„Kriegskinder und Kinder der Kriegskinder“

Die eigene Geschichte mit im Kopf
Von Dorothée Schenk [05.03.2014, 07.05 Uhr]

 Sie treten immer einen Schritt zurück und haben nur die Hilfesuchenden im Blick: Die ehrenamtlichen Telefonseelsorger.

Sie treten immer einen Schritt zurück und haben nur die Hilfesuchenden im Blick: Die ehrenamtlichen Telefonseelsorger.

Kriegserfahrungen und Kriegstraumata betreffen alle Generationen. Das ist die Erkenntnis aus einem Workshop, den die ehrenamtlichen Mitarbeiter der TelefonSeelsorge Düren-Heinsberg-Jülich gemeinsam erlebten.

Lange Schatten werfen die Erlebnisse von Bombennächten verbunden mit Gewalt, Angst und allen Kriegsfolgen wie fehlendes Heim und Hunger. Sie gehörten für viele Menschen der Kriegsgeneration zum Alltag. Das ist ihre Geschichte, Vergangenheit. Weit gefehlt, wie Margot Kranz, Leiterin der TelefonSeelsorge Düren-Heinsberg-Jülich, in den letzten Jahren bewusst wahrgenommen hat und den Anlass für das Fortbildungswochenende „Kriegskinder und Kinder der Kriegskinder “ gegeben hat.

Dabei ging es vor allem um die Erlebnisse der Ehrenamtler selbst, die – zwischen 37 bis 87 Jahren alt – die Kriegs- und Nachkriegsgeneration, und die „ihr habt es ja gut gehabt“-Enkelgeneration mit der Gnade der späten Geburt abbilden. Denn die freiwilligen Telefonseelsorger, die sich 365 Tage im Jahre rund um die Uhr den Nöten der Anrufer stellen, haben auch die eigene Geschichte immer im Kopf, wie Hannes erzählt. „Schon in der einjährigen Ausbildung habe ich wahrgenommen, dass das, was man selbst mitbringt, in die Gespräche mit eingeht. Den Erfahrungshintergrund, den man selbst hat, kann man nicht abkoppeln.“ Erst bei dem Wochenende habe er seine Eltern und Großeltern richtig verstehen gelernt. Wie es beispielsweise zur psychischen Erkrankung der Mutter kam, die als Jugendliche auf der Flucht die Verantwortung für ihre kleineren Geschwister übernehmen musste und daran offenbar auch als Erwachsene noch zu tragen hatte. Hannes ist ein gutes Beispiel, wie sich bis ins heutige Glied Kriegstraumata fortsetzen können.

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Das Schlimmste ist das Schweigen. Zeitzeugin Maria, Jahrgang 26 und schon vor dem Wochenende in lebendigem Austausch mit ihrer Familie über ihre Lebensgeschichte, weiß: „Über den Traumata, die damals erlebt wurden, liegt ein Tuch des Schweigens. Die Kinder und Enkelkinder leiden darunter und haben auch ein Gefühl der Verantwortung. Sie empfinden Scham, eine Ungewissheit, da gibt es etwas in der Familie, das nicht ausgesprochen wird.“ Flucht, Vertreibung, Vergewaltigung, das war Teil ihrer ihrer Realität, sagt die Seniorin. „Ich habe mich oft gefragt, warum ich so schlecht schlafen kann“, sinniert Roswitha, Jahrgang 39. „Wenn man als Baby stets aus dem Schlaf gerissen wurde, um in den Luftschutzkeller zu flüchten, das wirkt sich aufs Leben aus.“ Sie hat mit ihrem Mann nach dem Wochenende entschieden, von ihren Lebenserfahrungen den Kindern und Enkeln zu berichten.

Mit Unterstützung eines erfahrenen Referentenduos, der Psychodramaleiterin und Gründerin des Szeneninstituts Agnes Dudler und dem heutige Leiter des Szeneninstituts und Ausbilder für Kinder- und Jugendtherapeuten in Gaza Stefan Flegelskamp, machten sich die Generationen auf den Weg zu einander. Im geschützten Raum war Platz für verborgene Ängste, unterdrückte Scham und in dieser Intimität die Möglichkeit, als Gruppe weiter zusammenzuwachsen. Als wunderbaren Erfolg sehen Ehren- und Hauptamtliche dieses Wochenende an.

Und was nehmen sie in ihre Dienstzeiten als Telefonseelsorger mit? Mit den gewonnenen Erkenntnissen lassen sich Gespräche vor anderem Hintergrund führen. „In meinen 17 Jahren als Telefonseelsorgerin sind nur einmal Kriegserlebnisse zur Sprache gekommen, aber da wird natürlich vieles unterschwellig mitschwingen.“ Dazu kommt, Menschen, die als Asylsuchende oder Kriegsflüchtlinge in Deutschland eine neue Heimat suchen, mit anderem Verständnis zu begegnen. „Ich kann mir ja vorstellen, wie es ist, nichts mehr zu haben und auf die Gnade und Barmherzigkeit anderer angewiesen zu sein“, sagt Roswitha, die als Evakuierte diese Gefühle hautnah erlebt hat. Margot Kranz fasst zusammen: „Es gibt eine klare Verbindung: Die Gespräche werden wieder neu und wach geführt. Und wenn Kriegserlebnisse Menschen nachts beschäftigen und umtreiben, müssen wir unseren eigenen Hintergrund reflektiert haben.“

Ein Prinzip der Telefonseelsorge ist es, dass die ehrenamtlichen Mitarbeiter anonym bleiben. Die Namen sind daher redaktionell geändert worden.

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