Positionspapier der Landeselternschaft (LEK) NRW
Thema „G8 und die Folgen“
Von LEK [28.02.2010, 20.32 Uhr]
Sehr geehrte Frau Ministerin Sommer,
die vielen Rückfragen besorgter Eltern zur Schulzeitverkürzung und die anhaltende Diskussion um G8 haben uns veranlasst, im Rahmen unserer Mitgliederversammlung einen Workshop zum Thema „G8 und die Folgen“ unseren Mitgliedern und interessierten Elternvertretern der LEK anzubieten. Frau Ministerialrätin Marietrud Schreven war so freundlich, uns aus Sicht des MSW über die Entwicklung von G8 von seinen Anfängen bis hin zur tatsächlichen Umsetzung in der Praxis zu berichten.
Das Impulsreferat von Frau Schreven konnte leider nicht alle offenen Fragen zur Schulzeitverkürzung beantworten. Alle Teilnehmer hatten auch nach den Ausführungen von Frau Schreven noch den Eindruck, dass die Einführung von G8 vor 4 Jahren organisatorisch und inhaltlich nicht ausreichend vorbereitet war und nach wie vor nicht alle Unzulänglichkeiten in diesen Bereichen beseitigt sind. In dieser übereilten Einführung und der daraus resultierenden vermeidbaren zusätzlichen Belastung im Schulalltag von Schülern und Lehrern sehen wir den Grund für die Tendenz zu großflächiger Ablehnung von G8 durch die an Schule Beteiligten. Die Proteste der Schülerinnen und Schüler der letzten Wochen belegen deren Unsicherheit und Unzufriedenheit. Kinder, Lehrerkollegien und Eltern fühlen sich durch die überhastete Einführung neuer Konzepte überrollt, überfordert und alleingelassen und diese Sorge teilen wir.
Aus der Diskussion im Anschluss an Frau Schrevens Vortrag ergaben sich eine Reihe von
Fragen und Forderungen, die wir Ihnen mit diesem Positionspapier übermitteln möchten.
Aus Sicht der von uns vertretenen Eltern in den Stadt-, Kreis- und Gemeindeschulpflegschaften wurden Eltern von Ihnen oder den Schulen ihrer Kinder häufig nicht oder nur ungenügend über die inhaltliche und strukturelle Ausgestaltung von G8 aufgeklärt. Fehlende Transparenz, Information oder Schulung der Schulleitungen und Lehrerkollegien vor Ort bedingt dieses Informationsdefizit. Eine Veränderung dieser Größenordnung kann nur gelingen, wenn Eltern in diese Veränderungsprozesse mit eingebunden werden. Es darf und kann nicht sein, das aufgrund der ungleichen
Informationsverteilung das Gelingen der Schulzeitverkürzung sich auf Schulen reduziert, die vom überdurchschnittlichen Engagement der Schulleitungen und Lehrerkollegien sowie deren Informations- und Kommunikationskultur mit den Eltern geprägt sind. Die Erfahrung zeigt, dass gerade diese Schulen trotz vieler Defizite in der Infrastruktur gut mit der Schulzeitverkürzung umgehen und dort eine große Akzeptanz erreicht wird. Wir sind auf dem besten Wege eine Mehrklassengesellschaft innerhalb der Schulform Gymnasium zu generieren, eine Entwicklung, der Sie durch eine gezielte in die Breite gehende Informationspolitik begegnen müssen, die allerdings über das bloße Verteilen einer Informationsbroschüre (die vielerorts in nur einfacher Auflage an den Grundschulen auslag) hinausgehen muss. Wir erwarten von Ihnen eine nachhaltige und alle Schulen erreichende Informationspolitik, eine Evaluation der Schulzeitverkürzung und Darstellung der Ergebnisse.
Allein neue Gesetze, Verordnungen und Erlasse führen nicht zu einer pädagogisch sinnvollen Arbeit in den Schulen. Ziele müssen durchdacht vorbereitet und die praktische Umsetzung ausreichend geplant sein. Den Schulen muss auch genügend Zeit gegeben werden, die Ausführung vorzubereiten. Genau dieses wurde für G8 nicht umgesetzt.
