Andi Brendts Erstlingsroma „Boarderliners“

An der Grenzlinie die Welle reiten
Von Silvia Jagodzinska [18.02.2013, 18.00 Uhr]

Die Wellen sind seine Leidenschaft.

Die Wellen sind seine Leidenschaft.

„Reisende Menschen sind verbunden, lieben die Begegnung, verstehen sich, und der Austausch ist das wunderbare Geben und Nehmen von Geschichten und, wenn man genauer hinhört, den Gefühlen, die dahinter liegen”. Diese Textpassage stammt aus Andi Brendts lesenswertem Erstlingswerk, dem 361 Seiten langen autobiografischen Reise-Abenteuer-Roman „Boarderlines” . Damit ist eigentlich nicht die Borderline-Persönlichkeitsstörung gemeint. Weil es in dem Buch aber auch um Selbstfindung und „den Umgang mit den modernen Dilemmas unserer Zeit geht, ist die Nähe zum Borderline-Syndrom nicht ganz falsch, allerdings in einer sehr schönen und positiv abenteuerlichen Weise”.

In dem provokanten Titel “Boarderlines”, der aus etwa 30 Alternativen ausgewählt wurde, steckt ein Wortspiel mit mehreren Bedeutungen: Es geht um geografische Grenzen – die hintersten Ecken der Erde werden bereist – aber auch um „die Reise nach Innen, im Kampf mit den Wellen und der Angst und andere Gefühle, wenn wir alles zurücklassen, um unseren Träumen zu folgen”. Ferner bezeichnet der Buchtitel die Linien, die der Surfer in der Welle hinterlässt, aber auch um die geschriebenen Zeilen eines „Boarders” (Brettsportler).

Ein Jahr lang schrieb Brendt, der die Jülicher Promenadenschule besuchte und in Overbach sein Abitur baute, seine Erlebnisse nieder. Ein weiteres halbes Jahr investierte er, um „an den Feinheiten zu schleifen, in kritischer Zusammenarbeit mit Freunden, Textern, Autoren und Wildfremden”, wie der junge Autor es ausdrückt, „eine besondere Note und eigenen Stil“ zu entwickeln. Das Ergebnis ist ein mitreißendes Buch mit großer Erzählkraft, Tiefsinn und einer Prise Humor.

Als Student entschied der damals 22-Jährige, sein Geld flüssig zu machen und aufzubrechen auf eine lange Abenteuer- und Sinnsuche. In den letzten 16 Jahren verbrachte er etwa neun Jahre im Ausland. Nach dem Studium in Köln verdiente er sein Geld mit „allen möglichen, verrückten Nebenjobs” und arbeitete in den Ferien als Wellenreitlehrer, um die Trips zu finanzieren. Ein paar Sommer lang leitete er das größte deutsche Surfcamp, verzichtete dabei auf einen festen Wohnsitz und eine Krankenversicherung. So ließ sich das Reisevagabundenleben ganz gut finanzieren. Er arbeitete „so viel wie möglich“, weil mit seiner Leidenschaft „ein niemals ermüdender Antrieb vorhanden war”. Seine „offenen, liebevollen Eltern” – sein Vater ist der Jülicher Hals-Nasen-Ohrenarzt Dr. Brendt – waren froh über den guten Studienabschluss und „wussten immer, dass ich meinen Weg gehen würde”. Sie berieten ihren Sohn „zurückhaltend und wenig manipulativ”.

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Andi Brendt (l.) mit einem Lama an seiner Seite.

Andi Brendt (l.) mit einem Lama an seiner Seite.

Zurück zum Buch: Auf Bali wird Brendt mit dem Surfvirus, dem „heiligen Sport“ infiziert. Das Wellenreiten wird zu seiner lebensbestimmenden Leidenschaft. „Meine Beine werden müde, aber ich darf dieses Geschenk Gottes nicht verlieren. Niemals. Ich laufe über das Wasser. Immer weiter! Nach einer endlosen Ewigkeit bricht die Welle vor mir zusammen und beendet den Ritt. Jetzt kommt die geballte Ladung Freude hoch. Und die Frage, ob ich vor Begeisterung lachen oder vor Glück weinen soll”. So beschreibt der junge Autor seine Empfindungen im „ultimativen Surfparadies” Chicama im Norden Perus, das „allen himmlischen, noch so hochgesteckten Prophezeiungen gerecht wird”. „El pelo oro” (das goldene Haar) wird Andi dort genannt. Er genießt das Leben in allen Bereichen des Lebens in vollen Zügen und versteht es, diesen Genuss zu beschreiben. Tiefgründige Erkenntnisse werden klar zur Sprache gebracht: „Die drohende Apokalypse des einfallenden internationalen Surftourismus ist Lichtjahre weit entfernt. Noch, denn: Wir zerstören, was wir suchen, indem wir es finden” (Oskar Wilde). Stimmt! Und gut, wenn man vorher hinfährt. Andi (auf Wolke 7)”.

An vielen Stellen des Buches wird philosophiert, etwa über die eigene Vergänglichkeit oder den Kontrast zwischen Arm und Reich: „Auf dem Weg in die Altstadt muss man durch den Dreck, um das Innere betreten zu können. Was ist Lima? Beides, aber heute will ich den alten Charme, den schönen Teil des Lebens, weil mir Armut und Leid zu anstrengend sind. Ein ungerechtes und unschätzbares Privileg der Reichen, weil wir die Wahl haben”. Wie lautet sein Resümée? Andi Brendt drückt es so aus: „Die erste Einsicht ist, recht banal gesprochen, der Weg ist das Ziel und nichts ist so stark wie der Augenblick. Da können Drogen nicht mithalten oder tolle Zukunftspläne. Es geht um das Hier und Jetzt. Ganz am Ende zeigt sich dann die Erkenntnis, dass es egal ist, was wir tun und nur darum geht, wie wir es tun. Ein Zitat gefällt mir: ,Die Freude entspringt nicht den Dingen, sondern Du lässt die Freude in sie hineinfließen….’ In diesem Sinne können wir getrost den ganzen Selbstverwirklichungswahn im Putzschrank lassen. Es spielt keine Rolle, ob abenteuerlicher Surfer und Reiseabenteuer oder Beamter im Schuldienst. Das Leben hält Überall seine Abenteuer für uns bereit. Und letztendlich ist die Reise nach Innen die spannendste Geschichte von allen”. (ptj)

Weitere Informationen sowie eine ausführliche Leseprobe bietet Andi Brendts Internetseite www.boarderlines-buch.de.


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