Im Wortlaut

Ansprache von Joachim Krause vom 27. Januar
Von Joachim Krause [27.01.2005, 14.51 Uhr]

Ansprache Joachim Krauses zu seiner persönlichen Abschiedsfeier am Donnerstag, 27. Januar 2005 auf Einladung des Dezernats III. Im Wortlaut.

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus dem Dezernat III, aus der übrigen Verwaltung, liebe Exilanten und externe Gäse, allen voran Herrn Prof. Treusch für das FZJ und den Förderverein Museum. Vielen Dank, dass Sie die Zeit gefunden haben, ich fühle mich sehr geehrt. Ich begrüße die Schulleiter städt. Schulen, die Leiterinnen der Stadtkindergärten, die Vertreter der Stadtwerke und Sie, lieber Herr Bürgermeister Stommel, meine Damen und Herren!
Sie merken es sicherlich: Ich bin bewegt.

Wenn man aus dem Berufsleben ausscheidet, dann bedeutet dies eine Zäsur im Leben. Natürlich kommt dieser Tag nicht unvorbereitet. Ich habe mir bereits im vergangenen Jahr mit meiner Frau Gedanken über meine Zukunft gemacht. Doch das waren alles nur „Trockenübungen“. Erst jetzt und besonders durch diese grandiose Veranstaltung, wird mir die Tragweite dieses Umbruchs in meinem Leben richtig bewusst. Dieser „Umbruch“ hat eine sympatische Seite - eine Befreiung von Pflichten - und eine schmerzliche - den unwiderruflichen Abschied von gemeinsamen Streben nach optimalen Dienstleistungen für die Einwohner Jülichs. Diese Arbeit, meist im Team, hat mir Freude bereitet.

So besitzt mein Abschied eine Doppelwertigkeit, wie sie auch Marie von Ebner-Eschenbach sehr prägnant zum Ausdruck gebracht hat: „Abschied ist heitere Resignation - es gibt nicht Schöneres“. An diesem Aphorismus gefällt mir jene Ambivalenz und besonders die Leichtigkeit des Seins.

Also Ernst beiseite. Sprechen wir die heitere Seite an.
Wieso schlafe ich am Schreibtisch wie beim Fernsehen immer ein? Warum wird's auf dem Kopf lichter und drinnen immer finsterer? Und warum die Glieder immer schlaffer? Warum komme ich zu jeder Sitzung des VV und des EVV zu spät?
Naja, da wir Verwaltungsleute ein bestimmtes Bild in der Öffentlichkeit zu bedienen haben, kennen Sie das ja alle von sich selbst.

Du liebe Zeit! Was hätte ich alles werden können! Es gab Irrungen und Wirrungen im Berufsleben. Aber gemeinsam mit guten Leuten um mich herum und meiner Frau haben wir alles ins rechte Lot gebracht, und ich bin kein Fall für die Bahnhofsmission geworden.
Nun als ruheloser Rentner bleibt mir neben dem allgemeinen Volkssport - Arztbesuche, Quittungen sammeln für Pillen, Zahnersatz und Brille - Seniorentreffen auf dem Schlossplatz - doch noch etwas Zeit für Hobbys, die bisher zu kurz kamen.
Schließlich wollte ja jeder auch schon im Berufsleben zufrieden und erfolgreich sein und obendrein bestand das Bestreben, für die Nachwelt Bedeutendes zu hinterlassen, so wie Einstein oder Mozart… Das kostete Zeit.

Gestatten Sie mir vor einigen bösen, zunächst einige -artige Sätze, so wie es die Zeremonie erfordert und Ihr Aufwand und Ihre Mühen es verdienen. Ich möchte mich bedanken. Dank den Akteuren, die sich dieses wunderbare Programm ausgedacht, organisiert, geplant, geübt haben, allen voran Herrn Perse, der längst nicht mehr, wie er sich im Programm bezeichnet, Turmwächter ist, sondern Ritter der Tafelrunde. Ich danke jenen, die uns mit ihren Auffüh-rungen verzaubert haben. Danke Ihnen, Herr Bürgermeister Stommel für die sehr warmherzigen Worte. Es war nach meinem Empfinden mit dem Lob zu viel des Guten, aber das bringen wohl solche Anlässe mit sich. Andererseits kann ich Ihnen bestätigen, dass auch meine Einstellung zu Ihnen von Sympathie getragen war und ist. Und ein Dankeschön an die, die für die Logistik der im Anschluss stattfindenden kleinen „Trinkerei“ die Verantwortung übernommen haben.
Danke! Ich liebe Euch alle!

