Inklusion ist an der Katholischen Grundschule Jülich schon Alltag

Kinder annehmen, wie sie sind
Von Dorothée Schenk [28.06.2014, 14.42 Uhr]

Eigentlich ist erst seit Beginn des Schuljahres 2013/14 das 9. Schulrechtsänderungsgesetz in Kraft, das die Umsetzung der VN-Behindertenrechtskonvention in den Schulen regelt. Für die Klasse 4b der Katholischen Grundschule Jülich (KGS) ist Inklusion schon lange Alltag. Sie „lebt“ sie vom I-Dötzchen an – und merkt es nicht einmal. Denn: Anders-sein ist völlig normal. Zumindest wenn Kinder das Sagen haben. Zwei "inkludierte" Viertklässler entlässt die KGS jetzt in Richtung Gymnasium.

„Das ist etwas, das wir Erwachsenen von den Kindern lernen können: Mit Andersartigkeit und Behinderung unvoreingenommen umzugehen.“ Schulleiterin Diana Prömpers freut sich über die gelungene Klassengemeinschaft an ihrer Schule. Was die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen seit 2006 vereinbart hat und ab kommendem Schuljahr in Nordrhein-Westfalen per Gesetz verpflichtend ist, nämlich die Aufnahme von Kindern mit Behinderungen in Regelschulen, ist an der KGS bereits geübter Alltag. Neun Kinder mit unterschiedlicher Behinderung unterrichtet die Schule bereits jetzt.

Krankenschwester als Selbstverständlichkeit

„Normal“ finden es Jannik und Stefan, dass immer eine Krankenschwester im Unterricht dabei ist. Heute ist es Schwester Kirsten. Durch eine Glasscheibe beobachtet sie vom Nebenzimmer aus Leonie. Eigentlich ist das überflüssig, findet die Zehnjährige, die nach einem Luftröhrenschnitt im Babyalter ein Röhrchen eingesetzt bekam, um den Aus- und Eintritt von Luft aus und in die Lungen zu ermöglichen. Einschränkungen spüren sie und ihre Freunde keine, und ein Notfall ist auch noch nie eingetreten. „Nur am Schwimmunterricht kann ich nicht teilnehmen“, sagt Leonie. „Da verpasst man aber auch nicht so viel“, erklärt Lucas im Brustton der Überzeugung.
Durch seine leichte Form von Ataxie, einer Störung der Bewegungskoordination, fällt Tristan manchmal das Handling mit seiner Schultasche oder das Ein- und Aussteigen in den Bus etwas schwer.

Ein Integrationshelfer je Jahrgang wäre wichtig

Vom ersten Schultag an fand er in seinen Mitschülern völlig selbstverständliche Unterstützung und Helfer, wie die Eltern erfreut feststellten. Die Rücksichtnahme, das aufeinander Achten und füreinander Sorge Tragen sind für Klassenlehrerin Ursula Mohr die messbaren „sozialen Kompetenzen“, die Inklusion für die Gemeinschaft einbringt. Natürlich komme es immer auch auf die Art der Behinderung an. Schwierig ist etwa die Eingliederung von Kindern mit emotional-sozialen Störungen. Nur durch Vorbild lernten diese Kinder richtiges Verhalten, allerdings stießen Pädagogen und Mitschüler im Alltag zuweilen an ihre Grenzen, erzählt Diana Prömpers aus eigenen Erfahrungen.

„Für diese Situation bräuchte man gut ausgebildete Integrationshelfer an den Schulen“ – und zwar systembezogen, also jahrgangsweise und nicht wie in der derzeitigen Praxis kindbezogen. So wie es Liane Mittag für Tristan ist. „Meine Assistentin“, wie er sagt. Vor allem im Unterricht, wenn das viele Schreiben ihm schwer fällt, hilft sie. Als Alternative zum Schulheft steht dem Jungen außerdem ein Laptop zur Verfügung. Auf diese Arbeitsweise muss sich nicht nur der Schüler, sondern auch die Lehrerin einstellen, erläutert Rektorin Prömpers, die 2012 bis 2013 Inklusions-Koordinatorin im Kreis Düren war und hier viele Erfahrungen sammelte: „Wie kann ich meine Klassenarbeit so aufbereiten, dass er sie bewältigen kann. Kann ich eine Variante für ihn finden, wo er, statt eine Text zu schreiben, die Aufgabe durch Ankreuzen lösen kann? Da muss man als Lehrer ein stückweit kreativ sein.“

