Interview mit Lutz Görner zu "Franz Liszt für alle"

"Einen Menschen wie Liszt kannte ich bisher noch nicht"
Von Stefan Sell [22.02.2012, 13.22 Uhr]

Den 200. Geburtstag des Jahrhundertgenies Liszt feiern Wortinterpret Görner und Pianistin Elena Nesterenko am 24. Februart um 19.30 Uhr mit Rezitation, Gesang, Musik, Klang und Lichtkunst im PZ des Gymnasiums Zitadelle Jülich . Im Vorfeld sprach Stefan Sell mit Lutz Görner über sein Projekt: „Franz Liszt für alle - Sein Leben - Seine Musik - Ein etwas anderer Klavierabend."

Lutz Görner auf Tuchfühling mit Franz Liszt. Foto: Schenk

Lutz Görner auf Tuchfühling mit Franz Liszt. Foto: Schenk

200 Jahre Liszt - eine große Deutschlandtournee - heißt das, auf den Zug der Feierlichkeiten zu Ehren des berühmtesten Klaviervirtuosen aller Zeiten aufzuspringen? Was hatte Liszt, das andere nicht haben?

Ja, natürlich springe ich auf den Zug auf. Es ist immer günstig, wenn man Menschen erreichen will, Programme zu dem Zeitpunkt herauszubringen, wo über den Künstler geredet wird. Die Frage ist, wie lange so eine Tournee geht, auch ohne das Jubiläum. Bei meinem Programm „Goethe für alle“ wurden daraus zehn Jahre. Zur zweiten Frage: Liszt hatte ganz viel von dem, was andere nicht haben.


Du hast es geschafft, die Leute mit Lyrik zu begeistern, deine Vorstellungen von „Goethe für alle“ waren in deinem Reziteater in Köln mit 700 Plätzen über Jahre ausverkauft, du hast in ganz Europa und den USA deutsche Lyrik vorgetragen. Es ist dir als einzigem gelungen, Lyrik jeden Sonntag 17 Jahre lang im Fernsehen zu präsentieren und damit ein großes Publikum zu erreichen. Was bringt einen so erfolgreichen Rezitator auf die Idee, sich an Musik zu wagen, einen dreistündigen Abend einem Komponisten zu widmen, der vermutlich kaum ein Gedicht geschrieben hat? Was kann das Publikum erwarten?

Er hat ein kleines Gedicht geschrieben - aber nur eins: „Ich bin wie der Frosch im Glas:/Ich kraxle auf der Leiter/Und komme doch nicht weiter.“ Er hat es für Bettina von Arnim geschrieben, die ihn aufgefordert hat, es doch als Dichter auch einmal zu versuchen. Ich wollte irgendwann ein Mozart-Programm machen, was aber keine Abnehmer gefunden hat. Zehn Jahre später habe ich dann, nachdem ich mich drei Jahre mit Mozart beschäftigt hatte, eine Fünfer-CD-Box, auf der ich sein Leben erzähle, herausgebracht, die für den klassischen Bereich ein riesiger Erfolg war, es wurden über 12 000 Stück verkauft und gerade ist schon wieder eine neue Auflage erschienen. Da habe ich Spaß bekommen, mich mehr mit Musik zu beschäftigen. Ich wurde durch diese Arbeit dazu gezwungen, mir 150 Mozart-CDs anzuhören und lernte auf diese Weise diesen Wundermann kennen. Daraufhin habe ich eine Doppel-CD mit dem Leben Johann Sebastian Bachs gemacht, eine Dreifach-CD mit Joseph Haydn, der bei mir kein „Papa“ ist, sondern ein vorweggenommener, lustvoller, spaßiger Popkünstler. Zudem habe ich eine CD „Musik für Kinder“ produziert und schließlich, nicht zuletzt, weil ich auch in Weimar wohne: Liszt. Da kam mir die Idee, dies nicht nur mit CDs zu tun, sondern ein Bühnenprogramm daraus zu machen. Seit drei Jahren arbeite ich jetzt an dieser Idee, Ende August erscheint mein Buch „Franz Liszt – Ein Leben in Zitaten“ und fünf CDs mit der russischen Pianistin Elena Nesterenko. Der Klavierabend, den Liszt 1840 in Rom erfunden hat, und den dann alle anderen Pianisten so übernommen haben, diesen lisztschen Klavierabend versuche ich neu zu erfinden, ihn in eine heutige Form zu bringen. Von Mitte September bis Mitte März 2012 wird er über fünfzig Mal auf deutschen Bühnen zu erleben sein.

Was ist also mit dem Versprechen „Liszt für alle - ein etwas anderer Klavierabend“ gemeint? Was machst du anders?

