23. Forschungsgespräch über den Standort Jülich

Im Kielwasser des Tankers wartet der Hafenmeister
Von Dorothée Schenk [19.01.2007, 08.43 Uhr]

Seit Oktober 2006 ist Prof. Achim Bachem neuer Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich.

Seit Oktober 2006 ist Prof. Achim Bachem neuer Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich.

Mit einem Supertanker verglich FZJ-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Achim Bachem das Forschungszentrum Jülich bei einer Podiumsdiskussion auf Einladung des Vereins Stadtmarketing. Es sei das größte interdisziplinäre Forschungszentrum in Europa, das sich aber, soviel wurde deutlich, in den kommenden Jahren neu ausrichten muss. Im „Kielwasser“ sieht FH-Dekanin Prof. Dr. Angela Merschenz-Quack die Fachhochschule in Jülich. „Wir orientieren uns an dem großen Tanker“, erklärte sie, und „wenn der Wind nachlässt, müssen wir dort auch tanken und Wissen anzapfen.“ Zum Thema „Wirtschaft und Forschung am Standort Jülich“ war als dritter im Bunde Bürgermeister Heinrich Stommel geladen, der „Hafenmeister“, wie er sich bezeichnete, der die Taue auffangen würde, die ihm zugeworfen würden. Moderator Jürgen F. Hacke ließ Stommel Stellung beziehen, zur Frage „Was tut die Stadt Jülich für ihren Slogan »Historische Festungsstadt – moderne Forschungsstadt«?“

Das Ergebnis vorweg: Nach Bekunden der Diskussionspartner bei den 23. Forschungsgespräche in der Aula des Technologiezentrums ist die Konstellation der – laut Moderator Hacke – „zwei selbstbewussten Säulen der Forschung“ mit der mittelständigen Stadt Jülich eine glückliche – und ausbaufähig. Jeder Partner für sich verfolgt selbstredend eigene Ziele, aber auch im Hinblick auf Austausch und Integration.

Das Forschungszentrum Jülich etwa muss sich spezialisieren: „Meine Aufgabe ist es, zu fokussieren.“ Prof. Bachem kündigte die Aufgabe verschiedener Bereiche an, etwa der Klimaforschung. Die Kernbereiche wie Hirn-, Nanoforschung und Lösung der Energieprobleme stehen künftig im Zentrum: „Wir brauchen eine Konzentration auf die Bereiche, in denen wir zu den besten drei bis fünf gehören, oder die Chance haben, dorthin zu gelangen.“ Hierzu passt das Stichwort Wirtschaftlichkeit, die künftig in das Kalkül einfließen muss. Eine Folge des Strukturwandels, dem auch die Umbenennung Rechnung trägt: Helmholtz-Zentrum heißt das FZJ ab Sommer 2007, und zeigt damit die Verbundenheit zum Geldgeber. Allerdings fließt das Budget nicht mehr selbstverständlich: Alle fünf Jahren steht eine neue Evaluierung an und 300 Millionen Euro Steuergelder müssen „gut verwaltet“ werden. Dazu gehören Kooperationen, wie die besiegelte mit der RWTH Aachen, die am Montag, 22. Januar, in Berlin per Unterschrift besiegelt wird. „Es geht in Zukunft nicht darum, Großforschungsgeräte zu haben, sondern Kompetenzen mit anderen zu teilen.“ Angelehnt an Universitäten, die lediglich Fünf-Jahres-Verträge an ihre Wissenschaftler vergeben, soll es in Zukunft im Verhältnis 1:1 Zeitverträge mit bis zu 12 Jahren Laufzeit und Festanstellungen für Wissenschaftler im FZJ geben. Forschung sei ein Durchlauferhitzer.

