Gabriel Bach erhielt in Jülich den Preis für Zivilcourage

Vom Chefankläger zum Versöhner
Von Dorothée Schenk [18.02.2014, 08.15 Uhr]

Ein Preis und sein Preisträger: Gabriel Bach wurde für sein Engagement für Toleranz und Zivilcourage ausgezeichnet.

Ein Preis und sein Preisträger: Gabriel Bach wurde für sein Engagement für Toleranz und Zivilcourage ausgezeichnet.

„Ich bin ein notorischer Optimist.“ Das sagt schmunzelnd ein Mann von sich, der zweimal erfolgreich den Häschern der Nationalsozialisten entging und in Israel als Chefankläger gegen Adolf Eichmann dem personifizierten Verbrechen an seinen jüdischen Mitbrüdern 248 Tage lang gegenüberstand. Gabriel Bach erhielt in Jülich den Preis für Zivilcourage.

Von seinem Glück, immer rechtzeitig mit seiner Familie die Flucht vor den Nazis angetreten zu haben, seinen Schulfreundschaften, die er in Berlin und in Amsterdam schloss, und seiner Leidenschaft für die Fußballer von Schalke 04 erzählte Gabriel Bach. In der vollbesetzten Schlosskapelle der Zitadelle herrschte gebannte Stille als der 86-Jährige im Plauderton, frei und ohne Konzeptpapier als Gedankenstütze seine Zuhörer persönlich ansprach. Es dürfte das erste Mal gewesen sein, dass die rund 70 Jugendlichen, die etwa die Hälfte der Gästeschar zur Preisverleihung ausmachten, dieses Kapitel deutscher Geschichte ohne Zorn, unterschwellige Schuldanwürfe oder Bitterkeit hörten – und dazu von einem Überlebenden der Shoa.

Gabriel Bach ist erstaunlich. Ihm gelingt es, die Greueltaten plastisch verständlich zu machen, dass es seine Gegenüber nicht nur innerlich schüttelt. Wie emotional bei aller Sachlichkeit des Juristen die Verfolgung und geplante Ausrottung seines Volkes ist, wird nur unterschwellig hörbar, wenn er von Begegnungen in Deutschland und überall in Europa spricht, die durch mehr als nur politisches Kalkül und Höflichkeit geprägt gewesen seien: „Ich habe das Gefühl, es besteht die Chance, dass Sachen, die damals passiert sind, nicht mehr vorkommen.“

Hörbar immer noch fassungslos schildert Bach die Begegnung mit Adolf Eichmann, dem erbarmungslosen und fanatischen Judenjäger, der sich selbst über Vereinbarungen Hitlers mit dem ungarischen Staatsoberhaupt Miklós Horth zur Verschonung von rund 8000 Budapester Juden hinwegsetzte.

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Ehrenpräsident Gerd Rehberg brachte dem Preisträger Bach ein echt Schalker Trikot mit.

Ehrenpräsident Gerd Rehberg brachte dem Preisträger Bach ein echt Schalker Trikot mit.

Schon damit habe Eichmann gezeigt, dass er mehr als nur ein Befehlsempfänger gewesen sei. Das tödliche Kalkül von Eichmanns Vorgehen dokumentierte sich außerdem in der Ermordung von 10000 Kindern. Wie Bach erläuterte, habe Eichmann gesagt, es nütze nichts, Erwachsene und alte Menschen zu töten, die Kinder seien es, die die Rasse der Juden wiederbeleben könnten und eine Generation von Rächern hervorbringen könne. Die perfide Irreführung durch „Urlaubskarten“, die Todgeweihte vor ihrem Gang in die Gaskammern ihren Angehörigen schreiben mussten, gehörten ebenfalls zu diesem Kanon.

50 Jahre nach dem Eichmann-Prozess, berichtet Gabriel Bach, steige das Interesse Jahr für Jahr – vor allem in Deutschland. Darum nutzte der 86-Jährige, der eigens aus Jerusalem für die Ehrung der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz e.V. angereist war, um nicht nur zum Festabend zu sprechen, sondern auch drei weitere Vortragsveranstaltungen in Barmen, Niederzier und Aachen anzuknüpfen. Ein Mammutprogramm, das der Botschafter der Versöhnung mit einem Lächeln meisterte.

Eine besondere Geste hatte sic aber die Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz für ihren Preisträger 2014 einfallen lassen: Für den bekennenden Schalke-Fan Gabriel Bach war eigens Ehrenpräsident Gerd Rehberg aus dem Revier an die Rur gereist und brachte natürlich auch symbolische Geschenke mit: Nicht nur ein Trikot verehrte der Schalke-Vertreter dem Ehrengast, sondern zupfte sich kurzerhand auch die Ehrennadel des Vereins vom Revers und heftete sie Gabriel Bach an das Jacket. Das Bach diese Freundlichkeit bescheiden abwehren wollte, ließ Rehberg nicht gelten. Da aller gute Dinge drei sind, hatte Schalkes Ehrenpräsident auch noch einen Fotorahmen im Gepäck, auf dem die Alt-Recken des Vereins als Fotocollage zusammengestellt waren.


Verleihung am Gedenktag der Auschwitz-Befreiung
Den Preis für Zivilcourage vergibt die Jülicher Gesellschaft seit 2006 am Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Neben einem herausgehobenen Preisträger werden stets auch Jugendliche aus dem Altkreis Jülich, die sich als Schüler, Firmanden oder Konfirmanden bei den Gedenkveranstaltungen am 9. November einbringen, geehrt. Rund 100 junge Akteure sind damit Preisträger. In diesem Jahr wurde auch das Jugendparlament Jülich für seine Ausstellung „Integration wie wir S(s)ie sehen“ ausgezeichnet.


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