Lieselotte Meller

Linnich: Leidenschaft für Bücher
Von Dorothée Schenk [08.03.2017, 07.40 Uhr]

„Wenn ich Ihnen erzähle, wie ich zu den Plätzchen gekommen bin... Das ist auch wieder fast ein Roman.“ Lieselotte Meller schmunzelt. In ihrer Sprache ist die Leidenschaft für Bücher längst angekommen. Auch die Gründung der Krankenhaus-Bücherei in Linnich hat natürlich seine ganz eigene Geschichte. Die heute 85-Jährige ist darin die Protagonistin.

Eine frühe Erinnerung an ihre Leseleidenschaft bringt das Bild zurück, in dem sie sich als i-Dotz an ihre Mutter kuschelt und ihr beim Lesen der „Novellenzeitung“ über die Schulter guckt. Das war 1933. Seither hat sie die Freude an Geschichten nicht mehr verlassen. Vielleicht liegt es auch an Herrn Lang, dem Schwarm der ganzen Unterprima, der mit seinen Schülerinnen Rilke las – in den Nachmittagsstunden auch bei Kerzenschein. Lieselotte Meller lächelt verschmitzt.

Dass alles einmal in die Gründung einer Bücherei münden würde, war natürlich nicht abzusehen. Diese Geschichte beginnt 1985, als die drei Kinder bereits selbstständig sind und ihr Mann Arzt am St.-Josef-Krankenhaus ist. Den „kaperte“ sie sich, als sie als Krankenschwester und er als Schiffsarzt auf der Hanseatic rund um Australien unterwegs waren. Aber das ist noch eine andere Geschichte.

Jedenfalls: Lieselotte Meller hatte einfach mal wieder zu viele Bücher zu Hause. Zu der Zeit waren noch Nonnen im Pflegedienst. Da fragte Lieselotte Meller nach, ob denn Bedarf an Büchern sei, und fand sich unversehens in einem Wohn- zimmerreich unter dem Dach wieder mit vollen Bücherregalen vor sich und der Aussage: „Hier bräuchte ich jemanden, der die Bücher aufräumt und sortiert.“

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„Das hat mich gereizt“, sagt die Bibliophile. Mit vier Mitstreiterinnen – darunter eine gelernte Bibliothekarin mit 79 Jahren – traf sie sich immer mittwochs zum Aufräumen. Das erste Mal rollte der Bücherwagen anderthalb Jahre später durch die Flure. Angefertigt hatte ihn der Sohn, gelernter Schreiner – auch eine andere Geschichte. Und seitdem ist der Wagen an jedem Mittwoch unterwegs. Bis heute, auch in den Ferien. Die Leitungsaufgabe hat die aktive Seniorin inzwischen in jün- gere Hände abgegeben. Wenn sie ihre Dienstzeit im Krankenhaus absolviert hat, greift sie immer noch gerne zum Buch.

Derzeit nimmt sie drei Lesestoffe zur Hand, unter anderem das Weihnachtsgeschenk ihrer Tochter: „Das Buch der Freude. Gespräche zwischen Bischof Tutu und dem Dalai Lama“. Keine Lektüre, die ihr recht gefällt. Der Autor stellt sich zu sehr in den Vordergrund, außerdem wird zu viel über das Alter geredet. Mit ihren 85 Jahren fühlt sich Lieselotte Meller keineswegs alt – „nur in punkto körperlicher Schwäche – aber ich denke halt anders.“ Den Austausch über das Gelesene sucht und findet sie in einem Literaturkurs, der sich alle vier Wochen trifft.

Als sie vor zwei Jahren in „Ruhestand“ ging, erhielt sie eine Dankesurkunde des Aachener Generalvikariats mit einem Zitat von Don Bosco: „Wer gute Bücher verbreitet, der hat vor Gott ein unver- gleichliches Werk getan.“ Das tut die Ehrenamtliche bis heute: Lieselotte Meller geht durch die Flure und bringt nicht nur Bücher zu den Kranken, sondern auch viel Zeit, Gehör und Anteilnahme.


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