Ich danke allen, die unserer Einladung gefolgt sind. Ich danke Ihnen für die guten Wünsche und Ratschläge zur Ruhestands-Bewältigung (und Geschenke) sozusagen zum „letzten Geleit“.
Danke für die gedeihliche Zusammenarbeit und die oft gemeinsam erzielten hervorragenden Ergebnisse. Ohne Sie wäre nichts gegangen, gelungen. Danke auch, dass Sie mich so lange ertragen haben. Ich möchte Herrn Holz danken, der Gott sei Dank auf dem Wege der Genesung ist. Ein Gruß an ihn von hier. Mein Dank gilt schließlich Herrn Berger, der mir souverän den Weg in die Rentnerzeit ebnete.
Ich danke dem VV und dem EVV unter der Stabführung des Bürgermeisters für die meist zielführenden Beratungen und Entscheidungen. Sachdiskussion, Zuhörenkönnen, Argumentieren sind dort beherrschend. Das war wohltuend.
Nicht zuletzt danke ich meiner Sekretärin Frau Müller. Ich werde eine Menge vermissen, vor allem ihr fröhliches „Hallo“ oder „guten Morgen ohne Sorgen“, das sie mir beim Betreten des Büros entgegenrief, während frisch gebrühter Tee schon auf mich wartete. Sie war meine rechte Hand, mein zweites Gedächtnis, ruhender Pol mit Ansteckungs-Qualität.
Ich danke vor allem meiner Frau und meinen Kindern, die es mir nur ganz selten nachgetragen haben, wenn ich abends oder am Wochenende mal nicht zur Verfügung stand und für die Stadt unterwegs oder im Büro war. Ich bin glücklich, dass meine Frau zu mir gestanden und meine Kinder dank ihrer Kraft und ihrem Einfühlungsvermögen auch ohne mich ihren Weg ins Leben und in die Zukunft gefunden haben.

Werbung

Minerva!?
Trotz aller Anstrengungen - lieber Herr Perse, erschließt sich mir nicht, warum ich, oder der Anlaß meines Ausscheidens irgendetwas mit Minerva-Athene gemein haben sollten. Der VV ist weiß Gott keine Götterversammlung, das Büro des Bürgermeisters kein Olymp, dort gibt es auch nur Kaffee und keinen Wein und wir haben uns nie so intrigant, untreu und gewalttätig verhalten, wie dies von den griechisch-römischen Göttern berichtet wird. Wenn denn eine Verbindung überhaupt herstellbar wäre, so kann es die sein, dass Minerva-Athene Freundin der Kunst war, was sie mir sympatisch macht. Von dieser Sorte Mensch gibt es Gott sei Dank etliche und berufenere als mich in Jülich.
Aber lassen wir das `mal so im Raume stehen - mit einer gewissen satirischen Distanz. Der mit Minerva verbundenen Projektvorstellung und der Ausstellung in 2006 wünsche ich jedenfalls wieder einmal eine überregionale Beachtung.

In diesen Tagen stürzt vieles auf mich ein. Es drängt mich, wie Sie sicher mit wachsendem Unmut spüren, ausnahmsweise viel, sehr viel zu sagen. Aber eigentlich habe ich ja nichts mehr zu sagen. So will ich nur noch wenige Randbemerkungen los werden, für die ich Sie um Stehvermögen bitte.
Nun zu den Randbemerkungen:
Ad. 1.
Wenn mir in diesen Stunden anscheinend Sympathie entgegenschlägt, dann deute ich dies als Reaktion auf mein Handeln, entweder ich habe irgendetwas Wichtiges richtig gemacht, dann ist es Verbundenheit,
oder ich habe grundsätzlich etwas falsch gemacht, dann ist es große Erleichterung über meinen endlichen Abtritt,
oder es ist von beiden etwas, dann würden Sie die vergangene Zeit heute abfeiern und würden sich gleichzeitig öffnen für anders gestaltete Führung. Darüber würde ich mich freuen.

Ad. 2.
Manchmal habe ich mich gefühlt wie der „Vater“ oder der „gute Onkel“ der KuSSS-Compagnie. Dabei habe ich mich doch nur befleißigt, mir mindestens die ersten 4 Artikel des Rheinischen Grundgesetzes zu eigen zu machen, Sie wissen ja: Et is, wie et is. Et kütt, wie et kütt. Et hätt noch immer jot gejange. Watt fott es, es fott.
Um diesen 4. Artikel mit prallem Leben zu füllen, haben wir uns immer wieder was Neues einfallen lassen, um das viele Geld der Stadt auszugeben. Ehe das ruchbar wurde, war dat Jeld fott.

