Im Wortlaut

Kulturdiskussion mit Sprengkraft, Abschied von Joachim Krause
Von  [27.01.2005, 15.22 Uhr]

Kultur und Gesellschaft
Eine Diskussion im Kulturhaus am Hexenturm zu Jülich
am 27. Januar 2005
Szenische Lesung frei nach Loriot
Dr. Dorothee Esser, Geschäftsführerin der Brückenkopfpark Jülich
Gesellschaft für Kultur und Marketing mbH Marianne Lohmer, Mitarbeiterin der o. g. GmbH
Gerd Marx, Leiter des Schulveraltungs- und Sportamtes der Stadt Jülich
Dr. Christoph Fischer, Mitarbeiter des Stadtgeschichtlichen Museums Jülich
Guido v. Büren, Diskussionsleiter

G.v. Büren Meine Damen und Herren, zu unserem ersten Gespräch in der Reihe „Kultur und Gesellschaft“ begrüße ich die Geschäftsführerin der Brückenkopfpark Jülich Gesellschaft für Kultur und Marketing mbH, Frau Dr. Dorothee Esser, ihre Mitarbeiterin Frau Marianne Lohmer, Herrn Dr. Christoph Fischer, Mitarbeiter des Stadtgeschichtlichen Museums Jülich sowie Herrn Gerd Marx, Leiter des städtischen Schulveraltungs- und Sportamtes deren Wort als neutrale Beobachter und „Anlieger“ der Kulturverwaltung von Bedeutung sind. Leider kurzfristig abgesagt hat der Kulturdezernent der Stadt Jülich, Herr Joachim Krause, der einen wichtigen anderweitigen Termin wahrnehmen musste.
Nun zum Thema unserer heutigen Diskussion, das in Abwandlung des im Programm genannten Themas „Zeitsprünge“ der Frage nachgeht, welche Sprengkraft der Kultur in Jülich innezuwohnen vermag.
Der bedeutende Komponist und Dirigent Pierre Boulez antwortete vor einiger Zeit auf die Frage, wie er sich die Bewältigung der Probleme des modernen Opernschaffens vorstelle, mit den Worten: Die eleganteste Lösung wäre, alle Opernhäuser der Welt in die Luft zu sprengen. Das ist ein ungewöhnlicher Vorschlag, so meine ich, aber er verdient es, auf seine Brauchbarkeit - gerade im Hinblick auf die Situation der Jülicher Kultureinrichtungen hin - untersucht zu werden. Frau Dr. Esser, Sie und vor allem ihre Mitarbeiterin Frau Lohmer, betreuen die auch durch ehrenamtliches Engagement getragene Theaterreihe und die Schlosskonzerte. In welcher Form haben Sie die Boulezsche Anregung aufgenommen?

Dr. Esser Herr v. Büren, zunächst möchte ich sagen, dass ich die künstlerische Potenz des Dirigenten Boulez bewundere. Aber weiß der eigentlich, wie schwer sich so was in laufende Spielpläne einbauen lässt. Wir waren in den letzten Wochen allein schon durch die Vorbereitung für das Jahresprogramm des Brückenkopfparks so in Anspruch genommen, dass uns für eine derart komplizierte Aufgabe, wie es die Sprengung beispielsweise der Stadthalle ja nun einmal ist, einfach keine Zeit blieb.

v. Büren Das heißt also ... (Frau Lohmer hebt die Hand ...) Ja, bitte, Frau Lohmer ...

Lohmer Ich kann Frau Dr. Esser einerseits nur beipflichten, versichere Ihnen andererseits aber, dass ich im Hinblick auf die Schlosskapelle interessante Synergieeffekte in der Vorbereitung des kommenden Zitadellenfestes im Jahr 2006 sehe. Es ist dem Thema Jülicher Hochzeit gewidmet. Ich finde, dass das angedachte abschließende Feuerwerk den idealen Rahmen für eine effektvolle Sprengung der Schlosskapelle bietet.

Marx Ich bin doch sehr überrascht, meine Damen, dass sie offensichtlich keine prinzipiellen Einwände gegen die Vernichtung der ihnen anvertrauten Bühnen haben!

Dr. Esser Aber Herr Marx, wir wollen doch nicht grundsätzlich gegen progressive Ideen sein, nur weil sie nicht in unser traditionelles Denkschema passen.

Dr. Fischer (ärgerlich) Ich verstehe ja nichts von Musik, wohl aber von Theater, aber die Damen scheinen zu vergessen, dass ich im Museum Zitadelle nur ungern eine Ausstellung inszeniere, wenn mir dabei von hinten die Stadthalle oder von vorne die Schlosskapelle um die Ohren fliegt!