Exemplarisch wird dies an der Einführung und Umsetzung der Kernlernpläne an den Schulen deutlich. Viele Schulen haben trotz der bereits vierjährigen Erfahrung mit G8 die schulinternen Curricula noch nicht den neuen Kernlehrplänen und Methodenansätzen in allen Fächern angepasst. Noch bilden ganze Lehrerkollegien die Inhalte der Sekundarstufe I im G9 auf die reduzierte Stundenzahl im G8 ab. Sie überlassen es dem einzelnen Lehrenden, den Lehrstoff zu komprimieren und verzichtbare Lerninhalte zu erkennen, eine Aufgabe, der sich viele Lehrerinnen und Lehrer nicht gewachsen fühlen. Die Stofffülle ist nicht zu vermitteln und kann auch in Hausaufgaben nicht vertieft werden. Viele Kinder können nur über Nachhilfeangebote den Leistungsanforderungen der Schule gerecht werden. Eine Entwicklung, die auch Ihrem eigenen Anspruch auf Bildungsgerechtigkeit im höchsten Maße zuwider läuft.
Nachdem nun endlich die verbindliche APO-GOSt für die neue Oberstufe veröffentlicht wurde, ist ein Gesamtkonzept der Lerninhalte und –ziele der gymnasialen Schullaufbahn im Hinblick auf die veränderten Prüfungsinhalte erforderlich. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie von Schulen konsequent unter Einbeziehung der Anforderungen in der Sek I und Sek II die Ausarbeitung der schulinternen Curricula und die jahrgangs-und fächerübergreifende Zusammenarbeit der Lehrerkollegien einfordern und dies über die Schulaufsicht begleiten. Der zweite Schwerpunkt der Diskussion unter den Mitgliedern der LEK im Zusammenhang mit G8 ist die Ausweitung des Unterrichts in den Nachmittag hinein. Nach Meinung vieler Eltern ist der ‚gefühlte‘ Ganztag zu undifferenziert ausgeprägt und vorbereitet worden. Zwar hat die Landesregierung mit den Ganztagsprogrammen einen ersten Schritt unternommen, der von der Mehrheit unserer Delegierten als Schritt in die richtige Richtung angesehen wird. Aber dieser Schritt kam spät und ist erst an wenigen Schulen im Land umgesetzt.
Mit Ihrer Minimalpolitik überlassen Sie jedoch diesen innovativen Strukturwandel im Nordrhein-Westfälischen Bildungssystem wieder vereinzelten Schulleitungen und deren Engagement. Dies führt zu einem Zweiklassen-Bildungssystem in den Gymnasien in NRW. An den Gesamtschulen in NRW wird seit vielen Jahren der Ganztag erfolgreich praktiziert. Warum schließen Sie die Mehrheit der Gymnasien von diesem Angebot aus? Erhöhen Sie die Schulpauschale und geben Sie den Kommunen damit die Möglichkeit, die räumliche Infrastruktur an allen Gymnasien langfristig dem Ganztag anzupassen. Mensen und Kantinen sind ein erster Schritt. Hier ist allerdings Nachhaltigkeit gefordert. G8 und die damit verbundene hohe Wochenstundenzahl in allen Jahrgängen der Sekundarstufe I und Sek II bedingen die Ausweitung des Unterrichts in den Nachmittag hinein. Verfolgen Sie endlich konsequent den Strukturwandel hin zur Ganztagsschule in der Sek I auch am Gymnasium und statten Sie alle Schulen mit den erforderlichen finanziellen und personellen Mitteln aus, die ‚gute Schule‘ und ‚guter Unterricht‘ erfordern. Bleiben Sie nicht auf halbem Wege stehen.
Geben Sie in der jetzigen Situation den Schulen nach den guten Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Eigenverantwortliche Schule“ mehr Gestaltungsspielräume, um ihre Angebote im Sinne des Schulprogramms, Schulprofils und in Zusammenarbeit mit lokalen Bildungsanbietern zu entwickeln. Geben Sie Schulen die Möglichkeit zu einer flexibleren Gestaltung der Förderstunden und unterstützen Sie die kreative Rhythmisierung des Schultages.
Es gibt in NRW viele gute Beispiele, wie G8 funktionieren kann. Initiieren, fördern und fordern Sie die Kultur des Voneinander-Lernens der Schulen unter dem Motto: „Wir gemeinsam für eine gute Schule in NRW“.
Als Zusammenschluss der Gemeinde-, Stadt-und Kreisschulpflegschaften vertritt die LEK als einziger Landesverband in NRW alle Schulformen gleichermaßen. Wir haben neben den Auswirkungen der Schulzeitverkürzung auf die Schülerinnen und Schüler der Gymnasien auch ihre Wechselwirkung mit anderen Schulformen im Blick. Aus diesem Blickwinkel heraus sind wir der Meinung, dass die „erhöhte Durchlässigkeit im System“ so nicht nur nicht funktioniert, sondern genau das Gegenteil erreicht wird. Die Anforderungen an die zweite Fremdsprache werden für viele Haupt-und Realschüler zum unüberwindlichen Hindernis beim Wechsel zum Gymnasium. Gerade Eltern dieser Schulformen sehen sich mit ihren Kindern als Verlierer der Schulzeitverkürzung. Offen sind darüber hinaus Fragen zum Schullaufbahnwechsel zwischen Gymnasium und Berufskolleg und nach den Bildungsabschlüssen der Sek I.
