Einzigartiges Netzwerk

Das Thema Tod muss in die Lebenswirklichkeit zurück
Von Elmar Farber [19.03.2008, 21.04 Uhr]

Gerade an Ostern liegen Sterben und Leben nahe beieinander. Gerda Graf, Geschäftsführerin der Senioren-Wohnanlage Sophienhof in Niederzier, hat für das JüLicht Elmar Farber ein bundesweit einzigartiges Netzwerk für Schwerkranke und Sterbende vorgestellt, das sich jüngst in Düren gegründet hat.

Wenn es um die Bedürfnisse Sterbender und schwerstkranker Menschen geht „klaffen Wunsch und Wirklichkeit oft weit auseinander“, weiß Gerda Graf, Geschäftsführerin der Senioren-Wohnanlage Sophienhof in Niederzier. Immer noch stirbt ein Großteil der Menschen in Deutschland „institutionell“, also nicht in der vertrauten Umgebung ihrer eigenen vier Wände. Das liegt einerseits daran, dass es die traditionelle Großfamilie, in der sich die Angehörigen umeinander kümmern, kaum noch gibt, es ist aber auch ein generelles gesellschaftliches Problem. „Wir haben irgendwann den Tod und das Sterben gesellschaftlich tabuisiert und müssen nun versuchen das Thema wieder in die Lebenswirklichkeit zurück zu holen“, meint Graf.

Einen Schritt in diese Richtung möchte ein Netzwerk gehen, dass die Hospizbewegung Düren, deren 2. Vorsitzende Gerda Graf ist, in den letzten Monaten im Kreis Düren gebildet hat. In diesem „Qualitätsforum“ engagieren sich neben der Hospizbewegung auch der stationäre und ambulante Pflegedienst des Sophienhofes, das Gesundheitsamt, Dürener Krankenhäuser, Apotheken, Klinik- und Hausärzte, aber auch Seelsorger, die sich unter anderem um Sterbe- und Trauerbegleitung kümmern und den Patienten in religiösen Fragen beiseite stehen.

Ziel des interdisziplinären Zusammenschlusses, der in dieser Form bundesweit einzigartig ist, ist Schwerstkranke und Sterbende möglichst individuell, ihren ganz persönlichen Bedürfnissen entsprechend, zu begleiten. „Wir brauchen einen Ersatz um die verloren gegangenen familiären Strukturen wiederzubeleben“, so Graf. Das Qualitätsforum möchte dort helfen, wo Familien entweder überfordert oder nicht mehr existent sind.

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Als medizinisches Leitkonzept dient dabei die Palliativmedizin oder Palliative Care. Dabei geht es um die Verlängerung der Lebenszeit um jeden Preis, sondern die Verbesserung der Lebensqualität als solche. „Nicht wir definieren die Lebensqualität unserer Patienten, sondern sie selber“, beschreibt Graf einen grundlegenden Ansatz. Dabei können ganz unterschiedliche Bedürfnisse eine Rolle spielen. So erzählt Graf von einer schwerstkranken Frau, die nur noch 30 Kilogramm auf die Waage brachte, deren größter Wunsch es war, noch einmal die Dürener Annakirmes zu besuchen. Vom rein medizinischen Standpunkt hätte man ihr diesen Wunsch höchstwahrscheinlich verwährt. Im Rahmen des palliativmedizinischen Ansatzes sind es aber genau diese Patientenwünsche, denen man weitestgehend nachkommen möchte.

„Die Palliativmedizin hat sich ein Stück weit die Hospizarbeit, die auch den Menschen als Ganzes sieht, zu eigen gemacht“, erzählt Graf. So sei ein Ziel des Qualitätsforums, neben der körperlichen Verfassung auch die spirituellen und psychosozialen Umstände jedes einzelnen Patienten mit zu berücksichtigen. Insofern spielen auch die begleitenden kirchlichen Seelsorger eine sehr wichtige Rolle – sowohl für die Patienten als auch für deren Angehörige. „Dass sich mehrere Professionen zum Dienste an Schwerstkranken und Sterbenden in dieser Form zusammenschließen hat es früher nicht gegeben“, sagt Graf. Neu am Qualitätsforum ist auch, dass sich die Mitglieder regelmäßig treffen, um in interdisziplinärer Runde Einzelfälle zu besprechen und ihre bisherige Arbeit zu auszuwerten. Diese Treffen sind Teil eines ständigen Lernprozesses, der die palliativmedizinische Betreuung im Kreis Düren optimieren soll. Gerda Graf plädiert dafür, dass die Palliativmedizin ein integrativer Bestandteil Medizin werden soll. Auch Humanärzte sollten sich auf diesem Feld fortbilden, was ihnen ermöglichen würde, ihre Patienten bis zum Lebensende angemessen versorgen zu können. In Düren gibt es bereits sechs palliativmedizinisch ausgebildete Humanmediziner. In der Wohnanlage Sophienhof arbeiten zehn ausgebildete Palliativ-Pflegekräfte, acht weitere im ambulanten Pflegedienst der Wohnanlage. (far)



Stichwort "Palliativ Care"
Im Gegensatz zur heilenden und vorsorgenden Behandlung ist die Palliativmedizin eine lindernde Behandlung mit Fokus auf Schmerztherapie und einer Steigerung der Lebensqualität der Patienten. Die Palliativmedizin beschäftigt sich mit der ganzheitlichen Linderung von Beschwerden körperlicher, psychischer, sozialer und spiritueller Dimension. Deswegen arbeiten in der Palliativmedizin unterschiedlichste Berufsgruppen wie Ärzte, Sozialarbeiter, Pflegekräfte, aber auch Seelsorger zusammen. Auch in Deutschland hat sich inzwischen der englische Begriff „Palliative Care“ etabliert.


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