Dürener auf der Spur des Engels
Von Dorothée Schenk [02.10.2013, 15.06 Uhr]

Gemeinsam haben die Dürener „das Rad ins Rollen gebracht“, wie Künstlerin Carmen Dietrich begeistert von der Resonanz für den „Engel der Kulturen“ erfreut feststellte. Sie haben Spuren hinterlassen: Quer durch die Stadt sind blaue Engel als Wegmarkierungen auf den Boden gesprayt, und an vier Plätzen wurde der himmlische Bote in Sand gegossen.

Franz-Josef Mörsch vom Bündnis gegen Rechts begrüßte am Kaiserplatz die "Karawane"

Franz-Josef Mörsch vom Bündnis gegen Rechts begrüßte am Kaiserplatz die "Karawane"

Wie das so mit Engeln ist: Sie sind eigentlich nicht sichtbar und geben sich nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Als Friedenssymbol plante das Künstlerpaar Gregor Merten und Carmen Dietrich, den Halbmond des islamischen Glaubens, das christliche Kreuz und den Davidstern der Juden ausgewogen in einem Ring anzuordnen. Unabsichtlich, ganz „nebenbei“ entstand wie ein schicksalhafter Fingerzeig daraus als Negativform der transparente Engel. Er nimmt immer dann Gestalt an, wenn Menschen den Reif gemeinsam in Bewegung bringen, und die Himmelsboten aus Sand an besonderen Orten Akzente setzen. Seit sechs Jahren ist das Paar mit ihrer Mission und dem „Engel der Kulturen“ durch ganz Europa unterwegs.

Vor St. Joachim in Düren-Nord, wo laut Mrsg. Norbert Glasmacher die wohl größten unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen – kulturell wie religiös – zu Hause sind, sammelte sich eine fast hundertköpfige Schar an Vertreter aller monotheistischen Religionen, Menschen jeden Alters, politischen Gruppierungen und aus den unterschiedlichen Einrichtungen. Festlich geschmückt hatte sich St. Joachim als Startpunkt für diesen Tag. Es wehten Fahnen. Ein Teil der „Beflaggung“ bestand aus Bildern, die Kindergartenkinder der katholischen Einrichtung gemalt hatten und die an Bändern einen schmucken Hingucker markierten.

Die Bigband der Realschule Wernerstraße begrüßte die Gästeschar musikalisch, ehe Pfarrerin Susanne Rössler im Grußwort für die Initiatoren, das Dürener Bündnis gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt, die Losung des Tages ausgab: Die Menschen sollten Eintreten für eine Gesellschaft, die von Vielfalt lebe, Vorurteile abbaue und sich stark mache gegen Gewalt, Überheblichkeit und Dummheit. Alle seien eingebunden in den Ring der Symbole. Es gelte, die Gemeinsamkeiten zu entdecken.

„Der Kreis lässt Platz für alle, die dazu gehören wollen – mit und ohne Religionszugehörigkeit“, betonte sie. In ihn begaben sich für den ersten Sandengel Pfarrer Hans-Otto von Danwitz, Regionaldekan Hans Doncks, Imam Musa Saygili, Rabbi Max Bohrer und Bischof Ermenios von Lefka, und befüllten die Form mit dem weißen Quarzsand. Der erste Dürener „Engel“ war geboren. „Möge ein Engel mit uns auf dem Weg sein, der uns stärkt und ermutigt“, wünschte Pfarrerin Rössler den Anwesenden vor dem Start zum rund drei Kilometer langen Weg, der die katholische Kirche St. Joachim mit der DITIB Moschee, den Gedenkstelen an der ehemaligen Synagoge, dem Kaiserplatz und der evangelischen Christuskirche verband.

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Das Friedensgebet in die "Hand" nahmen zum Abschluss des Aktionstages die Vertreter aller abrahamitischen Religionen in Düren.

Das Friedensgebet in die "Hand" nahmen zum Abschluss des Aktionstages die Vertreter aller abrahamitischen Religionen in Düren.

Jeder der Orte war etwas ganz Besonderes und feierte sich und das Projekt mit eigenem Akzent: An der Moschee warteten Schüler der GHS Burgauer Allee mit Engel-Stabfiguren und St. Angela-Schülerinnen mit bunten Engeln auf Transparentpapier, während der Kindergarten Lollipop mit seinem Lied vom Land der Blaukarierten, der Rotgefleckten und Grüngestreiften zeigten, wie schon die Kleinsten spielerisch auf Integration, Toleranz und Einigkeit eingestimmt werden können. An der DITIB-Moschee sprach für den Vorstand Atila Balikçi: „Wir sind alle Söhne Abrahams, aber wie es in jeder Familie ist, jedes Kind ist anders.“ Wichtig sei der Zusammenhalt. „Wir alle haben die Verantwortung aufzuklären, und für die Verständigung der Kulturen zu sorgen“, nahm er die Anwesenden in die Pflicht. Ergänzend formulierte der türkische Generalkonsul Ba?ar ?en, der Engel der Kulturen rufe die Grundsätze der Religionsfreiheit, die in dieser Zeit so wichtig seien, wieder in die Gedanken.

Deutlich machte Pfarrer Hans-Otto von Danwitz, dass neben dem Engel, der allen abrahamitischen Religionen als Diener Gottes, Bote und Beschützer gemeinsam sei, vor allem das Gebet ein Bindeglied sei. „Es dient dazu, ganz frei zu werden – für Gott und füreinander.“
Diese künstlerische, interreligiöse Aktion soll in Düren keine Eintagsfliege bleiben, das wünschte sich Msrg. Norbert Glasmacher – und so wird es kommen.

Franz-Josef Mörsch vom Bündnis gegen Rechts verriet, dass 2014 vor der Kinder- und Jugendeinrichtung der Evangelischen Gemeinde „Multikulti“ ein „Engel der Kulturen“ aufgestellt wird, und „heute genau in einem Jahr soll ein Konzert Engel der Kulturen in der Christuskirche stattfinden.“ Dort wurde auch das große Finale gefeiert: Den Altartisch schmückte der vierte Sandengel, um den sich die Vertreter der Religionsgemeinschaften zum Friedensgebet versammelten. Abschließend verlegte Künstler Gregor Merten die Bodenintarsie „Engel der Kulturen“ auf dem Platz und brannte die neue Form aus.

Die Idee von Gregor Merten und Carmen Dietrich ist es nämlich, dass es zu einem miteinander verbundenen Weiterreichungsprozeß kommt. Die Bodenintarsie in Düren wurde in Bad Kreuznach gebrannt. Der in Düren entstandene Engel wird in Bielefeld „zum Einsatz“ kommen. Die jeweils entstehenden Positiv-Figuren der Engel nehmen die Künstler mit, fügen sie zu einer Säule mit dem Ziel, diese in der Stadt der drei großen Religionsgemeinschaften, in Jerusalem, aufzustellen.

Mehr zum Projekt "Engel der Kulturen"

Zum Bilderbogen

Ein Engel rollt durch die Stadt (1)

Ein Engel rollt durch die Stadt (2)

Ein Engel rollt durch die Stadt (3)


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