Ad. 3.
Nun mache ich mich fott, und wenn ich sage fott, bin ich eben wirklich fott. Dass ich hier in Jülich 33 Dienstjahre auf dem Tacho habe, kann ich mir eigentlich nicht so recht vorstellen. Aber der Kalender lügt nicht. I never come back, so sagt man im englischsprachigen Raum, die haben sich sicherlich vom Artikel 4 etwas abgeguckt.

Ad. 4.
Soll ich einen Blick zurückwagen, hier an dieser Stelle? Was habe ich denn nun die 33 Jahre bei der Stadt Jülich getan, bewirkt?
Ich höre förmlich Ihr inneres Aufstöhnen: Bitte keine Details! - Vielleicht sag' ich's Euch mit Eugen Roth:
„Ein Mensch sagt - und ist stolz darauf -, er geh' in seinen Pflichten auf.
Bald aber, nicht mehr ganz so munter, geht er in seinen Pflichten unter“.

Ich habe schon dann und wann eine gewisse Schwere verspürt, was nach den Gesetzen der Schwerkraft nach unten zieht. Da ich aber zeitlebens viel Zeit dafür eingesetzt habe, den Überblick zu behalten, ging ich nicht unter. Dabei erweckte ich wohl nicht selten den Eindruck - frei nach Fred Endrikat -:
„Wirklich! Er war unentbehrlich. Überall, wo was geschah,
zu dem Wohle der Gemeinde, er war tätig, er war da.
Schlosskonzert, Theaterabend Altentreffen, Kinderladen,
Elternabend, Preisgericht ohne ihn da ging es nicht.
Ohne ihn war nichts zu machen. Keine Stunde hatt` er frei.
Gestern, als sie ihn begruben, war er richtig auch dabei".
Gott hat mir geholfen, dass es zu diesem Finale nicht gekommen ist. Ich erbitte auch weiter-hin seinen Beistand.

Ad.5.
Meine Führungsaufgaben habe ich nach dem einzigen mir in diesen 3 Jahrzehnten untergekommenen Buch über Führungslehre von Wolfgang Schur und Günter Weick „Da warens nur noch neun“ ausgerichtet.
Daraus einige Anleitungen:
Vernachlässige die guten Mitarbeiter.
Stelle Regeln über Menschen.
Behalte wichtige Informationen für dich.
Vertraue deinen Mitarbeitern nie.
Verweigere Anerkennung.
Behandle Frauen noch schlechter als Männer.
Halte deine Mitarbeiter klein.
Damit hatte ich immer riesigen Erfolg. Wohl allein deshalb konnte ich mich so lange in meiner Stellung halten.

Ad. 6.
Natürlich sind mir Erfahrungen zugewachsen (z.T. zitiert nach M. Rommel, W. Schneyder):
Ich gackere erst, wenn die Eier gelegt sind.
Wer nicht sicher weiß, was er will, sollte wenigstens prüfen, was er nicht will.
Halte dich weniger an Vorbilder und mehr an abschreckende Beispiele.
Politiker können alles vertreten, man muss nur nicht erwarten, dass sie konkret werden.
Die Zuhörer freuen sich immer, wenn ihnen etwas mitgeteilt wird, was sie bereits wissen.
Wer alles lenken will, steuert gar nichts.
Die Verwaltung hat die besondere Begabung, sich dorthin zu stellen, wo man Ohrfeigen kriegt.
Wir haben ein Problem mit „Soll“ und „Haben“. Wir sollen, aber wir haben nicht.
Man kann sich keine Feinde machen, sie sind immer schon da.

