Aussöhnung mit dem Südstadt-Dylan-Image

Wolfgang Niedecken auf den Spuren seines "Urknalls"
Von Arne Schenk [04.09.2006, 19.47 Uhr]

„When I paint my masterpiece“ – Wenn ich mein Meisterwerk male: Dieses Lied von Bob Dylan inspiriere ihn immer wieder, erklärte Wolfgang Niedecken am Sonntag bei den Festspielen der Kulturinitiative des Kreises Düren auf der Burg Nideggen. Umso unverständlicher für ihn, dass der Song nicht auf dem Album „New Morning“ von 1970 landete, sondern erst als Outtake auf dem darauffolgenden „Greatest Hits Vol. II“.

Ein Meisterwerk ist auch dem Rheinländer selbst mit dem Projekt „Wolfgang Niedecken liest Bob Dylan“ gelungen. Viel mehr die Erfüllung eines lange gehegten Wunschtraumes oder profaner der Ausdruck eines dringenden Bedürfnisses als nur reines wirtschaftliches Kalkül mag Niedecken dazu bewegt haben, diese eindringliche Hommage an das Werk seines Meisters auf deutsche Bühnen zu bringen.

Denn eine eigene kreative Flaute kann nicht Initialzündung für den kölschen „Südstadt-Dylan“ ausgelöst haben, sich in das Leuchtfeuer seines „Urknalls“ zu stellen. Dazu kann der BAP-Vater selbst auf eine viel zu lange und zu erfolgreiche Karriere zurückblicken. Es ist die Verbundenheit zweier – Zwillinge wäre vielleicht ein wenig zu hoch gegriffen – zumindest Verwandter im Geiste.

Zu offensichtlich erscheinen die Parallelen zwischen Robert Zimmermann und seinem deutschen Alter ego: beim mittlerweile ergrauten widerspenstigen Wuschelhaar angefangen, das den unbequemen Charakter vorweg nimmt inklusive der Weigerung, sich irgendwo einzuordnen oder einordnen zu lassen, über das begrenzte Stimmvolumen und die solide aber einfache Gitarrentechnik, die dennoch zur charismatischen Präsenz der Akteure beitragen, bis zur innigen Literaturbesessenheit und scharfen Gegenwartsanalyse der Protagonisten.

Und dennoch finden sich kleine, aber vermutlich bedeutsame Unterschiede: Auf der einen Seite der Gehuldigte, der sein musikalisches Wirken von Anfang an mit dem einmal gefundenen Pseudonym-Prädikatsstempel konsequent versieht – von dem amüsanten wie gehaltvollen Alt-Herren-Scherz „The Travelling Wilburys“ einmal abgesehen; auf der anderen Seite der Laudator, der sich als BAP-Oberhaupt dennoch immer als Teil der gesamten musikalischen Familie betrachtet und zum Wohle der Song-Kinder selten eine Idee der Mitspieler ignoriert hat.

Ein Gefühl für gute und vor allem aussagekräftige Songs, das hat ihm der amerikanische Dylan, der bei Woodstock sein Domizil hatte und erst bei dessen Wiederholung dort auftrat, vermittelt. Über ein Dutzend Beispiele davon hat Niedecken in Nideggen in petto. Und er bedient sich der eher kleinen Hits, nicht der Sing-alongs à la „Blowin’ in the Wind“, aber auch nicht der Randnotizen von Dylans Oeuvre. Die Hälfte entstammt der Frühzeit zwischen 1964 und 1966, „My Back Pages“, „Desolation Row“ oder „Ballad of a thin Man“.

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Ein Künstler und seine Inspiration.

Ein Künstler und seine Inspiration.

