Der Elferrat feierte mit einem Riesenprogramm…

Männer mit Gardemaß – 1,60 mal 1,60 mal 1,60 –, fesche Mariechen und jede Menge schwungvolle Musiker hatte Literat Jürgen Elsen für die Sitzung der KG Ulk Jülich engagiert. Diese brachten den Saal in der Stadthalle am Sonntagabend, 11. Februar, richtig in Wallung. Zur „rosa Sitzung“ empfing süffisant Präsident Jörg Bücher die Mitglieder, Freunde und Förderer seiner Karnevalsgesellschaft. Denn offenbar, so unkte er, würde „das Kommunikationszentrum am Aldenhovener Berg“ im sterilen Weiß leuchten, da die Stadtverwaltung alle plüschrosa Farbe im Foyer der Stadthalle verstrichen habe. Es blieb nicht die einzige Spitze in Richtung Lokalpolitik.

Vom Stammtisch berichtete Heino Bücher – der „Pap“ vom Präsidenten mit 24jähriger Bütt-Erfahrung – Kurzweiliges vom Öcher Bend und aus Köln-Ehrenfeld, um dann letztlich zum Zentrum zu kommen: Jülich. Schelte gab es für den Ulk-Sitzungsort als marodes Veranstaltungszentrum mit einem „Vorhang dreckig-antik, der stammt noch aus der Gründerzeit“, baufälligem Balkon „die ihr do seht, das ist doch klar, de senn noch do vom letzten Jahr“ und statisch schneegefährdetem Dach. Kritisch beleuchtete Heino das Haushaltsloch samt Stadtwerke-Anteilverkauf und versäumte auch nicht, einen kleinen Querschläger auf Landrat Spelthahn und seine Schwimmzentrums-Aktivitäten zu platzieren. Ordnungsamt und Bauamt rügte er als Erdenker immer neuer Hindernisse für den Karneval – was spontan mit Szenenapplaus bedacht wurde – und schließlich natürlich bekam auch der erste Bürger sein Fett weg: „Um Stommel is et ziemlich still“, meinte Heino. Wer mit Ehrungen, Ausstellungseröffnungen und Buchvorstellungen, als Nikolaus und Schuhverkäufer beschäftigt sei, könne nichts falsch machen. Allerdings frage sich der Bürger „dat dä Zick für so jet hätt, anstatt Jüliche ze regiere“.

Schweigend musste Ulk-Gast Heinrich Stommel diese Spitzen einstecken – ebenso jene des „Mannes aus dem Ministerium“, Axel Fuchs, ebenfalls ein Ulk-Eigengewächs und aus dem Elferrat nach der Halbzeitpause in die Bütt gestiegen. Mottogemäß hob er auf Hollywood ab, von wo aus bereits der Ruf an den „blockfreien Fels in der Brandung“ ergangen sei, mehrere Folgen als lokalpolitischer Al Bundy zu drehen. Bitterböse feierte der Kritisant die zwei Freibäder – das eine idyllisch an der Rur gelegen, das andere zentral auf dem Parkdeck – und das Engagement der Stadtväter für die drei Ruinen, allen voran die Siedlung unweit der Ostumgehung, die, „darf man der örtlichen Presse glauben“, auf der roten Liste der Unesco stehe. Aber dafür habe Jülich ja seine denkmalpflegerische Allzweckwaffe, oder Büchse… Emotional wurde Axel Fuchs bei seiner Lieblingsruine, dem Jülicher Kulturbahnhof, und der „Bastei“. „Am Propst-Bechte-Platz geht eine gastronomische Ära zu Ende“, bedauerte er stellvertretend für den ganzen Saal, der in einem einmütigen „OOOOhhh“ der Ulk-Gäste Bestätigung fand.

