Dialog mit Soziologin Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe

Kreis Düren: Vorsorge geht vor
Von Redaktion [01.09.2013, 07.51 Uhr]

Begrüßung durch Prof. Dr. Andreas Wittrahm vom Diözesancaritasverband Aachen

Begrüßung durch Prof. Dr. Andreas Wittrahm vom Diözesancaritasverband Aachen

Es geht in unserem System viel zu häufig um Nachsorge anstatt um Vorsorge. Es wird meistens erst gehandelt, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist“, beklagte die Soziologin Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe auf der dritten und zugleich letzten der Dialogveranstaltungen, zu der der Diözesancaritasverband Aachen im Rahmen der bundesweiten Jahreskampagne „Familie schaffen wir nur gemeinsam“ eingeladen hatte. 45 Vertreter von Politik, Verwaltung, Kirchen, Verbänden und andere Interessierte waren in die Geschäftsstelle der Caritas Düren-Jülich gekommen.

In ihrem Fachvortrag zum Thema „Verantwortung des Sozialstaates für Familien“ zeichnete die Lehrstuhlinhaberin an der Gießener Justus-Liebig-Universität und allgemein anerkannte Expertin den engen Zusammenhang zwischen (früh-)familiärer Sozialisation, dem erworbenen Bildungsgrad und dem späteren individuellen Armuts- beziehungsweise Krankheitsrisiko auf. Zugleich kritisierte sie fortschreitende soziale Separierungs- und Armutstendenzen im Land, die sich unmittelbar negativ auf das Leben von Familien und ihre gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten auswirkten. „Wenn man sich den ausufernden Niedriglohnsektor und die Verwerfungen am Arbeitsmarkt anschaut, dann darf man sich über die sozialen Folgen nicht wundern“, prangerte die Wissenschaftlerin an. Insbesondere Alleinerziehende und deren Kinder seien die Leidtragenden dieser Entwicklung.

Gleichberechtigte Zugangschancen zu Bildung und gesellschaftliche Teilhabe bereits von Kindesbeinen an, sei ein ausschlaggebender Integrationsfaktor, der über die späteren Lebenschancen von Menschen maßgeblich mitentscheide. Aus diesem Grunde warb die Soziologin eindringlich für eine präventive Gesellschafts- und Sozialpolitik, die – gewissermaßen von der Wiege bis zur Bahre – hochwertige, Institutionen übergreifende und Lebenslauf begleitende Unterstützungs-Strukturen für Kinder und Eltern gleichermaßen priorisiere. Ziel einer solchen Politik müsse die Schaffung von Chancengleichheit durch möglichst frühzeitige Befähigung des Einzelnen sei, sein Leben eigenverantwortlich zu gestalten.

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Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe

Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe

Jeden Euro, den Staat und Kommunen bereits heute in eine kluge und weitsichtige Sozialpolitik investieren, könnten diese später bei der nachträglichen Bewältigung sozialer Folgekosten und gesellschaftlicher Fehlentwicklungen um ein Vielfaches einsparen. Frühkindliche Förderung unter Einbeziehung der Eltern wirke sich, wie verschiedene Studien belegten, nachweislich positiv auf die jeweilige Gesundheits- und Bildungsbiographie des Einzelnen aus. „Investitionen in frühe Hilfen sind Investitionen in die Zukunft, die eine hohe Rendite versprechen“, sagte Meier-Gräwe.

Angesichts des demographischen Wandels und der weiter fortschreitenden Erosion des klassischen Familienbildes sprach sie sich für einen Ausbau von bedarfsorientierten, möglichst quartiersnahen und niederschwelligen Hilfs- und Unterstützungsangeboten für Familien aus, die den unterschiedlichen Bedarfen innerhalb der jeweiligen Familienkonstellation und der Problemlage im Stadtteil stärker als bisher Rechnung tragen sollten. „Wenn es uns gelingt, diese Unterstützungsangebote möglichst quartiersnah zu platzieren und dies auch noch entsprechend kommuniziert wird, dann werden sie auch angenommen“, nannte die Expertin als Beispiel die Familienzentren. Hierzu schlug sie eine stärkere Verzahnung von wesentlichen Politikfeldern sowie eine engere Kooperation von haupt- und ehrenamtlichen Akteuren vor.
Da der Staat nicht alles alleinverantwortlich regeln könne, rückten besonders das Ehrenamt als „brückenbildendes Kapital“ einer Gesellschaft und die hauhaltsnahen, sozialen Dienstleistungen, die von hoher wertschöpfender Bedeutung seien, zukünftig noch stärker in den Fokus. Sie dürften aber nicht dazu führen, die staatlichen Institutionen aus ihrer sozialen Fürsorgepflicht zu entlassen. „Es geht vor Ort in den Kommunen auch immer darum, nach klugen, strategischen Allianzen zu schauen“, so Gräwe.

Bei der Entwicklung von Präventionsnetzwerken und deren Etablierung in den jeweiligen Sozialräumen sollten besonders auch Problemviertel in den Blick genommen werden. Eine Umverteilung von Bildungsmitteln, die in Deutschland allerdings immer umstritten sei, sei daher langfristig unausweichlich. Hierbei müsse allerdings stets der investierende und weniger der alimentierende Gedanke im Vordergrund der sozialpolitisch Handelnden stehen. Dass Deutschland nach wie vor eines der wenigen Länder in Europa sei, das sich den Luxus erlaube, bislang keine Vermögenssteuer zu besitzen, sei hinsichtlich der Finanzierbarkeit ein Aspekt, den man politisch ausdiskutieren müsse.


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