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Fachgespräch in der Pause (v.r.) zwischen Lehrerin Ursula Mohr, Inklusionsbegleiterin Liane Mittag und Schwester Kirsten

Fachgespräch in der Pause (v.r.) zwischen Lehrerin Ursula Mohr, Inklusionsbegleiterin Liane Mittag und Schwester Kirsten

Probleme liegen oft in der Struktur

In der Klasse von Ursula Mohr ist das kein Problem, betont die Klassenlehrerin. Sie macht sich mehr Sorgen über die schulische Zukunft. Leonie und Tristan werden nach dem Sommer beide das Gymnasium besuchen. Tristan braucht dann beispielsweise einen größeren Bildschirm. Daher wird der Rechner im Klassenraum stehen bleiben müssen. Stetiger Raumwechsel ist da eher ungünstig. „Wir machen in der Grundschule alles möglich. Aber wie wird es an der weiterführenden Schule mit 31 Kindern in der Klasse?“, hinterfragt Pädagogin Mohr. Dabei geht es auch um ganz Praktisches: Wo ist ein Platz für Liane Mittag oder Schwester Kirsten?

Dass die Probleme meist in der Struktur liegen, diese Erfahrungen hat auch Schulleiterin Prömpers gemacht. Ein Irrweg führte die KGS-Chefin durch die Ämterinstanzen bis zur Politik und wieder zurück, als es darum ging, wer die Kosten bei einer Klassenfahrt für die zwei – sich im 24-Stunden-Dienst abwechselnden – Krankenschwestern für Leonie übernähme. Die Krankenkasse bezahlt zwar die Arbeitszeit, wer aber die Übernachtungen? Ein dreiviertel Jahr verging, ehe klar war, dass der Sozialhilfeträger eine falsche Entscheidung getroffen hatte und die Kosten übernehmen musste. Nur eines von vielen Beispielen für Widrigkeiten – die aber an der KGS nicht gescheut werden. „Es geht um das Wohl der Kinder“, sagt Diana Prömpers, und wer sie hört, glaubt ihr sofort.

Glaube ist das Stichwort der Leiterin der Katholischen Grundschule: „Es ist eine Haltung, die man in sich trägt. Bei mir basiert sie sicher ein großes Stück auf meinem Glauben. Es kann nicht sein, dass wir Kinder ausschließen und ablehnen. Es sind alle Kinder Gottes, die so angenommen werden sollten, wie sie sind.“ Klare Worte findet sie auch gegen die Erwartungshaltung von Gesellschaft und auch mancher Eltern: Warum sei die „Kompetenz Bruchrechnen“ gut, und die Fähigkeit einer hohen Empathie, die gerade Kinder mit geistiger Behinderung hätte, werde gering geschätzt? „Sicher ist es auch ein Baustein an unserer Schule, unsere Kinder zur Leistung zu erziehen, denn das Potential, das in den Kindern steckt, möchten wir auch herausholen. Wir haben einen Bildungsauftrag. Parallel dazu haben wir aber auch einen Erziehungsauftrag. Hier ist uns das christliche Miteinander ein wichtiges Anliegen.“ Erst am Anfang des Weges sieht Diana Prömpers sich und ihre Kollegen: „Wenn wir eine Diskussion um Inklusion konsequent weiterführen, ist es auch eine Diskussion über den Sinn unseres dreigliedrigen Schulsystems.“

Beispielhaftes erlebte sie bei einem Studienaufenthalt in Norwegen, wo Inklusion auch schwerst Mehrfachbehinderter selbstverständlich sei. Von Therapie- und Einzelklassenräumen in Regelschulen schwärmt sie, damit Behinderte auch während der Unterrichtszeit wenn nötig eine „Auszeit“ von der Klassengemeinschaft haben können: „Man hat nicht ein ,Ghetto’ gebaut, sondern die Kinder in die Schule geholt. Regelschüler und Kinder mit Unterstützungsbedarf bekommen, was sie brauchen, und können trotzdem miteinander lernen und einander unterstützen.“ Derzeit führen körperbehinderte Schüler bis zu 50 Kilometer zu ihren Förderschulen und würden aus ihrem sozialen Umfeld heraus gerissen. Der Wunsch von Diane Prömpers sind weitreichende Reformen: „Ich fände es einen guten und mutigen Schritt, wir beschulten die Kinder dort, wo sie wohnen.“ In der KGS Jülich ist der Anfang gemacht.


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