Vortrag von Dr. Matthias Burchardt "Wa(h)re Bildung"

Düren: Von Classroom-Management und Humanressourcen
Von Dorothée Schenk [17.03.2010, 17.57 Uhr]

Heftig ins Gericht ging Dr. Matthias Burchardt, Dozent an der Universität zu Köln, mit der aktuellen Bildungspolitik. Sein Vortrag „Wa(h)re Bildung – Was ist uns wirkliche Bildung wert?“, verfolgte die These, dass vor allem Wirtschaftsinteressen die zwischenmenschliche wie bildungsperspektivische Kultur bestimmen. Zu dem Vortrag in Düren eingeladen hatte die Evangelische Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Jülich.

Bildung als stetiger Wettlkampf widerspricht nach Dr. Burchardt dem Wesen des Lernens als Wert an sich.

Bildung als stetiger Wettlkampf widerspricht nach Dr. Burchardt dem Wesen des Lernens als Wert an sich.

Das Szenario lässt Bilder von Orwellschem Ausmaß aufkommen: Der Großkonzern Bertelsmann diktiert die Bildungsgesetze in die Feder der Politiker; die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) kauft Plätze von Diskussionsteilnehmern, die in der Talkrunde bei Sabine Christiansen ihre Themen platzieren, und in der Seifenoper „Verbotene Liebe“ mit dem Zielpublikum junge Erwachsene ab 14 Jahren aufwärts Dialogzeiten; die Evangelische Kirche holt sich als Krisenberater die Unternehmensberatung McKinsey ins Haus; in Brüssel nimmt der ERT (European Round Table of Industrialists) direkt Einfluss auf die Entscheidungen der europäischen Kommissionen. Ziel, so formuliert es Dr. Burchardt, sei die Liberalisierung der Bildung. Im Klartext: Schulen sollen als Unternehmen verstanden und betrieben werden, mit einem von der Wirtschaft vorgegebenen Bildungsertrag.

Die Folge sei die Verschiebung von Wertigkeiten und vom Bild des Menschen. Dem christlich-humanischen Weltbild mit dem Menschen und der Verantwortung für seine Umwelt im Mittelpunkt, stellt Burchardt Vokabeln der Liberalisierungs-Befürworter entgegen wie Marktfähigkeit und Humanressourcen. Der Referent zitiert Alt-Arbeitsminister Norbert Blüm, der dieses System als „ökonomischen Totalitarismus“ bezeichnet, in dem alle Lebensbereiche von Arbeit bis Familie und nach unternehmerischen Gesichtspunkten gestaltet werden sollen.

Was einst als „Lebenslanges Lernen“ Verheißung war, sei heute Drohung: Wer dem Wettbewerb durch stetige Fortbildungen nicht standhalten kann, ist nicht marktfähig und fällt damit in der Kosten-Nutzen-Rechnung im Bildungssektor durch. Das begänne aber nicht erst in der Berufswelt: Schon in der Krabbelgruppe würde der Konkurrenzkampf geschürt im Sinne von „Kevin kann schon laufen und Marvin nicht…“ Künstlich hervorgerufen, so ist die Meinung von Dr. Burchardt, ist dieses Denken durch Wirtschaftsunternehmen bzw. deren Vordenker. Das GATS-Abkommen etwa spricht sich für eine weltweite Privatisierung der Bildung aus. Es wurde von Politikern unterzeichnet, hat aber die Gesetzgebung der Teilnehmer-Länder nicht passiert, ist also – so die Schlussfolgerung Burchardts – nicht demokratisch legitimiert.

„Der OECD hat PISA verbrochen“ ist eine weitere Aussage. Nicht Vergleichbares vergleiche die Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die lediglich auf Leistung, nicht aber auf Inhalte ausgelegt sei. Kulturelle Unterschiede seien ebenso wenig berücksichtigt wie länderspezifische Schulformen. Die Hörigkeit gegenüber diesem Test sei so groß, dass inzwischen „teaching to the test“ – also das Lernen auf den Prüfungsfaktor PISA, Vergleichsarbeiten, Zentrale Abschlussprüfungen hin – dominiere.

„Warum wird so viel Geld in die PISA-Studie gepumpt?“ fragt Burchardt und liefert die Antwort gleich mit: Bildung ist ein Wirtschaftszweig, mit dem sich viel Geld verdienen lassen. „Was der 11. September für die Einschränkung der Bürgerrechte, ist PISA auf dem Bildungssektor.“ Als die Lähmung die Menschen ergriffen hätte, hätten die Retter schon parat gestanden – mit systematischen Lösungen der selbstverwalteten Schule bis zum selbstverwalteten Schüler, der über Zeitmanagement sein Lernen selbst gestaltet und plant. Eine Überforderung der Kinder, bei der Lehrer ihre Verantwortung abgäben.

