Pfarrer Cervigne spricht klar Worte

Kirchgang auf vier Pfoten in Aldenhoven
Von Britta Sylvester [23.02.2006, 11.10 Uhr]

Ob sie es verstanden haben? Jedenfalls waren es freundliche Worte die Pfarrer Charles Cervigne an die vielen Vierbeiner im Aldenhovener Gotteshaus gerichtet hat. Foto: B.Sylvester

Ob sie es verstanden haben? Jedenfalls waren es freundliche Worte die Pfarrer Charles Cervigne an die vielen Vierbeiner im Aldenhovener Gotteshaus gerichtet hat. Foto: B.Sylvester

Orgelklänge, verhaltener Gesang seitens der Gemeinde – also alles so, wie man das vom gelegentlichen sonntäglichen Kirchgang kennt? Nicht ganz, nicht an diesem Sonntag, 19. Februar, nicht in Aldenhoven. Alljährlich im Februar, seit ungefähr sieben Jahren, ganz sicher ist Pfarrer Charles Cervigne sich da nicht, steht ein Tiergottesdienst auf der Agenda der evangelischen Gemeinde. Dieses Mal war vor allem des Menschen bester Freund zahlreich vertreten, vom winzigen Yorkshireterrier mit Schleifchen auf dem Haupt über einen ungarischen Hirtenhund mit eigenwilliger Frisur bis hin zum stattlichen Berner Sennehund. Ein paar Kinder hatten ihre etwas kleineren Lieblinge im Gepäck. Kartons und professionelle Transportkisten mit Kaninchen, Hasen und Meerschweinchen wurden vorsichtig transportiert und ihre Bewhner liebevoll getätschelt und beruhigt.

Zumindest für diese Vierbeiner gilt nicht, was Pfarrer Cervigne kritisch ansprach: „Tiere werden misshandelt, ausgesetzt und getötet. Wir behandeln Tiere oft nicht wie unsere Mitgeschöpfe, dabei wurden sie doch am selben Tag geschaffen wie wir Menschen.“

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Auf Augenhöhe mit den Mitgeschöpfen - Pfarrer Cervigne beim Tiergottesdienst.

Auf Augenhöhe mit den Mitgeschöpfen - Pfarrer Cervigne beim Tiergottesdienst.

Auch zum Thema religiöse Tieropfer sprach Cervigne drastische Worte – es machte nachdenklich, wenn der Pfarrer fragt, was wohl hinter dem menschlichen Bedürfnis stand oder immer noch steht, wenn Menschen, um ihre Schuld zu tilgen, das Blut eines Tieres vergießen. Ein Beispiel, dass auch heute noch aktuell ist: „Das Schächten von Tieren, das langsame Verbluten bei vollem Bewusstsein, alles im Namen Gottes, das verstehe ich nicht.“ Dabei stellte Cervigne keinesfalls die ganze Religion Islam an den Pranger, im Gegenteil, er habe viel Verständnis für den Islam, arbeite eng mit Moslems zusammen, nur dieser Brauch wolle ihm einfach nicht in den Kopf.

Doch nicht nur religiös motivierte Tötung von Tieren hinterfragte der Geistliche. Auch die Tatsache, dass wir Menschen uns vom Fleisch anderer Geschöpfe Gottes ernähren, wo doch die Bibel fordert „Du sollst nicht töten“, stellte Cervigne in Frage. Mit einer kleinen schauspielerischen Einlage, stellten der Pfarrer und zwei Mitstreiter einen Restaurantbesuch dar. Auf der Speisekarte standen so merkwürdige Dinge wie Kanarienschenkel und Katzenrücken. Bei diesen Beispielen wird sicherlich so manchem Gottesdienstbesucher etwas unwohl beim Gedanken an den daheim schmorenden Sonntagsbraten geworden sein. Dabei nahm sich der Mahner keineswegs aus: „Bei uns gab es gestern Abend leckeren Braten, das gebe ich gerne zu.“ Dennoch der Vorschlag: „Vielleicht sollten wir Vegetarier als Normalfall betrachten und unsere eigenen Essgewohnheiten überdenken.“ In der Hoffnung, dass zum nächsten Tiergottesdienst im kommenden Februar der eine oder andere Fleischesser zum Gemüsefan geworden ist, lud Pfarrer Charles Cervigne seine Gemeinde samt bellender vierbeiniger Begleitung zum – vegetarischen – Kaffee ein.


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