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Prominent besetztes Podium: (v.l.) Prof. Achim Bachem, Jürgen F. Hacke (Moderation), Prof. Angelika Merschenz-Quack und Bürgermeister Heinrich Stommel

Prominent besetztes Podium: (v.l.) Prof. Achim Bachem, Jürgen F. Hacke (Moderation), Prof. Angelika Merschenz-Quack und Bürgermeister Heinrich Stommel

Ein Nahziel ist der Bau eines Gästehauses. Einen jahrzehntelang kritisierten Mangel an Hotelzimmern für Tagungsteilnehmer hat das Forschungszentrum Jülich jetzt selbst in die Hand genommen: Ein Investor ist gefunden, der das Projekt trägt. Eine Entscheidung über den Standort ist noch nicht gefallen. Dem Wunsch des Stadtmarketing-Vorsitzenden Wolfgang Hommel nach Innenstadt-Nähe statt eines Baus „draußen im Wald“, schließt sich Prof. Bachem an, hat aber nur beratende Funktion. Das letzte Wort habe der Investor. Gespräche gibt es hierzu bereits mit Bürgermeister Heinrich Stommel. Weitere werden nötig sein, um das Problem der Infrastruktur zu lösen, die nach Aussage von Prof. Bachem „nicht optimal“ ist. Im Mittelpunkt steht der Öffentliche Nahverkehr, der einen Transfer Aachener Studenten nach Jülich und retour ermöglichen soll.

Die Stadt Jülich ist vor allem am Projekt Indeland, mit all seinen Komponenten wie Schwimmleistungszentrum und Jugendgästehaus interessiert. Es würde ein Alleinstellungsmerkmal garantieren, wie Stommel betonte. Schon jetzt aber liege in der Überschaubarkeit von Jülich als Stadt der kurzen Wege, wie Stommel richtig erläutern konnte, ein Reiz für Familien; Stadtentwicklung durch Baugebiete und Naherholung im Brückenkopf-Park, sowie die mögliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie etwa durch Einrichtungen wie die „kleinen Füchse“ wurden ebenfalls in die Waagschale geworfen.

Gleichzeitig ist die Stadt Partner der Forschung, etwa beim Solarturm auf dem Campus der Fachhochschule, oder im Technologiezentrum Jülich (TZJ) – einem Erfolgsschlager, wie auch Carlo Aretz, Geschäftsführer des TZJ, unterstrich, der sich aus dem Auditorium zu Wort meldete. Viele der derzeit 131 im Zentrum angesiedelten Firmen seien nach Jülich gekommen, weil FZJ und FH am Ort sind. Chancen werden gesehen, Mitarbeiter abzuwerben, sowie die Einrichtungen als Kunden, Lieferanten oder Unterstützung bei Forschungen durch Laboreinrichtungen zu nutzen.

Ähnlich verhält es sich bei der Fachhochschule in Jülich, die – neben dem angesprochenen „Kielwasser“ – von persönlichen Bindungen ihrer Wissenschaftler an das Forschungszentrum Jülich profitieren. Auch das laut Dekanin Merschenz-Quack „Experimentierfeld für alles Neue“ befindet sich in einem Umbruch. Außer dem neuen Hochschulgesetz, und dem ausstehenden „Ja“ zum Neubau steht die Umstellung auf Bachelor und Master und die Einführung Studiengebühren und neuer Studiengänge an. Ein Renner sind übrigens nicht mehr die Fachbereiche, die sich mit Energie beschäftigen, sondern „alles was mit Bio anfängt“. Die Zahl der Studierenden wächst leicht, aber zufrieden stellend ist sie noch nicht. Eine neue Zielgruppe hat die Professorin im Blick: „Was wir in Angriff nehmen müssen, sind berufs- und ausbildungsbegleitende Studiengänge.“ Zur Frage des Moderators Hacke nach einer Expansion, gab Merschenz-Quack zurück: „Warum hat die Armada gewonnen? Weil sie klein war.“ Hacke: „… es waren aber viele…“ Merschenz-Quack schmunzelt: „Wir arbeiten daran.“

Nach fast anderthalb Stunden Präsentation vor und Diskussion mit dem zahlreich erschienen interessierten Auditorium schloss Moderator Jürgen F. Hacke das 23. Forschungsgespräch ab. Beim nächsten Termin wird es um den demographischen Wandel gehen und hier speziell beleuchtet die Entwicklungen im Kreis Düren.


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