Marx Ach was!? Ich möchte daran erinnern, dass Herr Dezernent Krause schon länger an dem Thema Sprengung städtischer Gebäude zu arbeiten scheint. Dass sich jüngst ein Fenster seines Büros auf der Düsseldorfer Straße wiederfand, deutet meines Erachtens auf entsprechende, intensive Selbstversuche hin.

v. Büren Meine Damen und Herren, lassen Sie uns doch weniger emotionell argumentieren und mehr die praktische Seite des Problems beleuchten. Herr Marx war so freundlich (schüttelt den Kopf) ... äh, also nicht. Nun denn, fahren wir in der Diskussion fort...

Werbung

Marx Ich möchte aber doch einwerfen, dass hier keine unüberlegten Schritte unternommen werden sollten. Wie bereits in anderem Zusammenhang von Herrn Krause angemerkt scheint auch mir die Einberufung eines entsprechenden Arbeitskreises unerlässlich, schon allein wegen des Nachschubs an Positionspapieren, die später als bleistifttaugliche Schmierzettel verwendet werden können. Gerade die Schulentwicklung in Jülich lässt ja noch so manche Möglichkeit offen. Der anstehende Neubau der Sonderschule an anderer Stelle, entschärft die Probleme einer Sprengung der Stadthalle und vereinfacht möglicherweise den Abriss des Sonderschulgebäudes. Hier wäre dann frühzeitig auch die Stadtentwicklungsgesellschaft in die Diskussion einzubeziehen.

Dr. Fischer Ich erinnere mit Nachdruck nochmals - ungeachtet meiner prinzipiellen Bedenken gegenüber einer Sprengung - daran, dass es doch hier in erster Linie um eine künstlerische Frage geht. Durch eine Detonation der Stadthalle im richtigen Moment erscheint eine schwache Inszenierung möglicherweise akzeptabel!

Dr. Esser Also wenn bei jeder schwachen Inszenierung die Stadthalle explodiert...

v. Büren Ja ... äh ... Wichtig erscheint mir zunächst die Zuschauerfrage. Gesprengt wird doch mit vollem Haus. Ist das nun eine reine Abonnementvorstellung oder freier Kartenverkauf oder eventuell nur Presse? Oder wie oder was?

Dr. Esser Nur mit der Presse wäre es mir am liebsten, aber ich fürchte, selbst wenn wir die ganze Euregio Maas-Rhein berücksichtigen, kriegen wir das Haus nicht voll.

Lohmer Das hängt davon ab, was an diesem Abend an Konkurrenzsprengungen stattfindet. Denken Sie nur an die noch ausstehende Sprengung der Verwaltungscontainer des Brückenkopfparks. Was für ein Freiluftevent!

Dr. Fischer Entschuldigen Sie, aber angenommen die Publikumsfrage ist gelöst, die Premiere war ein Erfolg, die Stadthalle ist explodiert. Wann und wo ist die nächste Vorstellung?

Dr. Esser Das ist eine gute Frage. Bei starkem Publikumsandrang, den wir uns ja alle wünschen, sind eventuell zwei oder drei Sprengungen nötig. Wir müssten dann alle Spielstätten, die uns zur Verfügung stehen, nutzen. Lohmer Wenn wir voraussetzen, dass die Explosion der Stadthalle aus kulturpolitischen Gründen in jeder Vorstellung stattfindet, könnte - bei ständigem Wiederaufbau der Stadthalle bestenfalls alle drei Jahre eine Vorstellung stattfinden.

Marx Man muss ja schließlich auch an die Bauwirtschaft denken und endlich hätte die Stadtentwicklungsgesellschaft eine lohnende Daueraufgabe.

v. Büren (freudig erregt) Die Diskussion wird ja jetzt richtig konkret... Aber dieses System würde sich ja wohl ungünstig auf die Eintrittspreise auswirken.

Dr. Esser Gewiss, der billigste Platz würde pro Abend etwa 125.000 Euro kosten. Ich gebe aber zu bedenken, dass eine Stadthallensprengung von wirklichem Niveau in der gegenwärtigen finanziellen Situation nur über Sponsoring zu realisieren wäre.

Dr. Fischer Ich hätte da noch eine rein praktische Frage: Wo befindet sich eigentlich nach der Detonation die Garderobe des Publikums?

Marx Ich bin zwar kein Spezialist... Es muss jedoch nach der Sprengung mit einer Garderobenstreuung für Hüte und Mäntel im Radius von mehreren Kilometern gerechnet werden.