Liszt soll „für alle“ sein, das heißt, nicht nur für Klassikfreunde, oder diejenigen, die normalerweise zu Klavierabenden hingehen, sondern eben für alle. In diesem etwas anderem Klavierabend passieren Dinge, die normalerweise in einem Klavierabend nicht passieren. Es wird nur ein einziger Komponist vorgestellt, keine Mischung von mehreren Komponisten, sondern nur Liszt, dessen Leben erzählt wird. Es gibt ein Bühnenbild, vor dem das Ganze stattfindet. Es gibt eine Leinwand, auf der das Spiel der Pianistin verfolgt werden kann, so dass das Publikum sowohl einen akustischen als auch einen optischen Eindruck bekommt und zudem den Komponisten, der diese Musik komponiert hat, mit Worten kennen lernt.

Als jemand, der auch heute noch vor hunderten von Menschen ohne jede technische Unterstützung spricht, gehörst du einer aussterbenden Spezies an und doch arbeitest du live nun sogar mit Videoprojektion auf der Bühne.
Läuft deine Inszenierung dadurch nicht Gefahr, elektronisch überfrachtet zu sein oder kann sie im klassische Sinne kammermusikalisch bleiben?


Einen klassischen Sinn gibt es für mich nicht. Ich finde, eine Aussage wie „das war immer schon so“ darf nicht mehr für die Klassik gelten. Was wir Klassik nennen, die alte Musik, die von nicht mehr Lebenden komponiert worden ist, muss so präsentiert werden, dass es zeitgemäß ist. Wir leben immer mehr in einem visuellen Zeitalter, wir sehen fern, schauen auf Computerbildschirme, sitzen in Multiplexkinos und werden immer visueller. Wir würden etwas verschenken, wenn wir das Visuelle nicht nutzen würden für eine Kunst, die wir lieben und die andere ebenfalls lieben sollen. Liszt wollte das Visuelle ja auch. Er wollte die Dante-Sinfonie mit Bildern unterlegen und der Maler Buonaventura Genelli, der in Weimar eine zeitlang bei ihm auf der Altenburg gelebt hat, sollte diese Bilder gestalten. Er hatte auch schon angefangen, aber das Unternehmen scheiterte an den enormen Kosten. Überhaupt basiert die ganze Musik Liszts auf Dichtung, auf Malerei. Deshalb heißen seine Sinfonien auch „Sinfonische Dichtungen“. Auf diese Weise hat er den Kunstbegriff der Musik erweitert. Der Kunstbegriff des Klavierabends, wenn man es so nennen will, den erweitern wir. Wir geben einen Klavierabend, der nicht in der traditionellen Form abläuft, um neues Publikum zu gewinnen.

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Mit Elena Nesterenko am Klavier gestaltet Lutz Görner den "etwas anderen Klavierabend". Foto: Schenk

Mit Elena Nesterenko am Klavier gestaltet Lutz Görner den "etwas anderen Klavierabend". Foto: Schenk

Die Pianistin Elena Nesterenko begleitet dich dabei. Den Namen hat man bisher kaum gehört, doch wenn man sie spielen hört, ihre Biografie kennt, klingt ihre Zusammenarbeit mit dir sehr viel versprechend. Wie bist du auf sie gekommen - eine Neuentdeckung?

Ich habe vor zehn Jahren im Pianohaus Metz in Regensburg mit einem Pianisten Musik von E.T.A. Hoffmann aufgenommen, und Herr Metz hat mir eine CD von seiner Freundin geschenkt. Ich habe sie mir angehört und fand sie gelungen. Auf der Suche nach einer passenden Pianistin für dieses Projekt stand ich eines Tages vor meinem CD-Schrank und habe hundert und aberhunderte CDs herausgezogen, in der Hoffnung, dass ich diese eine wieder finde, hatte Glück und habe gleich in Regensburg angerufen. Sie wohnte noch dort und war mittlerweile mit Herrn Metz verheiratet. Sie war dreieinhalb Jahren zuvor Mutter geworden, hatte sich aus dem Konzertbetrieb verabschiedet und kümmerte sich um ihr eigenes Festival im Regensburger Raum. Dann habe ich sie mit Maximilian Schell in Graz gesehen, wo er Beethovens Texte vortrug und sie Beethovens Musik spielte. Sie war fantastisch und ich habe sie gefragt, ob sie Interesse hätte, bei meinem Projekt dabei zu sein. Nebenbei gesagt, Alfred Brendel findet, dass sie eine ernstzunehmende Künstlerin ist.

