Gewaltprävention mal ganz anders

Theatertill begeisterte in Gürzenich
Von Josef Kreutzer [01.02.2009, 08.23 Uhr]

Die Parolen des „Neonazis“ (r.) akzeptierten die Schülerinnen und Schüler der Hauptschule Gürzenich überhaupt nicht. Als sie Gelegenheit zu Interviews hatten, boten sie ihm ordentlich Paroli.

Die Parolen des „Neonazis“ (r.) akzeptierten die Schülerinnen und Schüler der Hauptschule Gürzenich überhaupt nicht. Als sie Gelegenheit zu Interviews hatten, boten sie ihm ordentlich Paroli.

Nu mach’ mal kein Theater wegen der Gewalt, denn Gewalt ist alltäglich. Auf der Straße, im Bus, auf dem Schulhof, im Klassenzimmer, vorm Computer, im Fernsehen, die meisten Nach-richten handeln von Hass und Krieg und Zerstörung. In der Aula der Hauptschule Gürzenich hat man am Freitag ganz schön Theater um Gewalt gemacht – nur gemerkt haben das die meis-ten Schüler nicht.

Das war auch gar nicht so einfach. Denn die Truppe vom Düsseldorfer Theatertill hat das ver-flixt gut gemacht. Dass Mathe und Physik heute ausfallen, hatte niemand gewusst. Irgendwas Besonderes sollte es stattdessen geben. Und zwar das: „Berichte über Gewalt – Opfer und Täter erzählen“. Mehr wussten die Acht- und Neuntklässler nicht, als sie Platz genommen hat-ten. Ein paar Grußworte von Rektor Willi Vitzer, dann hatten die fünf fremden Gestalten auf dem Podium das Wort. Sie alle hatten in ihrem Leben etwas „Gewaltiges“ erlebt, und davon wollten sie an diesem Vormittag einfach mal erzählen.

Der Reihe nach. Ein frustrierter Lehrer, der sich fest vorgenommen hatte, nicht so `n oller Pau-ker zu werden wie die seinen. Und der dann trotzdem irgendwann ausgerastet ist und einen Schüler zusammengeschlagen hat. Eine rotzfreche, herzlose Göre, die eine Mitschülerin we-gen ihres Aussehens so lange getriezt hat, bis die ihrem Leben ein Ende gesetzt hat. Ein Neonazi, der einen asiatischen Laden aufgemischt hat, „wir Deutschen müssen uns schließlich wehren“. Eine Frau, die eine Vergewaltigung verhindern wollte und das mit einem entstellten Gesicht bezahlt hat („Nie wieder misch’ ich mich ein!“). Und schließlich Richard, der Coolste von allen. Ein Obama-Typ, der nicht im Rollstuhl enden will, wie sein Kumpel. „Ich wehre mich, wenn mir einer blöd kommt, verlasst euch drauf!“

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Die Göre Nicole (sitzend) hat eine Mitschülerin gemobbt, bis die sich das Leben nahm. Schuldgefühle hat sie trotzdem nicht. Die Jugendlichen der Hauptschule Gürzenich hatten dafür überhaupt kein Verständnis.

Die Göre Nicole (sitzend) hat eine Mitschülerin gemobbt, bis die sich das Leben nahm. Schuldgefühle hat sie trotzdem nicht. Die Jugendlichen der Hauptschule Gürzenich hatten dafür überhaupt kein Verständnis.

Sie alle spielten ihre Rolle – einschließlich Tumult auf der Bühne - so toll, dass sie wohl kaum einer als Rollen-Spieler entlarvte. Ihre aus dem Leben gegriffenen Erzählungen, insbesonde-re die provokanten Sprüche, verfehlten ihre Wirkung nicht. Bedröppeltes Schweigen, Buh-Rufe, Applaus – die „Berichte über Gewalt“ zogen. Vielen kam vieles bekannt vor. Und heu-te ziemlich beknackt. „Du müsstest mal erleben, was es heißt, Ausländer zu sein!“ rief eine Schülerin, sichtlich erregt, als der Dummdeutsche seine dämlichen Parolen auf die Spitze trieb.

Im Glauben, es mit wirklichen Tätern und Opfern zu tun zu haben, führten die Schüler anschlie-ßend Interviews. Mit Bewertung. Null Punkte kassierten die Göre und der Neonazi in der Rub-rik „Was gefällt Euch an dem?“ Was gut und was schlecht ist, die Jugendlichen entdeckten es mit feinem Gespür. Am Ende lüftete die Truppe ihr Geheimnis. Riesiger Beifall. Vielleicht hat-te mancher ja was geahnt, weil die Lehrer doch sonst immer halblang machen, wenn’s derb wird.

„Gewalt ist keine Lösung – ich hab’ lange gebraucht, bis ich das kapiert habe“, sagte der coole Richard alias Andy Zingsem zum Schluss. „Ich war in ner Gang – Gewalt war okay. Doch die anderen hatten nur Angst vor mir, keinen Respekt. Respekt habe ich erst später bekommen, als ich Musik gemacht hab’.“

Respekt vor der Leistung des Ensembles, das Till Eulenspiegel im Namen trägt. Eine gute Stunde hat gereicht, den Teenagern den Spiegel vorzuhalten. Und einen gehobenen Zeige-finger dazu. Gesehen hat den niemand, gespürt haben ihn alle. An der Schläfe, da, wo die grauen Zellen sind.

Eingeladen hatten Landrat Wolfgang Spelthahn und Käthe Rolfink, Vorsitzende des Kreis-Kulturausschusses, zu dem unsichtbaren Theater um Gewalt. Die beiden Aufführungen in der Gürzenicher Aula wurden von der Unfallkasse NRW gefördert.


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