Interview: Künstler Jens Dummer über das „Konsumgut“ Kultur

Wer sich treu bleibt, verträgt Kommerz
Von Dorothée Schenk [16.06.2005, 22.36 Uhr]

Sie heißen ja schon lange „Events“ – Veranstaltungen, die im großen Rahmen geplant sind, um eine breites Publikum anzusprechen. Das gilt auch für die Kultur. Es scheiden sich die Geister: Setzen solche Ereignisse die Hemmschwelle für „Neulinge“ herab, oder wird damit ein „Gut“ kommerzialisiert und banalisiert. Einer, der selbst Kunst schafft, ist der Maler und Zeichner Jens Dummer, der in diesem Jahr wieder an den Kunst- und Kulturtagen Ivenhain teilnimmt. Am Freitag und Samstag werden sie in Linnich abgehalten. Im Gespräch reflektiert Jens Dummer über das „Konsumgut“ Kultur.

Vorsicht vor dem „bissigen" Künstler.

Vorsicht vor dem „bissigen" Künstler.

Wieviel Kommerz verträgt die Kunst?

Jens Dummer: Soviel wie der Künstler glaubt, vertragen zu können. Wenn es mir nichts ausmacht, mich in das Haifischbecken zu begeben, und ich glaube, es bändigen zu können, dann kann das eine ganze Menge sein. Wenn ich von hehren Idealen ausgehe, braucht die Kunst nicht den Kommerz. Aber auch ein Künstler muss gucken, dass er am kacken bleibt. Ich kann mir ja aussuchen: Bin ich bereit für ein Plakat zur Fußball-WM so zu malen, wie ich es will, oder wie es der Auftraggeber will. Wieviele Konzessionen mache ich. Mache ich das Plakat, wie ich es will, dann halte ich den Kommerz aus. Die Kunst kommt ja erstmal vom Künstler. Wenn er sich gut bezahlen lässt für das, was er eh machen wollte, dann verträgt er eine Menge Kommerz.

Woran erkennt der Laie den Unterschied zwischen Kunst und kommerziellen Bildern?

Jens Dummer: Gar nicht. Das kann er nicht, denn, wenn er sich damit nicht vorher beschäftigt hat. dann ist es für ihn ausreichend, wenn es ihn anspricht. Das muss nicht Kunst sein, das kann genauso gut Kitsch sein. Wer sich nur in den gleichen Kreisen bewegt und den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht, statt sich an der Kunst zu orientieren, die auch Mühe bereitet, der hat keine Chance, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Ab wann verkauft sich Kunst? oder: Inwieweit ist Armut die Voraussetzung für so genannte „wahre“ Kunst?

Jens Dummer: Armut ist überhaupt keine Voraussetzung. Man macht ja keine Kunst weil, sondern obwohl man arm ist. Das ist wie bei van Gogh: Leidensdruck schafft Eigendynamik und führt zur Kunst, sagt man. Blödsinn. Weder Armut noch Leiden verbessern Bilder – wir können froh sein, dass sie sie sich nicht verhindern. Zum ersten Teil der Frage: Wenn jemand mit einem oder gar beiden Augen nach dem Auftraggeber, dem Galeristen oder Publikum schielt, mit welchem soll er denn dann noch auf das Bild sehen?

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Jens Dummer inszeniert sich selbst. . .

Jens Dummer inszeniert sich selbst. . .

Wie verkraftet der Künstler, wenn seine Kunst zum Unterhaltungsobjekt wird?

Jens Dummer: Wenn es ein ernstzunehmender und sich selbst ernst nehmender Künstler ist kann er das verkraften, weil es ihm die Möglichkeit gibt, die Dinge, die er vorher gemacht hat oder noch machen will dem Publikum aufs Auge zu drücken. Wenn er aber dieses nicht ist und durch den spontanen Erfolg das davor vergisst, hat er es nicht verkraftet. Es ist eine Frage der Persönlichkeit. Darum ist es so schlimm, wenn junge Künstler zu früh Erfolg haben und von Galeristen verheizt werden. Dann haben sie meist keine Möglichkeit mehr, eine Persönlichkeit zu entwickeln. In der Kunst ist es wie in der Politik: Habe ich eine klare Linie, die ich vertrete und habe ich Ideale oder lasse ich mich in der Mühle zermahlen.

Gibt es eine Häßlichkeit des Kommerzes, die sich in ein Positives verändern lässt?

Jens Dummer: Nehmen wir zum Beispiel die Ausstellung Otto Dix oder Goya: So wie sie die Abartigkeit des Krieges dargestellt haben, erhalten sie wiederum eine gewisse Ästhetik. Da kommt eine Ikonographie heraus, die drastisch ist, aber eben auch eine Ästhetik hat. Wer es schafft, beides in der Waage zu halten, hat ein großes Bild gemalt. Das ist aber weder Otto Dix noch Goya in allen Bildern gelungen und bei mir ist es so, dass ich mich von diesem Thema eben darum eher fern halte.

Hat Kunst einen Auftrag?

Jens Dummer: Ich weiß nicht, ob Kunst einen Auftrag hat. Die Kunst hat heutzugtage in der Postpostmoderne keinen Auftrag außer dem, sich zu verkaufen. Sie hatte schon immer den Auftrag zu gefallen. Kunst ist aus Propaganda – siehe Renaissance – entstanden. Die Zweckfreiheit der Kunst… ich weiß nicht, ob es sie gibt. Ich, der ich male, um auf diese Art Dinge zu begreifen, mache mir da keinerlei Illusionen. Die, die es verstehen, brauchen es eigentlich nicht. Die, die es brauchen, verstehen es meist nicht.

Wird Kunst heutzutage zum Konsumgut, zur Dekoration?

Jens Dummer: Es gibt Leute, die wollen einfach nur satt werden. Hauptsache satt und das von nicht fürchterlich Geschmacksabartigem. Das wird auch in Ivenhain bei 70 Prozent der Besucher so sein. Aber wenn wir ein bis zwei Gäste übers Futtern zum Gucken und Zuhören bringen, dann ist das schon in Ordnung. Mir persönlich ist es egal, ob einer mit der Currywurst oder mit Rehrücken in Aspik vor meinen Bildern steht. . .


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