Seit zehn Jahren hat die Drogenberatung in Jülich einen festen Sitz

Wenn Gefühle zu intensiv werden
Von Dorothée Schenk [12.10.2005, 15.46 Uhr]

Etwas versteckt hinter Bäumen gelegen ist der Eingang ­ das garantiert Diskretion. 1995 hat die Caritas den Bedarf einer Drogenberatungsstelle in Jülich erkannt und eine Zweigstelle eröffnet. Auch Frau K. hat hier Hilfe gesucht und gefunden. Vor drei Jahren kam die Heroinabhängige in die Ellbachstraße 16 zu Drogenberaterin Marita Grossmann-Metzinger.

Mit Spaß bei der Arbeit: Marita Grossmann-Metzinger und Wilfried Pallenberg sind die Drogenberater der Caritas in Jülich und Düren.

Mit Spaß bei der Arbeit: Marita Grossmann-Metzinger und Wilfried Pallenberg sind die Drogenberater der Caritas in Jülich und Düren.

Nach acht Jahren Leben in der Aachener Punk- und Wohnbesetzer-Szene begann für sie der Weg zurück in ein Leben mit Selbstwertgefühl und Würde. Angekommen ist sie immer noch nicht ganz. Aber das Ziel ist in Sicht. Inzwischen ist die junge Frau verheiratet, hat zwei kleine Kinder und ihr Leben im Griff. “Ich habe bis mittags geschlafen und war bis nachts um 3 Uhr nur damit beschäftigt, Geld für den nächsten Schuss zu beschaffen", schildert K. völlig nüchtern ihre damaligen Lebensumstände. Der Abstand ist inzwischen groß. “Wenn ich heute jemanden von früher in der Stadt treffe, merke ich, dass wir nicht mehr dieselbe Sprache sprechen. Es ist so dumpf.” So war ihr Leben: “Schnorren”, gegen Bares Autoscheiben an der Ampel putzen, Drogen nehmen, schlafen… jeden Tag aufs Neue.

Nach dem frühen Tod des Vaters traf sie die “große Liebe”. Der Mann wurde ihr Verhängnis. Er war “auf Droge” und nahm sie mit in sein Leben auf der Straße. Nach der Trennung schaffte sie den Ausstieg: “Ich war so müde. Meine Mutter hat mich wieder aufgenommen. Sie war einfach nur froh, dass ich von selbst auf den Trichter gekommen bin.” K. wurde eine von 31 Substituierten im Jülicher Land. Verpflichtend zur Aufnahme in das Methadonprogramm ist der Gang zur Drogenberatung in der Ellbachstraße. Diese Psychosoziale Begleitung ist notwendig, denn der Drogenersatzstoff intensiviert die Gefühle. “Methadon macht sensibler. Das ist neu, wenn man früher nie geweint oder Schmerzen gefühlt hat.” Sich in dieser neuen Gefühlswelt zurecht zu finden, dabei half ihr Marita Grossmann-Metzinger. “Wichtig ist, dass sie wieder Vertrauen in die eigenen Gefühle bekommen, das muss ganz neu gelernt werden”, erklärt die Drogenberaterin. Lange hat es gedauert, bis K. Vertrauen zu Grossmann-Metzinger fasste. “Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen”, sagt die sanftmütige Frau mit den freundlichen dunklen Augen und der rosigen Gesichtshaut. “Sie war in massiver Lebensgefahr”, sagt die Drogenberaterin.

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Die Berater vor dem Bild, das eine Süchtige zum Thema „Drogen" gestaltet hat.

Die Berater vor dem Bild, das eine Süchtige zum Thema „Drogen" gestaltet hat.

Ohne Zielvorgabe und Erfolgserwartung geht Grossmann-Metzinger mit ihren Klienten um. “Ich versuche nicht zu werten. Wenn clean-sein der Erfolg ist, hänge ich die Glocken sehr hoch. Man muss die Menschen da lassen können, wo sie sein wollen.” Das gilt auch für Rückfälle, wie auch K. sei erlebte. Vorwürfe helfen da nicht. “Ich habe hier die richtigen Denkanstöße bekommen und verstanden, dass ich nicht mein Leben lang abhängig bleiben muss”, so K. und bekommt das Lob postwendend von Marita Grossmann-Metzinger zurück: “Sie ist ein Sahnehäubchen unter den Klienten. K. hatte noch ihre hohen Werte behalten.” Diese will K. ihrem Nachwuchs vermitteln: “Es ist wichtig, den Kindern Sicherheit und einen starken Charakter zu geben, damit sie ’nein’ sagen können, wie es meine Freundin konnte, die zwar in derselben Clique war wie war, aber nicht süchtig geworden ist.”

