Delta T für Integration Behinderter gelobt

Aachener Bischof findet Dürener Unternehmer "ausgezeichnet"
Von Dorothée Schenk [20.02.2014, 17.01 Uhr]

Nicht auf den ersten Blick ist sichtbar, was die „Delta T Hitzeschutz und Isolation GmbH“ leistet – in zweifacher Hinsicht: Einerseits durch seine Produkte, die meist verborgen in der Karosserie von Autos ihren Dienst tun, andererseits durch die Integration Behinderter in den Arbeitsmarkt. Dafür ist die Dürener Firma heute vom Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff mit dem Preis „ausgezeichnet“ geehrt worden.

Delta-T-Chef Michael Thomas ist „ausgezeichnet“ in der Integration behinderter Menschen in den Arbeitsmarkt

Delta-T-Chef Michael Thomas ist „ausgezeichnet“ in der Integration behinderter Menschen in den Arbeitsmarkt

Das gute „Klima“ ist das Thema von Michael Thomas. Seine Firma sorgt für Sicherheit an Schnittstellen im technischen Bereich, die besonderen Temperaturschwankungen unterworfen sind. Ein Beispiel sind Wasserpumpen in Autos. Hier eine Überhitzung zu vermeiden, war eine Aufgabe, der sich der Ingenieur erfolgreich stellte. Aus Aluminium mit Glasfasern entwickelte er eine Art Schutzkappe, die jetzt zu 200000 Stück von seinem inzwischen 27-köpfigen Team gefertigt wird. Wer von ihnen eine Behinderung hat und wer nicht, kommt hier nicht zum Tragen: Hand in Hand arbeiten seine Angestellten für das Endprodukt.

Bewusst habe er sich schon 2012 bei der Firmengründung entschieden, Menschen mit Behinderungen einen Arbeitsplatz zu bieten, erklärt der jungenhaft wirkende Dürener, dem man „den Chef zum Anfassen“ fraglos abnimmt. Delta T kann Arbeitnehmern Tätigkeiten anbieten, die leicht auszuführen sind, keine hohen Qualifikationen verlangen, aber für den Produktionsablauf unerlässlich sind. Dazu gehört etwa das Einstanzen von Ösen oder Druckknöpfe. „Das ist keine abwechslungsreiche Arbeit, aber die Präzision ist wichtig. Ein schief sitzender Druckknopf kann beim Einbau ins Auto fatale Folgen haben. Manche sagen schon, wir haben eine Manufaktur“, witzelt Michael Thomas, denn meist sind es Spezialanfertigungen, die über die Hirnarbeit des Chefs in Handarbeit von den Mitarbeitern umgesetzt werden müssen. „Die Möglichkeit der Automatisierung ist eher gering.“

Gleichzeitig erlebt Michael Thomas gerade seine Angestellten mit Behinderung als sehr motivierte Mitarbeiter. Dabei ist der Firmeninhaber keineswegs blauäugig: „Durch die lange Phase der Diskriminierung als Behinderte haben sie zum Teil auch psychisch gelitten. Erst wenn man den Menschen besser kennenlernt, merkt man, dass er zu seiner Behinderung noch andere Wehwehchen hat, die die Arbeit oder die Qualität belasten können.“ Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt und ein familiäres Arbeitsklima, das den Mitarbeiter auffängt. Dazu gehört beispielsweise auch die jährliche Betriebsfeier in der Gemeinschaft.

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Bei einem Werksrundgang ließen sich Bischof Mussinghoff und die Ehrengäste von Hausherrn Michael Thomas die Produktionswege erklären.

Bei einem Werksrundgang ließen sich Bischof Mussinghoff und die Ehrengäste von Hausherrn Michael Thomas die Produktionswege erklären.

