Tätowiert werden ist wie Kinderkriegen, sagt Monika

Stich für Stich dem Traumbild entgegen
Von Dorothée Schenk [27.01.2007, 15.56 Uhr]

Unter der kundigen Hand von Tätowierer Kris…

Unter der kundigen Hand von Tätowierer Kris…

In ihren Rücken sticht ein junger Mann mit sieben Messern. Bäuchlings liegt sie da, das Gesicht qualvoll verzogen. Monika* erfüllt sich einen Traum. Auf ihrem Rücken „wachsen“ ein Drachen und ein Koi. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder hatte schon lange den Wunsch, sich tätowieren zu lassen. Nachdem sie sich mit 17 Jahren von einer Nachbarin mit stoffumwickelter Nähnadel und handelsüblicher Tusche ein Herz zwischen die Schulterblätter „stechen“ ließ, sollte diesmal mit sinngebenden Bildern und von professioneller Hand die nackte Haut verziert werden.

„Die Erfahrungen aus dem letzten halben Jahr waren der Auslöser“, erzählt die Jülicherin. Eine verflossene Liebe verbunden mit der Frage nach den „wirklich wichtigen Dingen des Lebens“ gaben dem Wunsch Formen: Yin und Yang für die Gegensätze des Lebens sollten es sein, die klassische Rose, fürs Glück den Drachen – „in den hab ich mich in einem Buch verliebt –, den Fisch als Schutzsymbol sowie chinesische Schriftzeichen für die wichtigsten Werte „Liebe, Freundschaft, Treue und Ehrlichkeit“. Das alles, so betont die gelernte Einzelhandelskauffrau, will sie nur für sich. Unterhalb der sommerlichen „Top-Grenze“ endet daher der Körperschmuck, oder wie Monika ihr Tatoo nennt: Ausdruck ihrer Gedanken und Gefühle.

Durch eine Freundin entstand der Kontakt zu Tätowierer Kris. Seit August vergangenen Jahres führt er in Jülich mit seiner Lebensgefährtin an der Römerstraße ein Studio. Gleich war das Vertrauen zwischen Kundin Monika und Tätowierer Kris da – ein wichtiges Kapital, wie der Niederländer erklärt. „Schließlich sehen sie auf dem Rücken nicht, was ich dort mache.“ Seit 15 Jahren übt er seine Berufung im Dreiländereck aus – Jahre, die ihn gezeichnet haben: Jedes sichtbare Körperteil zieren Tatoos. Sein erstes eigenes stach sich der Zögling einer Seefahrer-Familie mit langer Tradition von Körperschmuck dieser Art selbst. Elf Jahre war er damals alt. Eine Zeit, in der Tätowierungen lange nicht so akzeptiert waren wie heute. „Wir merken sofort, wenn auf MTV wieder ein Star mit neuem Tatoo auftaucht.“ Das kurbelt den Betrieb an.

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…wächst der Drache auf Monikas Rücken.

…wächst der Drache auf Monikas Rücken.

Aber nicht alles, was gefällt, wird auch gemacht. Da gibt es zum einen die Altersgrenze: Jugendliche werden nur mit Einverständnis der Eltern bedient – das heißt in deren persönlicher Begleitung. Unverrichteter Dinge gehen müssen zum anderen Kunden, die aus einer Laune heraus kommen, Kris nicht erklären können, was für ein und warum sie ein Tatoo wollen. „Ein Tatoo zu machen dauert zehn Minuten – aber man hat es ein Leben lang“, spricht die Weisheit aus dem Geschäftsmann mit Prinzipien.

Bei Monika hatte er keine Zweifel. In der ersten Sitzung werden die Konturen gezogen: Zweieinhalb Stunden Bauchlage. „Ich kam mir vor, als hätte ich ein drittes Kind bekommen - psychisch wie phyisch“, schmunzelt Monika in Erinnerung, wie sie sich am „Behandlungsstuhl“ festgekrallt hat. Wie eine Wöchnerin musste sich die Frischtätowierte anschließend pflegen: Pralle Sonne, Solarium, Schwimmbadbesuche oder gar Alkohol – in den ersten 24 Stunden – sind tabu. Nach etwa drei Stunden ist die Frischhaltefolie rücklings zu entfernen, dann heißt es fleißig cremen, cremen, cremen… Das „Stechen“ ist eine Verletzung der Haut, die blutet und entsprechend verheilen muss – also bildet sich Schorf. „Abpiddeln“ darf man ihn nicht, sonst war die Mühe vergebens. Clever ist es, so rät Monika, alte T-Shirts griffbereit zu haben: „Es fallen Hautschuppen ab, und das Tatoo färbt anfangs.“

Jedes Tatoo kostet egal in welcher Größe bei „Unforget Tat2“ wenigstens 50 Euro. „Die Anfangskosten sind hoch: Wir nehmen jedes Mal neue Nadeln und neue Farbe“, erklärt Kris. Würde der Preis für ein Tatoo proportional zur Größe berechnet, wäre Monikas Bilderbogen zwischen Rippen und Gesäß schier unbezahlbar. „Ich wusste, dass es nicht billig werden würde“, sagt Monika. Schmunzelnd wirft Kris ein: „Nur den Schmerz gibt es hier umsonst.“ „Schmerzen sind relativ“, zeigt die Kundin sich tapfer. „Da heißt es, Zähne zusammenbeißen und durch - wie so oft im Leben.“


Monika* = Name auf Wunsch geändert


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