Zwölf Kinder trainieren in Ralshoven für die Jülicher Hochzeit

Eine Verbeugung auf vier Hufen
Von Dorothée Schenk [19.04.2006, 11.50 Uhr]

Ein Knicks, schön tief. Diese Form der althergebrachten Respektsbezeugung ist aus dem täglichen Leben verschwunden… aus der Mode gekommen. Dennoch gehen seit rund zwei Jahren hierfür drei Jungen und neun Mädchen jeden Samstag in die Hohe Schule. Sie feilen an der Technik. Ihr Ziel ist klar: Sie wollen bei der Jülicher Hochzeit dabei sein, die mit tausenden von Gästen gefeiert wird.

Das Reiten mit Schirmen durch Ballons soll die Kinder und Pferde unter anderem die Beherrschung des Tieres mit nur einer Hand lehren

Das Reiten mit Schirmen durch Ballons soll die Kinder und Pferde unter anderem die Beherrschung des Tieres mit nur einer Hand lehren

Nahezu 420 Jahre nach der ersten Eheschließung kommt es in der Herzog- und Residenzstadt Wilhelms V. an der Rur zur Wiederholung des rauschenden Festes. Lisa Schumacher (13) und Franziska Cremers (13), Mailin Wasen (14) und Dominik Daferner (10) gehören aber ebenso wie die acht „Mitschüler“ nicht zum einfachen Fußvolk: Als Amazonen und Pagen gehören sie zum Tross, dessen 40 berittene Gratulanten in diesem Sommer 2006 in den Wallgraben der Renaissance-Festung in Jülich einziehen und zur Ehre und Freude von Prinzessin Jacobe von Baden und Herzog Johann Wilhelm I. wie vom Landschreiber Graminäus beschrieben Reiterspiele aufführen.

Im kleinen Dorf Ralshoven, fünf Minuten von der Autobahn 46 nach Aachen, Ausfahrt Titz, entfernt, trainieren Gisela und Friedrich Pick auf ihrem Hof Cavallo Barock die Erwachsenen, aber auch die Kinder und Jugendlichen. Bevor das Ehepaar vor zehn Jahren mit den Kindern in die dörfliche Idylle zog, war es mit Günter Fröhlich und dem Pferdemusical „Der Zauberbaum“ in deutschen Landen unterwegs.

Gisela Pick war außerdem Trickreiterin. Sie sprang mit Pferden über Menschen oder durch brennende Reifen. Jeden Morgen gehen Tippi und Timmi, Curro und Rising Sun, Max und Harmke mit der Trainerin in ihren „Klassenraum“, die Reithalle. Die Pferde der Pick-Familie sind entsprechend bestens unterrichtet. Denn, so weiß auch die 14-jährige Mailin: „Das Pferd muss es zuerst lernen“.

Zwischen Bündeln von Luftballons reiten die Kinder mit bunten Schirmen in der Hand. Das trainiert die Geschicklichkeit, denn zum Fest halten sie Wappenschilde in der Hand. Wichtig ist dann, die absolute Kontrolle über die Pferde zu behalten. Einzeln oder zu Zweit reiten sie durch kleine, mit flatternden Bändern geschmückte Bögen; Bälle fliegen zwischen den Reitschülern – natürlich auf Pferden sitzend – hin und her. Zwischendurch steht ein Tier auf einem Podest oder Pferd und Reiter nehmen „Platz“. Was hier wie eine Probierstube für einen Zirkus anmutet, ist in Wirklichkeit eine wichtige Vorbereitung für Mensch und Tier. Für den Festlärm, die vielen Besucher, die die Akteure umgeben, dazu Musik und auch unerwartete Ereignisse sollen Zwei- und Vierbeiner bestens ausgebildet sein. „Das Wichtigste ist die Sicherheit“, so Gisela Pick. Kein Tier darf aus der „Reihe tanzen“ oder in die Menschenmenge stürmen.

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2Drei Phasen des Hinsetzens: Im Hintergrund zeigt Gisela Pick, wie Pony Timmy sich hinsetzen soll, Ranger sitzt schon und Rising Sun zeigt die zweite Stufe: „down“, also hinlegen

2Drei Phasen des Hinsetzens: Im Hintergrund zeigt Gisela Pick, wie Pony Timmy sich hinsetzen soll, Ranger sitzt schon und Rising Sun zeigt die zweite Stufe: „down“, also hinlegen

Daneben ist natürlich die Perfektion der Präsentation für die einstigen Show-Profis von großer Bedeutung. Mit Schirm und Ballons kann natürlich nicht nur einhändiges Reiten, sondern auch für das Ringrennen geprobt werden. Das Programm zur Jülicher Hochzeit ist von Schreiber Graminäus als eine Mischung aus Turnier und Gaukelei, Allegorie und Theater überliefert. Neben dem Ringstechen, werden die erwachsenen Reiter außerdem ein Balien-Rennen austragen – ein Zweikampf, bei dem durch einen Balken getrennt, die Kontrahenten zum Ringestechen antreten. Ein beweglicher Galgen ist das nächste Ziel der „Rittersleute“. Der Höhepunkt wird die Furia sein, ein „Kampf“ jeder gegen jeden, der in einem großen Feuerwerk mündet. All das werden die Jung-Reiter nur begleitend erleben. Aber sie sind dennoch ein wichtiger Teil des Festgeschehens. Sie unterhalten die „Zaungäste“.

Die Aufforderung „Down“ bringt Rising Sun – „ich mag den so, weil er seinen eigenen Kopf hat“, schwärmt Franziska – in die „stabile Seitenlage“, bevor er in den Sitz geht: Pferdepo auf dem Boden, die Vorderfüße schnurgerade davor. In einer Dreier-Reihe neben den Ponys Pünktchen und Bonbon sieht das Großpferd einfach besonders „theatralisch“ aus. Der Spanische Schritt dagegen ist ein erhebendes Bild: Weit strecken die Pferde dabei ihre Beine nach vorne, bis sie mit dem Körper fast eine Gerade bilden. Das verdient besondere Ehrbezeugung. „Referenz“ spricht Mailin, und tippt Harmke an den Vorderlauf. Folgsam neigt das Pferd sein Haupt gen Boden. Eine Verneigung des Pferdes – bei den Menschen ist auch diese fast völlig aus der Mode gekommen.

Das 8. Zitadellenfest wird unter dem umfassenden Thema der „Jülicher Hochzeit“ am 18. Juni 2006 in Jülich gefeiert. Mehr über die Veranstaltung und den Programmablauf bietet das Internet unter www.zitadellenfest-juelich.de.


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