Überzeugt hat die Einstellung von Michael Thomas auch Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff und die Spitzenvertreter des „Großen Runden Tisches”, zu denen die Agentur für Arbeit Aachen-Düren, die DGB Region NRW Süd-West, die Evangelischen Kirchenkreise Aachen und Jülich, die Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer Aachen sowie die Vereinigte Unternehmerverbände Aachen gehören. Seit 2003 vergibt der Kreis alle zwei Jahre den Preis „ausgezeichnet“ mit einem anderen Schwerpunkt, etwa der Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familienarbeit, Förderung von Langzeitarbeitslosen oder Qualifizierung älterer Arbeitnehmer und diesmal zum Thema Inklusion.

Herausgehoben hat den „Start-Up-Unternehmer“ Thomas auch, dass er bewusst und ohne gesetzliche Verpflichtung behinderte Bewerber von Anfang an eingestellt hat. Private und öffentliche Arbeitgeber mit mindestens 20 Beschäftigten müssen Menschen mit Behinderung einstellen – die Quote liegt bei fünf Prozent der Belegschaft?– oder eine Ausgleichszahlung leisten. Über zehn Prozent von Michael Thomas’ Mitarbeitern haben eine Behinderung. Und nach den positiven Erfahrungen gibt es auch schon Pläne für die Zukunft, denn die „kleine Firma“ wächst und gedeiht. Konkrete Vorstellungen hat der Unternehmer: Industrienäherinnen will er ab Herbst ausbilden, weil sie am Arbeitsmarkt Mangelware sind und Delta T gerade in diesem Berufszweig einen erhöhten Bedarf hat. „Die Frage ist ja, wen kann man dafür begeistern? Friseurin wollen viele werden, aber Industrienäherin? Hier sind vielleicht Behinderte offener für eine Ausbildung, weil sie bessere Chancen für sich am Arbeitsmarkt sehen.“

Das ist aber Zukunftsmusik: Bis zur letzten Minute hatten die Mitarbeiter von Delta T erst einmal zu tun, um inmitten der rhythmisch ächtzenden Maschinen die Bühne für den Ehrengast vorzubereiten. Bischof Mussinghoff verlieh inmitten der Werkshalle im Dürener Gewerbegebiet „Im großen Tal“ die Auszeichnung. „Einen separaten Raum haben wir dafür leider nicht“, erklärt achselzuckend der geehrte Firmeninhaber. Dafür erhielten die Gäste einen hautnahen Eindruck von der Firmenatmosphäre.

Ähnlich positive Erfahrungen hat die Aachener Printen- und Schokoladenfabrik Henry Lambertz GmbH & Co. KG gemacht, die einen Sonderpreis „ausgezeichnet“ bekam. Seit November 2013 unterhält das Traditionsunternehmen eine eigene Inklusions-Abteilung. Ein halbes Jahr hatten durch die Lebenshilfe Aachen vermittelte Schwerbehinderte im Betrieb gearbeitet und sich selbst in der betriebsamen Saisonzeit bewährt. Mit einer Festanstellung honorierte „Lambertz“ diesen Einsatz. „Wir sind froh, dass wir dieses Wagnis eingegangen sind und möchten diese Mitarbeiter nicht mehr missen“, betonte Personalchefin Mitschke stellvertretend für das Unternehmen. „Delta T und Lambertz sind ein gutes Beispiel für Unternehmen, die noch zweifeln, ob sie Inklusion wagen sollen.“

Bereits zum sechsten Mal wird das Prädikat „ausgezeichnet“ vergeben. „Anhand der Themen können Sie die Entwicklung in der Gesellschaft und der Arbeitswelt in den vergangenen zehn Jahren ablesen“, ließ Christel Pott, Geschäftsführerin des Großen runden Tisches im Bistum Aachen, die Schwerpunkte Revue passieren. „Integration von Schwerbehinderten in das Arbeitsleben“ hieß es 2003 und stellte damit dieselbe Problematik wie in diesem Jahr in den Mittelpunkt. Nicht nur die Wortwahl habe sich geändert. Heute sei klar: „Menschen werden oft behindert“, so dass sie keine Teilhabe an der Arbeitswelt haben könnten.

Lesen Sie mehr über die Preisverleihung


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