10. Preis für Zivilcourage an Ralph Giordano

Streitbarer Demokrat und seine Nachfolger
Von Dorothée Schenk [30.01.2015, 12.02 Uhr]

Alles war besprochen, nur die Feinabstimmung fehlte noch: Ralph Giordano sollte den 10. Preis für Zivilcourage von der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz bekommen. Dann starb im Dezember der streitbare Publizist, der als Überlebender des Nazirterrors seine Lebensaufgabe im Kampf für die Demokratie sah. Posthum fand zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers die Verleihung statt. Die jugendlichen Mitpreisträger machten diesen Abend zu einem würdigen Ereignis.

Postum als 10. Träger des Preises für Zivilcourage geehrt: Ralph Giordano

Postum als 10. Träger des Preises für Zivilcourage geehrt: Ralph Giordano

Mit einem musikalischen "Gelübde" von Max Bruch eröffneten Cellist Igor Byaly Violoncello und Pianistin Sofia Shapiro stimmungsvoll den Abend. Sehr symbolisch, fast wie ein musikalische Versprechen, dass die Überzeugungen eine Ralph Giordanos weiterleben. Vor Augen führte dies die Jülicher Gesellschaft durch ein Video, das ihn in verschiedenen Interviews zeigte. Wer er war – ein „Anwalt der Minderheiten“ der zwar kein „Anti-Muslim-Guru“ oder „Tükenschreck“ sei aber „Wer die Demokratie attakierte, beschädigt oder aufgeben will, der kriegt es mir mit zu un.“ Was ihn ausmachte sei „die Furcht vor dem jederzeit möglichen Gewalttot seit dem 15. Lebensjahr“ und seine letzte Gemütsverfassung formulierte er so: „Dass ich mir eine Welt ohne Giordano nicht vorstellen kann, ist richtig.“

Immer noch ist die Unfassbarkeit in der Stimme zu hören, wenn er darüber spricht, wie urplötzlich sein bester Freund ihm mitteilte, dass er nicht mehr mit ihm spielen werde, weil er Jude sei. „Das war eine Hinrichtung“, sagte der 91-jährige sich erinnernd. Dass Ralph Giordano sein Selbstbewusstsein schließlich doch wiedererlangt hat, war ebenfalls zu hören: „Ohne unbescheiden zu sein, ich habe dazu beigetragen, die Welt bewohnbarer zu machen.“

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Gesicht zeigen gegen Intoleranz und für die Erinnerung: Die Schar der Geehrten der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz

Gesicht zeigen gegen Intoleranz und für die Erinnerung: Die Schar der Geehrten der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz

Dass es auch nach Giordano noch streitbare Menschen mit Zivilcourage gibt, zeigten die zwei Sonderpreise, die von der Jülicher Gesellschaft diesmal an ganz junge Preisträger vergeben wurde. Torben Appuhn erhielt die Auszeichnung für seinen Aufsatz wie die Shoa bis heute Israelis und ihre Identität geprägt hat. Zwar habe er keine Platzierung in den Wettbewerb erreicht, für den er die Untersuchung geschrieben hatte, aber etwas viel wichtigeres, die Erkenntnis, „dass es nicht reicht, Mahnmale zu errichten, sondern, dass nicht vergessen“ werden dürfe.

Stellvertretend für die Jungsozialisten (JuSos) in Jülich und Linnich nahm David Merz den Preis entgegen. Sie wurden für ihr Engagment gegen die National-Sozialisten Jülichs (NSJ) geehrt: Eingeladen hatten die JuSos im Sommer zu einer Info-Veranstaltung gegen rechts, haben die rechten Schmiereien im Stadtgebiet Jülichs katalogisiert und schließlich zu einer Reinigungsaktion aufgerufen. In seiner Dankesrede formulierte David Merz, dass Zivilcourage heißt, „mehr zu tun als juristisch möglich ist oder die juristischen Grenzen möglichst weit auszulegen“.

Eindrucksvoll präsentierte die Realschule Aldenhoven ihren „ausgezeichneten“ Beitrag. Die Schüler hatten sich Gedanken gemacht, was die Menschen wohl angesichts der brennenden Synagoge in Aachen gesagt haben könnten. Verteilt im Publlikum standen die Schüler auf und stellten so die Szenerie nach. Mit ihren Patenbriefen an jüdische Bürger die im Naziterror getötet wurden zum Thema „was wäre, wenn sie heute noch lebten und mit uns reden könnten“,, überzeugten die Aldenhovener Konfirmanden die Jülicher Gesellschaft. „Nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben, sondern in der Zukunft anzukommen“, war das Leitmotiv des Geschichtskurses des Gymnasiums Zitadelle, der an der Youcee-Konferenz in Arnheim teilnahm und einen Filmbeitrag beisteuerte. Die GHS Ruraue erhielt für ihre Mitgestaltung am Festakt zum 9. November und die Gesamtschule Niederzier-Merzenich, inzwischen als "Weltethos-Schulen" ausgezeichnet, für ihr vielfältiges Aufgreifen im Unterricht den Preis für Zivilcourage.


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