Die interne Diskussion in der LEK hat ebenso wie die öffentliche Auseinandersetzung um G8 viele Fragen offen gelassen. Wir bitten Sie zu folgenden konkreten Fragen in Ihrem Antwortschreiben Stellung zu beziehen:
• Ist eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an Gymnasien zu ermöglichen?
• In wie weit wird das Thema G8 an Gymnasien durch das MSW evaluiert?
• Wie sind die Erfahrungen der Schulen, die optional die Schulzeitverkürzung vorgezogen haben? Unterscheidet sich der Lernstand der Oberstufenschüler in der Jgst. 10 von dem der Schülerinnen und Schüler in der parallelen Jgst. 11?
• Wird ein Abgleich mit den Erfahrungen anderer Bundesländer gemacht? Kann NRW aus deren Erfahrungen lernen? Welche Erkenntnisse gibt es? Kann man den Prozess vergleichen?
• Welche Entwicklung im Bezug auf „Abschulung“ oder SchulabbrecherInnen gibt es? Liegen der Landesregierung hier Zahlen vor?
• Wie sieht integrativer Unterricht (GU) unter G8 aus? Hat man sich darauf eingestellt? Wie sieht die Quote aus?
• Wird der gebundene Ganztag im Gymnasium flächendeckend ausgebaut?
• Kann das Essensausgabe-Personal an Gymnasien aus den Mitteln des ‚Geld statt Stelle‘-Programms finanziert werden? Wird das Mittagessen in der Sek I in Zukunft bezuschusst (vergleichbar den Mensen an den Universitäten)?
• Welche Rolle werden die Vertiefungsfächer in der neuen Oberstufe spielen? Können diese Stunden für schulspezifische Angebote (z.B. AG‘s) genutzt werden?
Über diese Fragen und die dargestellten Aspekte hinaus fordern die Elternvertreter der in der Landeselternkonferenz zusammengeschlossenen Gemeinde-, Stadt- und Kreisschulpflegschaften im Zusammenhang mit G8 perspektivisch:
• Eine Evaluation von G8 durch das MSW unter Einbeziehung aller an Schule Beteiligten mit einer transparenten Rückmeldekultur an LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen.
• Den Ausbau des Gesamtschulangebotes, um den Eltern eine Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 zu eröffnen.
• Eine ergebnisoffene Diskussion über die notwendige Gesamtwochenstundenzahl sowie für den Fall einer Beibehaltung der Zahl ein klares Bekenntnis zum gebundenen Ganztag für das Gymnasium.
• Mehr Eigenverantwortung der Schulen.
• Verbindliche Information der Schulen:
o welches die unverzichtbaren Kerncurricula sind und auf welche Inhalte fakultativ verzichtet werden kann,
o eine Klarstellung, dass die schulinternen Curricula anzupassen sind.
• Bessere Weiterbildung der LehrerInnen und damit verbunden intensivere Betreuung der Schulen.
• Die Verpflichtung der Schulen zum Meinungs- und Erfahrungsaustausch.
• Stärkung der Kooperation und Vernetzung zwischen Grund- und weiterführenden Schulen.
Die Darlegung der derzeitigen G8-Bedingungen verdeutlicht, warum Eltern von einem „Turbo-Abi“ sprechen und die Umsetzung zum Wohl ihrer Kinder ablehnen, bzw. für eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 plädieren. Ihnen, Frau Ministerin, ist aus ihrer eigenen praktischen Erfahrung sicherlich noch sehr präsent: Kinder brauchen Verlässlichkeit, Unterstützung und Begleitung von Eltern und Lehrern. Schulerfolg -und das wissen wir nicht erst seit den Bildungsumfragen der letzten Jahre -ist entscheidend vom positiven Lernklima abhängig. Die Transparenz der Entwicklungsprozesse für alle Beteiligten ist ein Faktor dafür. Wir appellieren an Sie, Frau Ministerin, die Anliegen der Eltern ernst zu nehmen und in Ihrer politischen Arbeit zu berücksichtigen. Dann kann G8 in NRW zum Erfolgsmodell für unsere Kinder und ihre Zukunft werden.
Die LEK ist bereit, hierzu einen aktiven Betrag zu leisten.
Mit freundlichen Grüßen
Gez. Eberhard Kwiatkowski
Vorsitzender
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