Papiererzeuger finanzieren Deutschförderung

Kreis Düren: Damit Tugce Archäologin werden kann
Von Redaktion [10.03.2007, 15.00 Uhr]

Diese fünf Schüler profitieren von der Spende des Arbeitgeberverbandes der heimischen Papier erzeugenden Industrie. Sie gehören zu den 60 Jugendlichen aus Zuwandererfamilien, die ein Jahr lang intensiven Deutschförderunterricht erhalten.

Diese fünf Schüler profitieren von der Spende des Arbeitgeberverbandes der heimischen Papier erzeugenden Industrie. Sie gehören zu den 60 Jugendlichen aus Zuwandererfamilien, die ein Jahr lang intensiven Deutschförderunterricht erhalten.

Tugce lebt seit sechs Jahren in Deutschland. "In der Türkei hatte ich sehr gute Noten", berichtet die 15-Jährige. Sie besucht die Klasse 9 der Ganztagshauptschule Aldenhoven und hat sich ein hohes Ziel gesteckt. "Ich will Archäologin werden", erzählt sie. Ein Praktikum in der Außenstelle des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege in Titz hat die Teenagerin in ihrem Wunsch bestärkt. Mittelfristig strebt sie deshalb das Abitur an, ein ehrgeiziges Unterfangen. Denn sich im Alltag auf deutsch zu verständigen ist das eine ("Das konnte ich schon nach einem halben Jahr"), die Sprache schriftlich perfekt zu beherrschen etwas ganz anderes. Deshalb musste Tugce nicht lange überlegen, als sie vom Förderangebot des Arbeitgeberverbandes der Papier erzeugenden Industrie von Düren, Jülich, Euskirchen und Umgebung hörte.

Ein Jahr lang erhalten 60 Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund intensiven Deutsch-Förderunterricht. 15 zusätzliche Wochenstunden stehen für sie auf dem Nachmittagprogramm. 50.000 Euro stellen die 15 Papiererzeuger für das Projekt zur Verfügung, das sich auf den Nordkreis konzentriert. Gefördert werden Schüler an den Hauptschulen Aldenhoven, Jülich und Titz; den Sprachunterricht erteilen sechs ausgesuchte Honorarkräfte.

"Wir wollen nicht-deutschsprachige Kinder und Jugendliche in die Lage versetzen, einen qualifizierten Schulabschluss zu bekommen und damit später auch eine entsprechende Ausbildungsstelle. Der Einstieg in das Berufsleben ist die Voraussetzung für ein eigenständiges, selbstverantwortliches Leben", erläuterte Matthias Simon, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes der Papier erzeugenden Industrie, das Engagement zum Projektstart vor der Presse. "Unsere Gesellschaft kann es sich auf Dauer nicht leisten, auf das Poten-zial von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu verzichten", betrachtete er das Problem auch von der anderen Seite. Insofern sind die 50.000 Euro ("Das ist auch für uns kein Pappenstiel") eine Investition in die Region und damit ein Bekenntnis zum heimischen Standort.

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Umsetzung und fachliche Begleitung des Projekts "Sprachförderung" liegen in Händen des Schulamtes für den Kreis Düren und der RAA, der regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien. Wissenschaftlich begleitet wird es von Wirtschaftspädagogen der RWTH Aachen. Nach einem Jahr wird bilanziert, wie erfolgreich der Intensivunterricht tatsächlich war.

Kreisdirektor Georg Beyß würdigte das Engagement der Firmen schon vorab und zitierte dabei auch aus einem Brief von NRW-Schulministerin Barbara Sommer an den Kreis Düren. "Das Projekt sucht in der Bundesrepublik seinesgleichen. Es ist ein nachahmenswertes Beispiel", stellte er fest. Der Kreisdirektor wertete die Spende des Arbeitgeberverbandes als "Anschubfinanzierung". "Unser Ziel muss es sein, das Angebot zu verstetigen. Klar ist aber, dass die heimische Papierindustrie das nicht leisten kann. Wir müssen die Mittel anderweitig sichern."

30 der 60 Projektplätze werden in der Hauptschule Aldenhoven angeboten, die erst kürzlich als eine der zehn besten in NRW ausgezeichnet worden war. Alle Schüler nehmen aus freien Stücken an der Förderung teil. "Wir haben allerdings einen Vertrag mit den Eltern geschlossen, um sicherzustellen, dass ihre Kinder dauerhaft am Zusatzunterricht teilnehmen", erläuterte Schulleiter Frank Röhmer. Manches Sprachproblem sei hausgemacht, berichtete er. "Die Eltern sprechen oft gar kein Deutsch, weil sie im Alltag auch so klar kommen."

Das ist für ihre Kinder von großem Nachteil. "Begabten Migrantenkindern bleiben Wege versperrt, weil sie Defizite im Deutschen haben. Ihnen fehlen Worte, sie beherrschen die Grammatik nicht richtig, sind schriftlich nicht sattelfest", weiß Schulamtsdirektor Josef Lemoine, dass es mit dem Alltagsgespräch eben nicht getan ist. Tugce will sich damit nicht abfinden. Aber auch ihren Schulkameraden, die weniger ambitioniert sind, wird der Intensivkurs helfen, wenn sie sich um Lehrstellen bewerben. "Wir nehmen den Förderunterricht ernst", bekräftigte die 14-jährige Özlem, die Krankenschwester werden will. Beide Mädchen wissen, dass sie ein strammes Programm zu bewältigen haben, doch das sehen sie gelassen. "Lernen ist wichtiger als rausgehen. Denn dabei geht es um unsere Zukunft."


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