Düren: Bunte Geschichten statt grauer Alltag
Von Redaktion [23.09.2010, 07.25 Uhr]

Gerne nutzte der ehemalige Bremer Bürgermeister Dr. Henning Scherf (sitzend) die Gelegenheit, sich von Landrat Wolfgang Spelthahn und Elke Ricken-Melchert das Projekt der ehrenamtlichen Vorlesepaten vorstellen zu lassen.

Gerne nutzte der ehemalige Bremer Bürgermeister Dr. Henning Scherf (sitzend) die Gelegenheit, sich von Landrat Wolfgang Spelthahn und Elke Ricken-Melchert das Projekt der ehrenamtlichen Vorlesepaten vorstellen zu lassen.

Leere Kinderwagen, volle Altenheime – der demografische Wandel kann einem Angst machen. Muss er aber nicht. Wer Dr. Hennig Scherf, dem ehemaligen Bremer Bürgermeister und Autor von Büchern wie „Grau ist bunt“ und „Gemeinsam statt einsam“ zuhört, der bekommt – überspitzt formuliert - Lust auf graue Haare und dritte Zähne. 75 Minuten sprach der 72-Jährige jetzt im Kreishaus Düren vor knapp 200 Zuhörern übers Älterwerden und Altsein, über Lebensfreude, Kreativität, über Demenz, Sterben und Tod.

„Ich könnte Ihnen noch stundenlang erzählen“, schloss der Referent der 1. Generationenbörse, zu der die „Initiative Familie im Kreis Düren – Eine runde Sache!“ und die ISaR, ein Zusammenschluss von über 1300 Senioreneinrichtungen im Kreis Düren, eingeladen hatten. Der begeisterte Applaus ließ darauf schließen, dass das Publikum jede weitere Minute genossen hätte. Denn Scherf ist kompetent, hat Lebenserfahrung und kann ausgezeichnet erzählen.

Als die Kinder aus dem Haus waren, haben er und seine Frau selbiges verkauft, um mit anderen eine Wohngemeinschaft zu gründen. Von den ursprünglich 20 Begeisterten haben zehn den unkonventionellen Schritt getan und leben nunmehr seit 23 Jahren unter einem Dach, haben Raum für Gemeinschaft und Privates.

Das ist der Gegenentwurf von zukunftsorientierten Menschen. „Die Bevölkerung schrumpft, dennoch nimmt die Zahl der Haushalte zu, weil immer mehr Menschen allein leben. Am Ende ziehen sie notgedrungen in ein Pflegeheim um – soll das die einzige Antwort sein?“ Scherf sagt nein und wirbt für neue Wege. Und das tut Not. „Wir sind die ersten Menschen, die richtig, richtig alt werden“, sagt er und warnt: „Denken Sie als Rentner bloß nicht: Das war’s jetzt ... Im Alter ist noch so viel möglich.“

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Scherf wirbt für generationenübergreifende Begegnungen, für Neugier und kulturelle Kreativität („Wissen Sie, welche Talente in Ihnen schlummern?“) und für ehrenamtliches Engagement. Das bezeichnet er als Fundament unserer Zivilgesellschaft. „Außerdem hält ein Ehrenamt jung, denn man tut auch immer etwas für sich.“

Henning Scherf ist es gegeben, auf andere zuzugehen. Schon als er den Saal betritt – wegen widriger Verkehrsverhältnisse schöpft er das akademische Viertel aus –, nimmt er sich Zeit, begrüßt ein halbes Dutzend Menschen per Handschlag. Und auch nach seinem Vortrag hat er offene Ohren für viele und trägt sich auf Einladung von Landrat Wolfgang Spelthahn in das Gästebuch des Kreises Düren ein.

Der „gelernte Opa“ sucht aber nicht nur Kontakt zu Jüngeren, sondern auch zu Alten und Demenzerkrankten. Er erzählt von rührenden Begegnungen, von Sterben und Tod. Berichtet, wie er neben einer „fremden Frau“ geschlafen habe, damit die Erkrankte selbst habe einschlafen können. „Wir müssen uns gegenseitig tragen, auf einander verlassen können. Es ist klug, frühzeitig Strukturen zu entwickeln, die das ermöglichen.“ Scherf plädiert, sich in gewachsener Nachbarschaft umzuschauen, aufmerksam zu bleiben, aktiv zu werden statt sich an einer Klagemauer auszuheulen. In Scherfs Anekdoten wird greifbar, wie sehr Menschen Verantwortung für sich und andere tragen.

Ehrenamtlich Verantwortung für andere übernehmen, das tun schon viele Menschen im Kreis Düren: durch Familienpatenschaften, Seniorenbegleitung, Unterstützung von Schülern und Auszubildenden, durch Begleitung von Behinderten, Engagement in der Hospizbewegung oder im Naturschutz. Im Anschluss an seinen Vortrag nutzte Hennig Scherf die Gelegenheit, die aufgebauten Themeninseln zu besuchen, an denen die Aktiven ihre Angebote vorstellten und zum Mitmachen einluden. „Es ist faszinierend, wie optimistisch Sie in die Zukunft blicken, während andere uns das Älterwerden in Horrorszenarien ausmalen“, bedankte sich Landrat Wolfgang Spelthahn für den Motivationsschub, den Scherf den Menschen im Kreis Düren gegeben hat.


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