Aldenhoven: Große Solidarität mit Pfarrer Cervigne
Von Redaktion [22.02.2016, 22.10 Uhr]

Die evangelische Kirche in Aldenhoven war an diesem Sonntag überfüllt – gewissermaßen Heiligabend mitten im Februar. Kinder jeden Alters, Jugendliche, Familien, Großeltern – sie alle waren gekommen, um ihrer Solidarität mit ihrem Pfarrer Ausdruck zu verleihen.

Und so wie freundliche Menschen in der Nacht vor diesem Gottesdienst um das Pfarrhaus herum „Bewachungsspaziergänge“ unternommen hatten, so machte auch die übergroße Gottesdienstgemeinde deutlich: "Wir stehen hinter unserem Pfarrer, lassen ihn nicht allein!"

Charles Cervigne war am vergangenen Wochenende Opfer einer körperlichen Attacke geworden, die vermutlich im Zusammenhang mit seinem Engagement für Flüchtlinge und Asylbewerber steht. Unbekannte hatten laut Polizeibericht am späten Samstagabend an der Haustür des Aldenhovener Pfarrers in der Martinusstraße geklingelt. Als dieser die Tür öffnete, sprühten ihm die Täter ein Reizgas ins Gesicht und schlugen mit einem Werkzeug auf ihn ein.
Die Tatverdächtigen entkamen unerkannt.

Wer Hinweise zu verdächtigen Feststellungen geben kann, kann sie der Polizei unter der Rufnummer 02421-949-6425 mitteilen..

"Ich hatte Gottes Schutz über mir", schrieb Pfarrer Cervigne auf Facebook, am Morgen nach der Tat. Noch in der Nacht war der Seelsorger wegen des großen Blutverlustes, den er durch die Stockschläge erlitten hatte, und die, durch das Pfefferspray verursachte Verletzung der Netzhaut im Aachener Klinikum behandelt worden. Den unbekannten Täter ließ er wissen: "Ich bin nicht sauer auf dich. Wir beide haben noch mal Glück gehabt. Denn wäre das schlimmer ausgegangen- das hätte dir auch nicht gut getan. Gott sei Dank."

Beim Gottesdienst am Sonntag war auch Superintendent des Kirchenkreises Jülich, Pfarrer Jens Sannig unter den Besuchern, Pfarrerin Ariane Stedtfeld vom Gemeindedienst für Mission und Ökumene, der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/DIE GRÜNEN, Oliver Krischer, Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand der katholischen Pfarrgemeinde Aldenhoven, der Vorstand des örtlichen Moscheevereins, Vertreter der Kommunalverwaltung, Evangelische und Katholische, Muslime und Kirchenferne – sie alle waren dem Aufruf des Jugendmitarbeiters Lothar Thiele gefolgt.

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Er hatte eingeladen zu diesem Gottesdienst und zu einer besonderen Aktion: alle Anwesenden hatten jeweils einen Stein mitgebracht. Lothar Thiele: „Aus diesen vielen Steinen werden wir einen Felsen bauen. So wie viele Steine einen stabilen Felsen bilden, so bilden viele Menschen eine stabile Basis der Solidarität und des Kampfes gegen Menschenverachtung und Hass. Das, was geschehen ist, macht uns nur stärker. Wir machen weiter – in voller Solidarität mit Charlie und mit all den Menschen, die uns anvertraut sind!“

Pfarrer Cervigne drückte gleich mit dem ersten Lied seine Haltung nach dem Anschlag aus: Was Wolf Biermann noch zu DDR-Zeiten gedichtet hatte, ist offensichtlich auch heute noch oder wieder aktuell. Und so sangen der Pfarrer und mit ihm eine Handvoll älterer Menschen das Lied von der Ermutigung in schweren Zeiten. „Es geht nicht um mich – es geht um die Sache!“ Das stellte er unmissverständlich klar. Und die Sache, so Charlie Cervigne, das sind die Menschen, die als Flüchtlinge, als Asylsuchende kommen und ein Stück Heimat und Geborgenheit suchen. Es gehe um Menschlichkeit; es gehe darum, den Menschen in Not ihre Würde zurück zu geben. Und das Engagement betreffe die Menschen vor Ort und zugleich die Menschen in Not weltweit.

Der Anschlag auf seine Person könne nichts daran ändern: „Wir werfen uns dem Leben in die Arme. Wir sind dankbar für das Leben und dafür, dass wir einander haben.„Wir haben es ja noch gut. Nach einem solchen Anschlag gibt es eine große Solidarität. Das ist in anderen Teilen unseres Landes durchaus ganz anders.“

Charlie Cervigne berichtete von einer großen Anzahl an Mails, Briefen und anderen Äußerungen der Solidarität und Anteilnahme. Übrigens auch von Menschen, die der rechten Szene angehören. Stellvertretend für alle las er drei Botschaften vor: von Kathrin Göring-Eckhardt aus Berlin, die ihm für seine Arbeit für Geflüchtete dankt; von der 11jährigen Sarah, die sicher ist, dass Gott ihm helfen wird; und von einem 88jährigen aus der Gemeinde, der bergmännisch kurz und knapp formuliert: „Kopf hoch, nicht unterkriegen lassen und weitermachen!“

Und genau das sei auch sein Fazit nach den Ereignissen der vergangenen Tage: „Wir werden liebevoll weitermachen hier vor Ort! Lasst uns für das Leben kämpfen!“
Mit einem herzlichen Dank für alle Unterstützung, Anteilnahme und Ermutigung schloss der Gemeindepfarrer den Gottesdienst.

Anschließend war beim Beisammensein in den Gemeinderäumen Gelegenheit zu Gespräch und persönlichen Worten an Charlie Cervigne.


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