1. Mittelalterfest ein voller Erfolg

Kramer, Zunft und Kurtzweyl auf Burg Nideggen
Von Redaktion [15.05.2007, 21.44 Uhr]

Mit ihm ist nicht zu spaßen: Der Recke erläuterte dieser Besuchergruppe um Landrat Wolfgang Spelthahn beim Museumsrundgang, was man früher mit einer solchen Waffe alles angerichtet hat.

Mit ihm ist nicht zu spaßen: Der Recke erläuterte dieser Besuchergruppe um Landrat Wolfgang Spelthahn beim Museumsrundgang, was man früher mit einer solchen Waffe alles angerichtet hat.

"Molinarius! Molinarius! Ja, Herr im Himmel, wo bleibt der Kerl bloß? Ihr seid das "dicke Ende" und als solches ist es zuvörderst Eure Pflicht und Schuldigkeit, Sorge zu tragen, dass diese hochwohlgeborenen Herrschaften bei der Zeit auf den Hofe treten mögen, um dorten dem edlen Wettstreite der tapferen Recken beizuwohnen. Also, spute er sich, der Molinarius!" Nein, als Büttel hat man’s nicht leicht. Wenn der Marktvogt zur Eile treibt, ist’s aus mit der Gemütlichkeit. Die Besucher des Burgenmuseums Nideggen amüsierten sich am Wochenende trefflich über derlei Sticheleien zwischen Herr und Knecht. Ihr kundiger Museumsführer, der Marktvogt, verstand sich im übrigen prächtig auf dieses eigentümlich geschraubte Deutsch, in dem er seinem Publikum beim Rundgang dies und das erläuterte.

Und auch dem armen Molinarius, seines kugeligen Bäuchleins und seiner Aufgabe als "letzter Mann" wegen als "dickes Ende" verspottet, kam mittelalterlich Anmutendes wie selbstverständlich aus dem Munde. So erfuhren die Gäste in den neu gestalteten Museumsräumen nicht nur vielerlei über das mittelalterliche Alltagsleben, über Burgbaukunst, Rittertum und Gerichtsbarkeit, sondern nahmen aus den einstündigen Führungen auch noch ein Gefühl für die mittelalterliche Sprache mit auf den Burghof.

Was im neuerdings nach Themen geordneten Burgenmuseum veranschaulicht wird, ließ sich während der beiden Burgfest-Tage zwischen Burgturm und -gaststätte live und in Farbe erleben: mittelalterlicher Handel und Wandel zum Anfassen und Mitmachen. Die Ritter hatte ihre Zelte ob der kräftigen Windböen in der Nacht zwar wieder abbauen müssen, ihre Kampfeslust war damit jedoch nicht erloschen – im Gegenteil. So schlugen sie manche Klinge – auch das eine Art mittelalterlicher Musik.

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Mit ihm ist nicht zu spaßen: Der Recke erläuterte dieser Besuchergruppe um Landrat Wolfgang Spelthahn beim Museumsrundgang, was man früher mit einer solchen Waffe alles angerichtet hat.

Mit ihm ist nicht zu spaßen: Der Recke erläuterte dieser Besuchergruppe um Landrat Wolfgang Spelthahn beim Museumsrundgang, was man früher mit einer solchen Waffe alles angerichtet hat.

Die kleinsten Besucher eiferten ihnen nach. Papa bekam achtern einen Hanfschwanz in den Hosenbund geklemmt und dient fortan als Streitross. Ihre Sprösslinge, hoch zu Schulter, visierten derweil mit ihren Lanzen das Ziel an. Und das war niemand anderes als Wolfgang Struchtrup, Spitzname "Molli", lateinisch Molinarius. Der 54-Jährige, Spross seines Raubrittergeschlechtes aus dem Münsterland wie er beteuerte, hielt am ausgestreck-ten Arm den Schild hoch, den es im Galopp zu treffen galt. In der anderen Hand hatte er freilich den Leinensack, gefürchtet für seine Nackenschläge. Und so ritten die Knäbelein ein ums andere Mal auf den Molinarius zu. Doch niemandem wurde ein Haar gekrümmt, am Ende hieß es unentschieden. So schlug das Kinderkönigspaar alle drei zu Rittern. Kräftiger Beifall, pardon: Handgeklapper war der Kinder Lohn.

Was "Kramer, Zunft und Kurtzweyl" unter der Schirmherrschaft von Landrat Wolfgang Spelthahn beim ersten mittelalterlichen Burgfest auf Burg Nideggen präsentierte, konnte sich wahrlich sehen, hören, schmecken und riechen lassen. Bei den Mittelalterprofis gucken – anders als bei manchem Weihnachtsmann in der Fußgängerzone - nirgends Jeans oder Turnschuh unterm Gewand hervor. Ganz im Gegenteil. Die vielen Handwerker – Drechsler, Schmied, Kerzenzieher, Riemenschneider und dergleichen mehr – und die Künstler von den Musikanten über die Gaukler bis zum Wunderheiler leben (für) ihr Mittelalter. Das spürt man.

Der Molinarius zum Beispiel, der in diesem Jahr Zehnjähriges feiert. So lange reist er schon als Büttel umher, lässt sich kommandieren und traktieren, ist seinem Herrn zu Diensten. "Ich bin der Narr, ich liebe die Narrenphilosophie, die steckt tief in mir", sagt er. "Der Narr klebt nicht am Materiellen, er spricht die Wahrheit aus." Tischler war früher, wurde arbeitslos, verkaufte Schellenbäume und lebt nun schon lange von seinen Zeitrei-sen. Ob die Wahrsagerin im Zelt nebenan ihm eine solch abenteuerliche Karriere vorher-gesagt hätte?

"Kramer, Zunft und Kurtzweyl" turnt die Rolle rückwärts seit Mitte der 80er Jahre authen-tisch, aber nicht verbissen, sondern mit Charme und Humor. "Wer hat noch so einen kleinen Taschendrachen?", fragt der Gaukler Cyrano in die Menge, drei Pechfackeln fürs Jonglieren mit verbundenen Augen in den Händen. Er nimmt die hingehaltenen Feuerzeuge, steckt sie ein und verkündet: "Ich sammle die!" Zu ähnlichen Allfanzereien aufgelegt: Rod o’ Trottoire mit seinem Barbiertheater. Schön, dem Quacksalber beim Zähneziehen zugesehen zu haben. Und noch schöner, statt Ingo aus dem Publikum nicht selbst auf seinem Barbierstuhl gesessen zu haben ...

Das erste Mittelalterliche Burgfest des Kreises Düren war ein vergnügliches Fest für die ganze Familie, das insbesondere am Sonntag viel Resonanz fand. An diese Art von Mittelalter will man sich gewöhnen. Aber vielleicht steckt ja wirklich ein bisschen Mittelalter in jedem von uns. Wie pflegt der Molinarius so schön zu sagen? "Wir leben alle nicht nur einmal auf dieser Erdenscheibe ..." Was wollte man ihm entgegenhalten?


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