Arbeit der Drogenberatung nimmt 2005 zu ­ die Zuschüsse sinken

• Selten greift die erste Therapie. “Wer den Weg aus der Sucht mitgehen möchte, muss es aus ganzem Herzen wollen”, spricht die Jülicher Drogenberaterin Marita Grossmann-Metzinger aus Erfahrung. An der Ellbachstraße 16 finden die Betroffenen den “einzig geschützten Raum, in dem sie über ihre Sucht sprechen können”.

• Im Jahr 2004 haben sich 86 Suchtbetroffene in Jülich beraten lassen – nicht eingerechnet die “Laufkundschaft”, die einmalig die Beratungsstelle aufsucht. 60 Klienten waren Männer, 26 Frauen. Ursache für dieses Zahlenverhältnis ist, dass Frauen mehr unter “stillen Süchten” leiden, die nicht so zum Tragen kommen, wie Wilfried Pallenberg erläutert.

• 40 Substituierte werden in der Jülicher Beratungsstelle betreut, Das ist im Verhältnis zum übrigen Kreis Düren eine hohe Zahl. Auf die ungewöhnlich gute Zusammenarbeit mit den Jülicher Ärzten führen die Drogenberater dies zurück. Zwischen ihnen findet ein reger Austausch statt. Das gilt auch, wenn ein Klient, der Methadon erhält, die Beratungstermine nicht wahrnimmt. “Der Süchtige muss unterschreiben, dass zwischen uns in diesem Fall die Schweigepflicht aufgehoben ist.”

• 12 stationäre Entwöhnungsbehandlungen vermittelte Marita Grossmann-Metzinger, das beinhaltet ein halbes Jahre Entzug und Therapie. Von dem Dutzend haben fünf die Behandlung abgebrochen, sechs sind gar nicht erst angetreten und nur einer hielt durch. “Die meisten Süchtigen brauchen immer mehrere Therapien, weil die Vorschädigungen so groß sind”, so Pallenberg.

• In 18 Fällen fanden ambulante Beratungen statt. 12 Angehörige und Eltern haben 2004 in der Ellbachstraße Hilfe gesucht. “Ich arbeite auch mit Angehörigen, die durch die Sucht des Partners krank geworden sind, die so genannten Co-Abhängigen”, erläutert Marita Grossmann-Metzinger.

• Trotz des steigenden Bedarfs - im ersten Halbjahr 2005 haben bereits 50 Personen Hilfe in Jülich gesucht - sanken die finanziellen Zuschüsse um 4 Prozent. Das bedeutet, dass zwei bis drei Stunden weniger für die Beratung zur Verfügung stehen. Da pro Klient eine Gesprächsstunde kalkuliert wird, entfallen hiernach drei Gespräche. Statt wöchentlicher Termine gibt es jetzt oft nur 14-tägige Sitzungen. “Wir haben versucht, es zu vermeiden, aber auch in Jülich gibt es jetzt eine Warteliste", bedauert Marita Grossmann-Metzinger. In akuten Fällen, springt allerdings das Mutterhaus in Düren ein.

• “Haschisch ist mittlerweile die Volksdrogen. Kiffen ist bei Jugendlichen normal”, so Pallenberg. “Wir finden keinen Zivi mehr, weil keiner mehr eine Haarprobe für einen Drogentest abgeben will.” Vor diesem Hintergrund stehen die 26 Projektwochen, die von der Drogenberatungsstelle an Jülicher Schulen abgehalten worden sind. Zusätzlich sind im vergangenen Jahr 129 Lehrer geschult worden.

• Drogenberatung, Jülich, Ellbachstr. 16, Tel. 02461-53537.


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