21. Februar: Internationaler Tag der Muttersprache

„Platt“ ist ein Stück Heimat und Identität
Von Dorothée Schenk [22.02.2007, 19.24 Uhr]

Mit der Muttermilch saugen Kinder die Muttersprache auf.

Mit der Muttermilch saugen Kinder die Muttersprache auf.

Was Muttersprache ist, weiß doch jedes Kind. Die neunjährige Ariane etwa: „Es ist die Sprache, die man von Geburt an spricht, bestimmmt wird sie durch die Mutter.“ Und den Grund kennt sie auch: „Die Muttersprache ist wichtig, damit man sich in seinem Land verständigen kann.“ Tatsächlich, und das ist noch nicht landesweit durchgedrungen, hält die Unesco dieses Gut für schützenswert oder wenigstens erinnerungswürdig. Seit sieben Jahren ruft sie am 21. Februar den Internationalen Tag der Muttersprache aus. Der Hintergrund: Etwa die Hälfte aller weltweit gesprochenen Sprachen sind vom Aussterben bedroht. Andererseits geht es bei dem Gedenktag auch um den Fremdsprachenunterricht und Mehrsprachigkeit als Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis und Respekt.

Das funktioniert gut in der Praxis, etwa in der Klasse von Andrea Offermanns, Grundschullehrerin in Jülich. Sie hat in ihrer Klasse vier Kinder, die zwei Sprachen sprechen. Hinzu kommt so manches Gast-Schulkind, das mit seinen Eltern eine zeitlang in der „modernen Forschungsstadt“ wohnt, die Schule besucht und so zur Klangfarbenvielfalt beiträgt. Danach bleibt oft noch eine Weile der Kontakt bestehen, daher weiß Lehrerin Offermanns: „Die meisten haben nach einem halben Jahr schon das meiste der deutschen Sprache verloren. Jede erlernte Sprache ist zu pflegen, um sie zu erhalten.“ Das genau ist nämlich der Unterschied zur Muttersprache, die praktisch mit der Muttermilch aufgesogen würde. Unbewusst wird es gelernt und nicht systematisch geübt. Durch nachplappern und abgucken „funktioniert“ Muttersprache. Die Pädagogin nennt es das Handwerkszeug. Dabei fühlt sich Andrea Offermanns am wohlsten in ihrem rheinischen Dialekt mit Dürener Zungenschlag. Zu Gaudi ihrer Klasse unterrichtete sie zu Karneval „auf Platt“. „Man fühlt sich zu Hause“, charakterisiert sie das Gefühl.

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Unbewusst, ohne systematisches Lernen nehmen Menschen ihre Muttersprache auf. Erlernte Sprachen müssen gepflegt werden, damit sie nicht verloren gehen.

Unbewusst, ohne systematisches Lernen nehmen Menschen ihre Muttersprache auf. Erlernte Sprachen müssen gepflegt werden, damit sie nicht verloren gehen.

„Wohlfühlen“ und „Zuhause“ dass ist es wohl, was die meisten Menschen mit ihrer Muttersprache verbinden. „Es ist eine Verbindung zu meinem Land, meiner Kultur und ein Teil von mir“, erklärt Frédérique Drouet. Die Französin lebt und arbeitet seit zwei Jahren in Koslar, definiert aber ihr Innerstes und ihre Persönlichkeit über das Französische. „Meine Muttersprache ist Deutsch, meine Vatersprache holländisch“, erklärt Elke van Balen, die als Kind fließend in beiden Zungen sprechen konnte. Muttersprache ist für sie, die Sprache, „in der du die Welt kennen- und verstehen lernst“. Dabei, räumt sie ein, hat sie als Teenager sogar auf holländisch geträumt – ein Zuhause also in zwei Welten?

Diese hat sich sprachlich auch Britta Sylvester erst erobern müssen. Obschon in Ostfriesland geboren musste sie ersteinmal hochdeutsch lernen. Ihre Mutter hatte als Kind darunter zu leiden gehabt, weil sie nur Plattdeutsch beherrschte und erst in der Schule mühsam Hochdeutsch lernen musste. Umgekehrt war es bei der Tochter: Sie lernte für einen Vorlesewettbewerb in der Schule das heimatliche Idiom und hat es seither nicht mehr verloren. Ein Stück Kulturgut erhält sich auf diesem Wege.

Dabei gehört Plattdeutsch mit drei Millionen Muttersprachler – so will es Wikipedia – nicht einmal zur „gefährdeten Art“. Der jährliche Gedenktag dient nämlich auch dazu, die Aufmerksamkeit auf Minderheitensprachen mit weniger als 10.000 Sprechern zu lenken. Dabei ist gerade das Diktat einer Minderheit für die Datierung des „Internationalen Tages der Muttersprache“ verantwortlich.
Im Jahr 1952 beschloss das Regime des damaligen Pakistan die Ernennung von Urdu zur alleinigen Amtssprache, obwohl es nur für 3 % der Bevölkerung Muttersprache war. Im östlichen Gebiet Pakistans wurde sogar fast ausschließlich Bengali gesprochen. Bei Protesten in Dhaka am 21. Februar schoss die Polizei auf Demonstranten und es gab Tote.

Die fortwährende sprachliche und kulturelle Unterdrückung Ostpakistans führte schließlich 1971 zur Abspaltung und zur Gründung von Bangladesch. Der 21. Februar wird dort seitdem als Tag der Märtyrer begangen.


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