Weltfrauentag

Ausnahmezustand ist Normalzustand
Von Dorothée Schenk [08.03.2017, 07.00 Uhr]

Es ist ein Gewimmel wie auf einem Basar im linken Flügel des Jülicher Kulturbahnhofs bei der „Kleinen Händen“. Zwischen wartenden Müttern, die Kleidung für ihre Kinder aussuchen möchten, Vätern, die nach Schuhen fragen oder Schultaschen, sieht sich eine Schwangere suchend um. „Womit kann ich Ihnen helfen?“ Die Frage kommt wie eine Erlösung.

Für "Kleine Hände" ist der Verein seit fast 30 Jahren da.

Für "Kleine Hände" ist der Verein seit fast 30 Jahren da.

Diese Fälle kennen die „Kleinen Hände“ in Jülich seit 28 Jahren. Sie sind im besten Sinne Routine: Junge Frauen, die kurz vor der Entbindung stehen und weder Wiege, noch Kinderwagen oder auch nur Wäsche oder Strampler für das Baby haben – von Geld ganz zu schweigen. Für die Grundausstattung an Kleidung wird sofort gesorgt. Zurückgezogen im kleinen Büro nimmt sich der Vorstand der „Kleinen Hände“ Zeit, notiert den Name und den errechnete Geburtststermin, was Kind und Mutter noch fehlt sowie eine Kontaktmöglichkeit. Immer ist eine des Musketier-Vorstands – Dorothée Schenk, Gisela Urban und Nicola Wenzl – ansprechbar, hört den Hilfesuchenden zu, während drei Frauen des 15-köpfigen Ehrenamtlerinnen-Teams der „Kleinen Hände“ an der Theke im Ausgaberaum sich auf Deutsch, Englisch, Französisch und mit Händen und Füßen verständigend Familien mit Kleidung versorgen. Im separaten Annahmeraum ist die 80-jährige Christel Dutz die feste Institution und nimmt karton- und säckeweise Sachspenden entgegen. Und alles passiert unentwegt gleichzeitig. Dreimal zwei Stunden im Monat ist hier zu den Öffnungszeiten der Ausnahmezustand Normalzustand.

Die „Kleinen Hände“ können sich auf ein gutes Netzwerk stützen die persönlichen Kontakte zur Kreishebamme und zum Sozialamt. Aber erst wenn die Betroffene zustimmt – die Anonymität der Hilfesuchenden ist das oberste Gebot – geht der Griff zum Telefonhörer: „Frau Vogel, ja… wir haben hier (nennen wir sie) Maria sitzen. Hat sie Anspruch auf eine Erstausstattung?“ So wird das Räderwerk in Bewegung gebracht.

Genau für diese Notlagen hat sich der Verein auf Initiative der damaligen Bundespräsidentin Rita Süssmuth 1988 gegründet: Als Bekenntnis zum Leben trotz der Änderung des § 218, des so genannten Abtreibungsparagraphen. Werdende Mütter sollten in schwierigen Lebenssituationen die Möglichkeit haben, „Ja“ zu ihrem Kind zu sagen. Seit dieser Zeit hat sich die Gesellschaft sehr verändert: Ungewollte Schwangerschaften oder alleinerziehende Mütter nach Scheidungen sind nicht mehr mit dem Stigma behaftet wie noch vor einem viertel Jahrhundert.

Im Fokus stehen heute Kinder und deren Familie, die durch Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Trennung in finanzielle Notlagen geraten und mit dem Stigma der Bedürftigkeit behaftet sind. Was tun, wenn eine alleinerziehende Mutter weinend im Büro sitzt, weil sie wegen der unerwartet hohen Stromrechnung, die ihr nicht gestundet wird, und anstehenden Reparaturkosten für einen defekten Herd nicht in der Lage ist, den Kühlschrank für ihre drei Kinder zu füllen. Wenn für die Fahrradprüfung das Fahrrad fehlt, kein Geld da ist für die Schulabschlussfest oder so etwas normales wie eine Feier zum 16. Geburtstag der Tochter? Die „Kleinen Hände“ helfen unbürokratisch, wenn kein Amt, wenn keine öffentliche Stelle mehr oder noch nicht helfen kann. Die Mutter schrieb uns „Ich denke oft daran zurück, so etwas habe ich noch nie erlebt.“

Ein Stück Normalität und das, was so spröde mit dem Begriff „Teilhabe“ umschrieben ist. Gleiches gilt für die Teilnahme an Klassenfahrten, die für „Bedürftige“ aus dem Beihilfe- und Teilhabepaket – also vom „Amt“ – bezahlt wird, nicht aber das Taschengeld, nicht die Wanderschuhe und auch nicht den Rucksack oder die Reisetasche. Nur wenige können sich vorstellen, wie viele Facetten der „Armut“ es in Deutschland gibt, deren Gesellschaft von Leistungsdenkenden und wachsenden Ansprüchen bestimmt wird.