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Das Bertelsmann-Organigramm aus dem Artikel "Bertelsmann-Führung und Konzernverflechtungen"

Das Bertelsmann-Organigramm aus dem Artikel "Bertelsmann-Führung und Konzernverflechtungen"

Aus seinen eigenen Erfahrungen als Dozent von Lehramtskandidaten berichtete Burchardt, dass hier „Classroom-Management“ und „soziale Technologien“ die Pädagogik und Didaktik in den Hintergrund drängen würden. Das Bildungssystem ist dort ad absurdum geführt, wo Schüler selbstverwaltet lernen sollen und der Bachelor-Student nach Stundenplan seine Vorlesungen absolvieren muss. Vor diesem Hintergrund seien die Proteste der Studenten zu verstehen.

Am Beispiel des Megakonzerns Bertelsmann (www.bertelsmann.de), der durch Fernsehen, Buchverlag und Zeitschriften eine große mediale Gewalt hat, vertiefte Burckhardt seine Thesen. Dank CHE – der Bertelmannabteilung Centrum für Hochschulentwicklung – sei das Wort „Bildung“ aus der Präambel des Hochschulgesetzes gestrichen worden und nun durch Wettbewerb ersetzt. Im Hochschulrat seien mindestens die Hälfte der Vertreter aus der Wirtschaft, von denen der Direktor benannt würde. Eine Wahl gäbe es nicht mehr. Im Zuge des Qualitätspaktes (Rot-Grün in NRW beraten durch das CHE) seien an den Hochschulen außerdem 600 Professoren-Stellen gestrichen worden.

Bei der Bertelsmannabteilung CAP – Centrum für angewandte Politikforschung, die sich für die Remilitarisierung Europas ausspreche, findet sich ein Ranking der Länder nach dem BTI – Bertelsmann-Transformations-Index, der Marktwirtschaft, Demokratie und Management bewertet. „Vor diesem Hintergrund wird Demokratie als empirisch und funktionell eng mit Marktwirtschaft verknüpft angesehen. Die Bewertungen zu politischer und wirtschaftlicher Transformation werden daher zu einem gemeinsamen Status-Index aggregiert.“

Daraus resultiert für Burchardt der Wunsch nach dem neuen „Menschen“, der homo oeconomicus, der als Rohstoff betrachtet nach der Nutzenmaximierung bewertet wird und die Vernunft als Werkzeug betrachtet und des homo kybernetikus, der einer Steuerungsmodell sei, das letztelich zum obersten Bildungsziel, nämlich „employability“, der Anstellbarkeit, führen würde. Komplexe Wörter für einen klaren Inhalt: Der Markt bestimmt künftig die Bildungsinhalte, um nach seinen Bedürfnissen Fachpersonal abrufen zu können.

Dr. Matthias Burchardt vom Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik der Lebensspanne, der Humanwissenschaftliche Fakultät ist aber nicht nur Wissenschaftler, der versucht der Bildungsmisere auf die Spur zu kommen, er erinnert an den US-Aufklärer Michael Moore, und ist damit auf einer Mission. Er ruft auf zur Begriffsklärung, damit Bildung wieder in seiner ursprünglichen Bedeutung gemeint ist, damit sittliche Bildung nicht den Inhalt „Sozialkompetenz“ erhält und eine Bildungsreise als das Unterwegs-sein an sich seinen Wert zurückbekommt und nicht das Ziel. „Schule kommt von dem griechischen schole, Muße.“

„Sie werden frustriert nach Hause gehen“, hatte Dr. Burchardt seine Ausführungen begonnen. Er verließ im Gegenteil ein angeregtes Auditorium, dass im Nachklang der Veranstaltung reichlich Stoff zum Nachdenken hatte.


(Lesen Sie hier die Meinung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zum Thema GATS-Abkommen

Lesen Sie hier Kritik an den PISA-Studien

Lesen Sie McKinsey-Manager: Kirchenreform zu langsam

Lesen Sie hierzu: Teaching to the test: Gefahr oder Chance?

Lesen Sie Bertelsmann-Führung und Konzernverflechtungen

Lesen Sie: The Informal Department of Education? Bertelsmann Getting in on Schools


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