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…und der ganzen Jülicher Ulk-Familie seine Kostümsitzung

…und der ganzen Jülicher Ulk-Familie seine Kostümsitzung

Selbstredend waren die Jülicher nicht nur zum Politisieren, sondern vor allem zum Feiern zur Ulk-Sitzung gekommen. In Bewegung geriet das Publikum schon früh. Die Rot-Weißen Funken aus Hürth-Gleuel fuhren den Saal „auf Betriebstemperatur“ hoch, wie Präsident Jörg Bücher lobte. Mit Klatschmarsch und Chorgesang schwofte der Saal, der nicht nur in den rot-weißen Ulk-Farben glänzte, sondern auch besetzt war durch phantasievolle filmreife Kostüme von den Musketieren über Hitchcocks „Die Vögel“, unvermeidliche Science Fiction und Fantasy-Adaptionen bis zu irischen Freiheitskämpfern. Apropos die Vögel: Bauchredner Fred van Halen ließ seinen Aki auf das Publikum, den Elferrat und das Service-Personal los. Von anmaßend bis anpöbelnd reichte die Palette, die zwar als echte närrische Schenkelklopfer daherkamen, aber nur selten durch Esprit bestachen.

Hollywood-mäßig von den Festausschuss-Musketieren Gerd Hintzen, Franz Muckel und Adi Hochhausen wurden in diesem Jahr die Jung-Majestäten der Jülicher Narren eskortiert: Prinz Philipp mit Prinzessin Madita begleitet von Bauer Kevin und den Pagen Lea und Eva betraten die Bühne, die von entzückenden Kinder- und Jugendtänzern der Rheinmatrosen bestens vorbereitet worden war. Das Jülicher Kinderdreigestirn dankte artig den Gastgebern. „Ohne jene, die versuchen, ihr bestes zu geben, würde mancher Jeck im Regen stehen“, formulierte es Bauer Kevin. Dann ließ es der närrische Nachwuchs nicht nur mit ihrem Rochus-Schlachtruf „gut Schuss“ dreimal kräftig knallen. Was das Dreigestirn 2006 musikalisch mit der „superjeilen Zick“ vorgelegt hatte, wird in diesem Jahr von der „Geschwisterband“ weiter betrieben: Prinzenbruder Tobias Weingartz griff mit seiner Band „Abseits“ kräftig in die Saiten und ließ den ganzen Saal BAP-mäßig singen „Verdamp lang her“.

Kölsche Töne brachten im Anschluss gleichfalls die drei Colonias (Frank Morawa, Dieter Steudter, Willi Wilden) – obwohl ein Bergheimer dabei war, der als „Fröschelchen“ über die Bühne hüpfte, als Ali die Fluglinie „Hebab-Kebab“ gründete auch schon mal als Vitali Klitschko die Hüllen fallen ließ. Die Kleider vom Leib gerissen wurden zur Gaudi des Publikums auch Blechharmoniker Mathieu Adam alias Stephan Dürschmid (Trompete). Er und seinem Kollegen Roland Kämmerling (Trompete), Ruth Funke (Horn), Roland Pütz (Posaune) und Martin Kaiser (Tuba) zeigten, dass Blasmusik mehr Facetten besitzt als Marschmusik oder klassisch Konzertantes. Eine hervorragende Truppe, Künstler des Jahres 2006 in der Sparte Comedy und die zweite Rakete des Ulk-Abends wert. Diese hob dann weiter ab, zündete noch einmal mit der Formation „Klüngelköpp“, ehe es „Kalauerte“ und zum Schlussgesang aus der parodistischen Popkiste von Olaf Hennings „Hol den Hasso raus“ bis Grönemeyers „ Zeit, dass sich was dreht“ angestimmt wurde. Nie so schön wie an diesem Abend gehört wurde der Klassiker „op de Maat stonn de Bure“ in einer Joe-Cocker-Auflage präsentiert von Matthias Kalenberg. Getragen von dieser Stimmung feierte die Ulk-Familie sich bis nach Mitternacht im Foyer der Jülicher Stadthalle – und Präsident Jörg Bücher, der trotz Fieber dem fünfstundigen Programm aufrecht vorstand, konnte endlich seine Grippe zu Bett tragen…

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