Der Einfluss des Komponisten Liszt auf Wagner, Schönberg und viele andere wird bis heute nur marginal gewürdigt. Liszt gilt als das klassische Wunderkind, der unschlagbare Virtuose, der Inbegriff des Megastars, doch seine unglaublich vielfältigen, ja modernen Kompositionen, die seiner Zeit in ihrer Vielfalt und ihrem Avantgardismus so weit voraus waren, sind den breiten Publikum kaum bekannt.
War Liszt ein Erneuerer, ein ebenso begnadeter Komponist wie Interpret?


Ich glaube, er war als Interpret begnadet und als Komponist mindestens genauso, obwohl man das eigentlich nicht vergleichen kann. Er hat als Interpret acht Jahre lang konzertiert, hat in diesen acht Jahren nach unserem Kaufwert ungefähr 100 Millionen Euro verdient und davon 60 Millionen für alle möglichen guten Zwecke gespendet. Als Komponist hat er mit neun Jahren quasi bei Beethoven angefangen, sein Lehrer Czerny war Schüler Beethovens. Beethoven selbst hat Liszt als kleinem Jungen auf die Stirn geküsst. Gemündet ist sein Werk in der Atonalität Arnold Schönbergs. Als Komponist hat er selber eine gigantische musikalische Entwicklung gemacht, und eine solche bei anderen angestoßen. Er hat ja nicht nur die Atonalität in die Musik eingeführt, er hat den Impressionismus eingeführt und auch das Wort „Impressionismus“ in die Musik eingeführt, er hat die nationale Musik eingeführt, die dann Grieg und Smetana weitergeführt haben, er hat die Kirchenmusik erneuert, von der dann Saint-Saëns profitiert hat, er hat Wagners Opern aufgeführt, er hat in den knapp zwölf Jahren seiner Zeit als Kapellmeister in Weimar 44 Opern dirigiert. 25 davon waren zeitgenössische Opern. Sein Motto war immer: „Die Lebenden zuerst.“ Liszt hat selber gesagt, er wollte immer „seinen Wurfspeer in die Zukunft schleudern“. Das war sein Ding. Dieser Mann war einfach immer vorne weg, ein Jahrhundertgenie.

Liszts Verbindungen unterschiedlicher Stilmittel sind heute einem Crossover vergleichbar, seine Transkriptionen ähneln der Kunst einer Coverversion in der Popmusik. Liszt spielte fremde Kompositionen und blieb dennoch als Liszt erkennbar. Was war seine Besonderheit, worin lag sein Können, woher holte er seine Inspirationen?

Tja, die einen sagten aus dem Alkohol, die andern sagten aus seiner unglaublichen Meisterschaft. Ich meine, wenn man Komponist ist, und gar nicht richtig Klavier spielen kann, dann komponiert man natürlich Klavierstücke, die man selber spielen kann. Wenn man so spielen kann wie Liszt, dann fällt jede Beschränkung weg. Er hat es ja sogar so weit getrieben, am Anfang nur Stücke zu komponieren, die kein anderer spielen konnte. Wenn irgendwo in Europa ein Stück von Liszt erklang, konnte er sicher sein, dass da einer seiner mehr als 300 Schüler, die er kostenlos unterrichtet hat, spielte. Man musste diese Fingerakrobatik von Liszt beigebracht bekommen, um sie zu bewältigen. Es gibt auch heute noch nicht so viele Pianisten, die alle Liszt-Stücke spielen können.


Das Vorhaben klingt sehr viel versprechend. Wird dein Liszt wirklich für alle sein?

Ich gehe mal davon aus. Natürlich ist nie irgendetwas für alle. Hilmar Hoffmann hat irgendwann diesen Begriff „Kultur für alle“ geprägt. Ich habe als Rezitator zwei Dichter „für alle“ benannt: „Goethe für alle“ und „Droste für alle“, meine Fernsehserie heißt „Lyrik für alle“ und jetzt: „Liszt für alle“. Das sind aber auch meine Heroen. Goethe, Droste, die Lyrik überhaupt und Liszt. Ich habe in meinem Leben etwa 250 Dichterbiographien durchgearbeitet und auf diese Weise viele Menschen kennen gelernt, aber einen in jeder Hinsicht so wunderbaren wie Liszt kannte ich bisher noch nicht.

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Bitte beachten: Der Veranstaltungsort hat sich geändert: Bedingt durch die Baustelle am Schulzentrum Jülich sind technische Schwierigkeiten aufgetreten, die eine Verlegung der Veranstaltung in das PZ des Gymnasiums Zitadelle nötig machen. Die Karten behalten selbstverständlich ihre Gültigkeit.

Die Karten kosten 24 Euro ggf. zuzüglich Vorverkaufsgebühr, an der Abendkasse 28 Euro. Reservierungen sind weiterhin möglich unter www.lutzgoerner.de.

zur Karte und Wegbeschreibung


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