Meine Damen und Herren, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter, wir haben viel in Jülich verändert, Bewährtes gestützt und ausgebaut, Neues probiert und installiert. Meist waren damit Lernprozesse verbunden - sachlicher und persönlicher Art.
Ab und an war der Aneignungsprozess schmerzlich, aber ich habe es geschafft - und diese Prozesse beschreibt Manfred Rommel wie folgt: „Man braucht Gelassenheit. Ich habe mich zu dem Grundsatz entschlossen: Ich bin nicht beleidigungsfähig.“ u n d „Das was ich an Selbstachtung besitze, beruht weitgehend darauf, dass ich nicht immer mit den Wölfen geheult habe und nicht immer mit dem Strom geschwommen bin, sondern dass ich gelegentlich abgewichen bin vom bequemen Weg, weil ich sonst zwar des Beifalls anderer, aber meiner eigenen Zustimmung nicht mehr sicher gewesen wäre.“

Zum Trost für die Zurückbleibenden habe ich eine sehr ermutigende Textpassage gefunden, und zwar bei Seneca, "Aus der Kürze des Lebens": „Das Leben aller Beschäftigten ist unglücklich, am unglücklichsten freilich das Leben derer, die sich nicht einmal mit ihren eigenen Beschäftigungen abmühen, ... Manch anderen befiel der elende Gedanke, sie hätten sich nur für eine Grabinschrift abgemüht. ...“
Ich hoffe, ich kann Ihnen damit den Berufsalltag etwas versüßen.

Also, meine Damen und Herren, nochmals Dank für die vielen guten Jahre gemeinsamer Arbeit, die Lebensqualität in unserer Stadt Jülich zu sichern. Es war eine schöne Zeit. Für die Zukunft wünsche ich Ihnen weiterhin die nötige Hingabe an Ihre Aufgaben.
Und mit Worten des sächsischen König August dem Starken rufe ich Ihnen zu:

„Macht eir`n Dreck alleene!“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit - uuuund tschüss!


Dies ist mir was wert:    |   Artikel veschicken >>  |  Leserbrief zu diesem Artikel >>

NewsletterSchlagzeilen per RSS

© Copyright 2017 Presse- und KulturBüro Schenk + Schenk | Datenschutz

Das Brenzlicht

Mehr Zivilcourage
Es gehört Zivilcourage dazu, Kritik zu üben an einer Preisverleihung, die Zivilcourage auszeichnet und sich gegen das Vergessen der Greueltaten der Nazis positioniert. Toleranz – so die Namensergänzung der veranstaltenden Jülicher Gesellschaft – gehört dazu, um auszuhalten, wenn von vier zu Ehrenden drei als Nebenprodukt behandelt werden und der einzige, durchaus nicht unumstrittene Ausgezeichnete vom Laudator eine Würdigung erfährt, die nicht nur einige Menschen befremden dürfte.  [01.03.2017, 07.54 Uhr]  >>

Alle Brenzlichter >>

Stadtteile

Kita „Die kleinen Strolche“: Jubiläumsfeier eine Woche lang
„Was wollen wir trinken sieben Tage lang?“, heißt ein ziemlich bekanntes Fest- und Feierlied. Da so ein 50-jähriges Jubiläum bei der Kita „Die kleinen Strolche“ in erster Linie ein Fest für die Kinder ist, hat sich das Team der Einrichtung überlegt, mit den Kindern, die sie im Moment besuchen, kräftig und sieben Tage lang zu feiern. Es geht los mit dem Dasda Theater, das am Donnerstag, 27. April, das Stück Petterson und Findus im Dietrich-Bonhoeffer-Haus, Düsseldorfer Straße 30, für die Kita-Kinder aufführen wird.  [26.04.2017, 13.58 Uhr]  >>
Im Heckfeld Geschmack am Glauben finden
Einen Ruhepol im Alltag finden. Innehalten, dem eigenen Getriebensein im Leben regelmäßig einen Ort des Atemholens zu geben, dazu dienen Exerzitien im Alltag. Seit fast 20 Jahren wird in St. Rochus Jülich diese Tradition in der Fastenzeit gepflegt. [09.04.2017, 14.12 Uhr]  >>

Rundum

Kreatives Lösungsmodell im Aldenhovener KIM-Prozess [09.04.2017, 14.00 Uhr]  >>
Düren: Den Umgang mit Demenz lernen [09.04.2017, 13.51 Uhr]  >>

Vereine

Lebendiges Geschichtsgedächtnis [09.04.2017, 14.51 Uhr]  >>
Bestehen unter des Meisters Augen [09.04.2017, 13.19 Uhr]  >>

Immer auf dem Laufenden



Newsletter >>

JüLicht auf Ihrer Site

Sie können unsere aktuellen Schlagzeilen auf Ihrer Website präsentieren - hier steht, wie >>.

Kontakt

Welches Anliegen Sie auch immer bewegt, über unser Kontaktformular >> können Sie mit uns in Verbindung treten.

Werbung