Nach der Ausbildung: Demenzlotsen-Projekt startet in Jülich

„Nicht verbessern!“
Von Dorothée Schenk [18.06.2012, 15.46 Uhr]

Die neuen Demenzlotsen und ihre Projektbegleiter (v.l.): Dezernentin Katarina Esser, Rita Rohrer, Barbara Teschers-Lafos und Marlies Leenen; (stehend) Projektleiter Christoph Tober, Doris Merz  und Elisabeth Hoven. Auf dem Foto fehlt Monika Pinell

Die neuen Demenzlotsen und ihre Projektbegleiter (v.l.): Dezernentin Katarina Esser, Rita Rohrer, Barbara Teschers-Lafos und Marlies Leenen; (stehend) Projektleiter Christoph Tober, Doris Merz und Elisabeth Hoven. Auf dem Foto fehlt Monika Pinell

Die Motivationen sind ganz verschieden: Persönliche Betroffenheit, der Wunsch, in mehr oder weniger freier Zeit Sinnvolles zu tun, Informationsdefizite. Sechs Frauen in Jülich ließen sich in 60 Stunden zu Demenzlotsinnen ausbilden.

„Mein Mann hat mir einen Heiratsantrag gemacht“, erzählt Elisabeth Hoven. Die Seniorin der Runde lächelt etwas wehmütig. Was ein großer Liebesbeweis ist, ist in diesem Fall auch Resultat des Vergessens, der Demenz. „Wir haben gelernt: Nur nicht verbessern!“, erinnert Barbara Teschers-Lafos und auch daran, wie schwer genau das „Sein lassen“, das Hinnehmen der Verwirrtheit für die Betroffenen ist.

Sprachlosigkeit ist eine weitere Ausprägung der Demenz. Rita Rohrer hatte ein Erlebnis mit einer Frau, die den ganzen Nachmittag nicht sprach bis zum Zeitpunkt der Verabschiedung. Da nahm sie ihre Hand, strich längs durch das Gesicht von Rita Rohren uns sagte: „Du hast ein nettes Gesicht.“ Das Strahlen der Demenzlotsin spricht Bände. Betreuung ist nicht nur eine Geben.

Nachdenklich, aber lächelnd kramen die frisch Zertifizierten in ihren Erinnerungen der vergangenen Monate. „Ich würde mich nicht trauen, mit dem, was ich hier gelernt habe, auf Menschen loszugehen“, resümiert Doris Merz für sich, die Erkenntnis, wie viel sie gelernt hat, aber wie viel sie immer noch nicht weiß. Doris Merz hat aus Wissensdurst und Informationsnotstand die Fortbildung angetreten. Ihr Vater ist von Demenz betroffen, und die Familie unterstützt die Mutter bei der Pflege.

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Aus der Hand von Dezernentin Katarina Esser (r) erhielt jede Lotsin ihr Zertifikat, hier Barbara Teschers-Lafos.

Aus der Hand von Dezernentin Katarina Esser (r) erhielt jede Lotsin ihr Zertifikat, hier Barbara Teschers-Lafos.

Außer den praktischen Erfahrungen in der Caritas Tagespflegestation St. Hildegard standen praktische Informationen zu Versicherung und gesetzlichen Vorgaben auf dem 60-stündi- gen Arbeitsplan. Die Frauen lernten ihr eigenes Zeitmanagement, und die Gewichtung der Prioritäten zu hinterfragen. Vermittelt wurde auch, wie viele unterschiedliche Ausprägungen von Demenz es gibt. Denn was der Gemeinbürger landläufig unter dem Verlust der geistigen Funktionen wie Denken, Erinnern, Orientie- rung und Verknüpfen von Denkinhalten verbindet, der den Menschen daran hindert, seinen Alltag selbständig zu meistern, ist in Wahrheit ein sehr differenziertes Krankheitsbild.

Die Forschung geht derzeit von 1,3 Millionen Demenzkranken aus. Die Zahl soll sich in den kommenden drei Jahrzehnten verdoppeln.

Diesen Perspektiven hat sich die Stadt Jülich gestellt. Am Anfang war eine Idee und die ist ausgezeichnet: Die Stadt Jülich gewann mit ihrem Konzept „Demenzlotsen“ den Wettbewerb „Bürger. Leben. Kommune“ 2011. Nicht die persönliche Begleitung von Demenzkranken steht im Mittelpunkt, sondern Menschen zu personifizierten „Wegweisern“ durch das Labyrinth der Ansprechpartner, Gesetzeslandschaft und lebensprak- tischen Unwägbarkeiten für Angehörige fortzubilden. Schnell fand die Stadt in den Kirchen Kooperationspartner und startete im Herbst die Umsetzung. Rita Rohrer, Barbara Teschers-Lafos und Marlies Leenen machen weiter. Sie werden ab 26. Juli immer donnerstags von 16.30 bis 18 Uhr an der „Demenz-Hotline“ unter der Nummer 02461/63237 sitzen.


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