Und noch eine Gemeinsamkeit zeichnet die beiden Singer/Songwriter aus, nämlich die Malerei: der studierte Niedecken mit fast regelmäßigen Ausstellungen und Dylan, dessen bekanntesten Werke die Covers der Erstlings-LP der „Band“ und seines eigenen „Self-Portrait“ sind. Kein Wunder, dass auch die „Chronicles“ von Bob Dylan eher skizzenhaft angelegt sind, wichtige Perioden ganz auslassen. Darunter auch die 70er-Jahre, denen wiederum Niedecken mit „Simple Twist of Fate“, „Sara“ und „Senor“ ein flüchtiges Denkmal setzt. Es ist eher eine chronische, als eine chronologische Angelegenheit. Natürlich ist ein Leben wie das von Bob Dylan mit geschichtlichen Daten auch gar nicht fassbar. Und selbst, wenn es lückenlos aufgelistet worden werde, was hätte es schon gebracht? Wie bereits Sting treffend gesagt hat: History teaches us nothing.

Gelehrt hat Wolfgang Niedecken zwar ebenfalls nichts. Dafür hat er die Zuhörer in der herrlichen Kulisse der Nideggener Burg aber einen kurz Blick hinter die Fassade von Bob Dylan werfen lassen. Er, Dylan, sei keine Gallionsfigur, kein Vorreiter, kein Prinz der Protestbewegung. Kein Wortführer für irgendwen, sondern nur ein Musiker, dessen Folksongs nicht eingängig ans Ufer des Mainstreams plätscherten. Nur ein Beobachter des Treibens der Welt, der Songs schreiben will, die größer sind als das Leben. Denn Lieder seien Träume, die man wahr machen will, sie sind wie fremde Länder, die man bereist.

Das erinnert an die Niedecken-Autobiographie „Auskunft“ von 1990, in der er schreibt: „BAP wollte immer nur eine Rock-Band sein und kein Verdauungsorchester für Sechs-Korn-Verstopfung und bioenergetische Atemtherapei, oder was weiß ich.“ Doch es geht an diesem Abend nicht um ihn, sondern um Bob. Doch dieser „treibt halt gerne Verwirrspiele“, beschreibt es Wolfgang in einem Interview treffend und passend zur Eingangspassage, als Robert Zimmermann dem Plattenboss einige Lügenmärchen auftischt, die dann zur eigenen Legendbildung beitrugen.

Sobald Niedecken die Bühne betritt, schmunzelt er aufgrund des bedrohlichen Windes und der vereinzelten Tropfen, vielleicht sollte er das Programm „A hard Rain’s a gonna fall“ oder „Shelter from the Storm“ nennen. Dann schickt er den BAP-Musiker in den Backstage-Bereich zurück, er transformiert zu Bob Dylan und zelebriert die Songs als Rohdiamanten nur mit Gitarre und Gesang, so wie der Meister es auf seiner ersten LP getan hat. Dazwischen Texte aus den „Chronicles“ Teil 1. Teil 2 und 3 sollen noch folgen. Kein „Leopardefell“ –sein Solo-Album mit eingedeutschten Dylan-Stücken, kein egoistisches Sonnen unter fremdem Gestirn. Erst bei der Zugabe, dem unvermeidlichen „Like a rolling Stone“, unvermeidlich, weil es jüngst vom Rolling Stone zum größten Song des vergangenen Jahrhunderts gewählt wurde, erst dort fließen nach den Original-Strophen das kölsche Pendant „Wie ’ne Stein“ ein.

Bei den „Warmen Worten“ zu „Vun drinne noh drusse“, wo die Bap-Version erstmals auf Tonträger erscheint, erzählt Niedecken, dass er eigentlich vom ungeliebten „Südstadt-Dylan-Image“ Abstand nehmen wollte und das Lied nur wegen der großen Nachfrage, also „by public demand“ aufgenommen hatte. Mittlerweile dürfte er sich mit diesem Image mehr als abgefunden haben. „A leopard can’t change its spots“ – man kann eben nicht aus seiner Haut.
So quittierte das Publikum auch den Transfer zur kölschen Natur des Chronisten bei „Wie ’ne Stein“ spontan mit Beifallskundgebungen. Beste Kunde auch, dass der musikalische Rezitator im kommenden Jahr an selbigen Ort und Stelle bei den kommenden Festspielen zurückkehren will, dann allerdings in eigener Sache und mit eigener BAP-Band, wie auch Landrat Wolfgang Spelthahn bestätigte. Die „Standing Ovations“ zum Abschluss galten aber im allein. Und das völlig zu Recht.


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