Für viele dieser Menschen gehören die „Kleinen Hände“ fast zur Familie. Über 200 Stunden im Einsatz ist das Kleine-Hände-Team im Laufe eines Jahres. Als zum ersten Mal ein Öffnungstag krankheitsbedingt ausfiel, kamen nicht nur Wünsche zur Genesung sondern auch die persönlichen Nachfragen „Ist doch hoffentlich nichts Schlimmes…?“

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Herzstück des Vereins ist das "Kämmerchen" im Jülicher Kulturbahnhof.

Herzstück des Vereins ist das "Kämmerchen" im Jülicher Kulturbahnhof.

Mütter zeigen voller Stolz ihre Kinder oder bringen wenigstens Fotos vom Nachwuchs mit. Freude wird geteilt, wenn Asylverfahren durchgestanden sind und die Familien davon berichten, dass sie endlich in Sicherheit bleiben dürfen. Besonders erschütternd ist, wenn in diesen Familien Kinder sterben. Die Teilnahme an diesen Beerdigung sind ein Bedürfnis und eine Selbstverständlichkeit. „Frau Schenk, Christian hat die Qualifikation geschafft!“ Gemeinsam freuen sich die Mutter, deren Sohn durch die Finanzierung von Nachhilfe auf der Gesamtschule den Sprung für die Abiturzulassung geschafft hat, und das Team.

Denn nicht nur für das aller-lebensnotwendigste sorgen die „Kleinen Hände“, auch Lebensperspektiven zu schaffen, ist ein Ziel. Inzwischen sind es 59 Kinder, für die die „Kleinen Hände“ das Mittagessen übernehmen. Das ist eine Steigerung um über 25 Prozent. Hierbei gilt wieder: Die Kinder erhalten nicht nur Nahrung, sondern lernen Strukturen und gliedern sich in die Gemeinschaft ein. Das ist das Ziel. Die Kleinen Hände ermöglichen Kindheit, Selbstverständliches zu erleben und geben Perspektiven. Nach der Zahlungen eines Überbrückungsgeldes an einen Schulabsolventen, weil das Amt in der Ausbildungsstadt noch nicht zuständig war aber das Amt, in dem seine Schule stand nicht mehr zuständig war, schrieb er den „Kleinen Händen“: Danke schön,dass ich nicht alleine in der Dunkelheit stehen musste.“

"Ich werden nicht müde zu sagen, dass der Verein „Kleine Hände“ besteht, weil es ein gesellschaftlich-politisches Versagen gibt, das es nicht allen Kindern ermöglicht, Anteil am öffentlichen Leben zu nehmen. Und trotzdem: Ich bin ich froh und stolz auf das, was die Kleinen Hände leisten. Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht sichtbar wird, wie wichtig es ist, dass es uns gibt. Die Anrufe erreichen das Vorstandstrio an sieben Tagen in der Woche und immer sind es Notfälle", sagt Vorsitzende Dorothée Schenk

Die Verbundenheit resultiert auf dem Grundsatz, einander auf Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen. Ganz gleich ist es, welche Nataionalität, Religion und Hautfarbe unser Gegenüber hat – ob sie hier geboren sind, als Migranten, Flüchtlinge, Forscher oder Studenten zu uns kommen. Es ist Bereicherung, auf ganz persönliche, private Weise diese vielseitigen Kulturkreise kennenzulernen. Gleichzeitig ist es im Umgang miteinander durchaus auch eine Herausforderung. Das ist nicht immer einfach für Menschen, die keine studierten Sozialarbeiter, Psychologen oder Fachleute in der Rechtslage zwischen Wohngeld und Hartz IV sind. Darum findet jedes Jahr eine „Fortbildung“ statt – nicht nur zur Schulung, sondern auch als Wertschätzung, etwa mit Roman Schlag vom Caritasverband, „Vom Umgang mit Menschen“. Praktische Lösungsansätze zu finden, ist immer das Ziel.


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