Dr. Fischer Ich weiß nicht, wie die Kritiken in der überregionalen Presse aussehen, wenn sie ihre Hüte, Mäntel und Regenschirme in Aldenhoven abholen müssen.

Dr. Esser (in höchster Erregung) Herr Dr. Fischer, ich bitte Sie, Aldenhoven ist doch wieder einmal völlig aus der Luft gegriffen. Aber so ist die Presse, da haben sie recht! Da gibt man sich eine wahnsinnige Mühe, inszeniert eine Weltklasse-Stadthallenexplosion, und was steht in der Frankfurter: „Nach Sprengung Streit um Garderobe in Aldenhoven“.

Dr. Fischer Die Ziele der lokalen Agenda scheinen ja ganz aus dem Blick geraten. Vom Umweltschutz spricht niemand! So eine detonierte Stadthalle steht doch tagelang als Rauchpilz über Jülich und verpestet die Innenstadt!

v. Büren Nun ... äh ... ehe wir hier beginnen, die guten Ansätze und Ideen zur Neujustierung der Jülicher Kulturpolitik zu zerreden, möchte ich das Gespräch beenden und danke ihnen für ihr Kommen. Hinweisen möchte ich unsere Zuschauer noch auf die nächste Diskussionsrunde, an der dann hoffentlich auch Herr Dezernent Krause seinen Erfahrungsschatz einbringen wird.
Dann geht es nämlich um die Frage: Welche Auswirkungen hätte das Höherlegen der Rur auf die Kultur in Jülich? Ihnen wünsche ich noch einen angenehmen Tag. Auf Wiedersehen!


Dies ist mir was wert:    |   Artikel veschicken >>  |  Leserbrief zu diesem Artikel >>

NewsletterSchlagzeilen per RSS

© Copyright 2017 Presse- und KulturBüro Schenk + Schenk | Datenschutz

Das Brenzlicht

Mehr Zivilcourage
Es gehört Zivilcourage dazu, Kritik zu üben an einer Preisverleihung, die Zivilcourage auszeichnet und sich gegen das Vergessen der Greueltaten der Nazis positioniert. Toleranz – so die Namensergänzung der veranstaltenden Jülicher Gesellschaft – gehört dazu, um auszuhalten, wenn von vier zu Ehrenden drei als Nebenprodukt behandelt werden und der einzige, durchaus nicht unumstrittene Ausgezeichnete vom Laudator eine Würdigung erfährt, die nicht nur einige Menschen befremden dürfte.  [01.03.2017, 07.54 Uhr]  >>

Alle Brenzlichter >>

Stadtteile

Kita „Die kleinen Strolche“: Jubiläumsfeier eine Woche lang
„Was wollen wir trinken sieben Tage lang?“, heißt ein ziemlich bekanntes Fest- und Feierlied. Da so ein 50-jähriges Jubiläum bei der Kita „Die kleinen Strolche“ in erster Linie ein Fest für die Kinder ist, hat sich das Team der Einrichtung überlegt, mit den Kindern, die sie im Moment besuchen, kräftig und sieben Tage lang zu feiern. Es geht los mit dem Dasda Theater, das am Donnerstag, 27. April, das Stück Petterson und Findus im Dietrich-Bonhoeffer-Haus, Düsseldorfer Straße 30, für die Kita-Kinder aufführen wird.  [26.04.2017, 13.58 Uhr]  >>
Im Heckfeld Geschmack am Glauben finden
Einen Ruhepol im Alltag finden. Innehalten, dem eigenen Getriebensein im Leben regelmäßig einen Ort des Atemholens zu geben, dazu dienen Exerzitien im Alltag. Seit fast 20 Jahren wird in St. Rochus Jülich diese Tradition in der Fastenzeit gepflegt. [09.04.2017, 14.12 Uhr]  >>

Rundum

Kreatives Lösungsmodell im Aldenhovener KIM-Prozess [09.04.2017, 14.00 Uhr]  >>
Düren: Den Umgang mit Demenz lernen [09.04.2017, 13.51 Uhr]  >>

Vereine

Lebendiges Geschichtsgedächtnis [09.04.2017, 14.51 Uhr]  >>
Bestehen unter des Meisters Augen [09.04.2017, 13.19 Uhr]  >>

Immer auf dem Laufenden



Newsletter >>

JüLicht auf Ihrer Site

Sie können unsere aktuellen Schlagzeilen auf Ihrer Website präsentieren - hier steht, wie >>.

Kontakt

Welches Anliegen Sie auch immer bewegt, über unser Kontaktformular >> können Sie mit uns in Verbindung treten.

Werbung